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Die Brücke brennt!
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(Bild: Emanuel Ammon/AURA )

«Auch Büezer sind wichtig» Die Brücke brennt!

4 min Lesezeit 03.05.2016, 09:03 Uhr

Es kommt nicht darauf an, wie man seine Brötchen verdient. Hauptsache, man tut es gerne. Und brauchen tut es uns alle. Das zeigt sich etwa, wenn wieder mal die Kapellbrücke brennt.

Eine der häufigsten Fragen, die ich von Interessenten an meinem Studiengang gestellt kriege, ist folgende: «Kann man damit später auch was verdienen?» Oder anders: «Finde ich einen Job?»

Die ehrliche Antwort ist: «Keine Ahnung! Ich bin keine Hellseherin.»

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Die Antwort, die ich gebe: «Keine Ahnung! Ich bin auch keine Hellseherin, aber wenn du ein einschlägiges Praktikum machst oder sonst mal zwischendurch jobbst, kommst du deinem Traumjob bestimmt ein Stück näher.»

Abnehmende Geisteswissenschaften

Selbstverständlich kenne ich die Argumentation der Schäfchenpartei, doch wer sich einmal die Mühe der Recherche macht, stellt fest, dass die Lage nicht so dramatisch ist, wie sie von dieser Seite propagiert wird. Die Anzahl der GeisteswissenschaftlerInnen nimmt viel eher ab, dagegen ist (Betriebs-)Wirtschaft am Boomen.

«Büezer sind wichtig!»

Immer wieder erinnere ich mich an einen Schreiner, den ich in der Metzgerhalle kennengelernt habe, der mir einreden wollte, dass es auch Menschen bräuchte, die schuften. Deshalb, so seine Behauptung, könnten nicht alle studieren. «S muess no Lüt gäh, wo wei chrampfe, d Kapubrögg het sech ned vo sälber bouet.» Geschenkt! «Büezer sind wichtig!»

Nur noch Krisen

Aber wenn die Landschaft der Intellektuellen nur noch aus Betriebswirtschaftlern besteht, die obendrein auch alle noch dieselben Wirtschaftsvorgänge lernen, die uns die letzten paar Wirtschaftskrisen beschert haben, dann braucht es die Geisteswissenschaft mehr denn je. Ein Volkswirtschaftsstudent kennt heutzutage nur noch Wirtschaftskrisen.
Und nachdem die Banken gerettet wurden und ein unbedeutender Manager verhaftet wurde, soll es weitergehen wie bisher. Dass das System anfällig, fragil und keinesfalls so banal ist wie die Modelle, die wir lernen, weiss jeder und jede. Und wenn es wieder so weit ist, braucht es Menschen, die nicht einfach nur nach vorgegebenem Schema arbeiten, sondern in der Lage sind, die komplexe Situation zu analysieren.

2,8 Prozent bleiben ohne Arbeit

Eine Absolventenbefragung aus dem Jahr 2013 hat ergeben, dass fünf Jahre nach dem Studium gerade mal noch 2,8 Prozent der GeisteswissenschaftlerInnen ohne Arbeit bleiben. Bei den viel umsorgten Exaktwissenschaften sind es 3,8 Prozent. Zur gleichen Zeit beläuft sich das Bruttojahreseinkommen von Geisteswissenschaftlern auf 90’000 Franken. (Einmal mehr ist dies der Beweis dafür, dass Recherche besser ist, als sich auf Aussagen der Politiker zu verlassen.)

Vielleicht sollte ich diese öffentlich zugänglichen Fakten nicht jedem und jeder mitteilen, der/die sich für ein ähnliches Studium interessiert. Aber die Phrase «Unsere Wirtschaft hat nicht die Kapazität für sie alle» zieht schlichtweg nicht mehr. Und selbst wenn die Lage so dramatisch wäre, wie sie von kahlköpfigen alten Männern propagiert wird, würde ich euch alle dennoch dazu einladen, euch den Geisteswissenschaftlern anzuschliessen, wenn ihr das wollt. Es ist nicht die Wirtschaft, welche uns nicht zu schätzen weiss. Manchmal glaube ich, es sind eher die Menschen, die selbst gerne ein solches Fach studiert hätten und es aus wirtschaftlichen Gründen unterliessen.

«Und wer noch immer Manager werden will, soll sich mal die Selbstmordstatistiken ansehen.»

GeisteswissenschaftlerInnen absolvieren häufig ein Praktikum oder arbeiten nebenbei. Auch das zeigen die Statistiken. Ja, wir krampfen auch! Nur eben auf andere Art und Weise. Und ja, wir werden bezahlt dafür. Ja, die Arbeit macht Spass. Ja, du findest einen Job, wenn du wirklich willst.

Die Leistungen wertschätzen

Also lasst uns alle das studieren, was uns glücklich macht, und vor allem lasst uns einander und die gegenseitigen Leistungen wertschätzen. Auf eine Art und Weise, die es uns erlaubt, nicht verurteilt zu werden, wenn man einen kreativen oder sozialen Beruf ausübt. Nur weil jemand berufsbedingt Theater spielt oder fotografiert, heisst das nicht, dass er nicht auch arbeitet. Und wenn wir anfangen, diese Leistungen wertzuschätzen und auch kreative Personen angemessen zu bezahlen, erledigt sich das (nicht vorhandene) Problem von selbst.

In den Köpfen der Menschen ist noch immer fest verankert, dass Arbeit das ist, was du lieber lassen würdest, um länger auszuschlafen. Meiner Meinung nach ist Arbeit mehr als Warten aufs Wochenende. Und wer noch immer Manager werden will, soll sich mal die Selbstmordstatistiken ansehen. Und wer danach noch immer Manager werden will: Hey, im Herbst eröffnet die neue Wirtschaftsfakultät der Uni Luzern.

Und falls die Kapellbrücke wieder einmal brennt, dann braucht es uns ja eh alle. Schreiner, die sich um den Wiederaufbau kümmern, Ökonomen, welche die Finanzierung planen, und Geisteswissenschaftler, die uns erklären, warum diese Brücke nicht nur einen touristischen, sondern auch einen historischen und kulturellen Wert besitzt.

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