Das Krankheitsbild der Generation Y

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Die Millennials oder eben: Generation Y. (Bild: Fotolia)

Hunderte von verschiedenen Studienrichtungen, ein Jahrmarkt aus «How-you-could-live-a-life» Vorbildern und die stetige Suche nach Sinn. Ein Leben im Taumel der unbegrenzten Möglichkeiten.

Hunderte von verschiedenen Studienrichtungen, ein Jahrmarkt aus «How-you-could-live-a-life» Vorbildern und die stetige Suche nach Sinn. Ein Leben im Taumel der unbegrenzten Möglichkeiten.

Wenn alles nach Plan läuft, kann ich mich noch in diesem Jahr als Bachelorabsolventin beweihräuchern. Eigentlich sollte ich mich ja darüber freuen, doch die Frage, was nachher kommt, beschäftigt und beängstigt mich jetzt schon. Ich fühle mich bereits eingeengt, wenn ich mich beim Chinesen für Reis oder Nudeln entscheiden muss. Wie soll ich dann bitteschön wissen, was ich nach dem Studium machen will? Getrost kann ich sagen, dass ich mich perfekt ins Krankheitsbild unserer Generation einfüge.

Leben im Konjunktiv

Generation Y nennen wir uns, jene Alterskohorte mit den Jahrgängen von den Achtzigern bis kurz vor die Jahrtausendwende. «Y» wie im Englischen «Why». Logisch. Die Letter steht sinnbildlich für eine Generation des stetigen Hinterfragens, über die sich die Älteren das Maul zerreissen. Wie in allen neuen Generationsbildern vor uns, wird das Heranwachsen mit Argusaugen beobachtet und an allem Kritik geübt.

Wie so viele meiner Zeit, tue auch ich mich schwer, mir einen konkreten Lebensplan vorzustellen. Damals das Gymi und jetzt das Studium fühlen sich an wie eine Übergangszeit. Tagtäglich werde ich mit Wissen bombardiert, lese mich in Themen ein und sollte auch ausserhalb des Studierendendaseins so allmählich meine Präferenz herausfinden. Vorbereitung auf das «richtige» Leben. Ans Gymi ging ich, da die Noten respektabel waren und mir viele Lehrstellen zu wenig Biss hatten.

Nach vier Jahren kam erneut die Frage: «Und was nun?» Ich entschied mich für Kulturwissenschaften, da es sehr breit angelegt ist und ich dachte, dies würde meiner Entscheidungsschwierigkeit Rechnung tragen. Doch lange liessen die Zweifel auch hier nicht auf sich warten. Der beliebte Konjunktiv klopfte immer lauter an die Tür meines Verstandes:«Hätte ich nicht doch ein Studium wählen sollen, bei dem man vorgegebene Stundenpläne hat und eine spezifische Berufsaussicht?» Denn die gefeierte Frage: «Und was machst du später », welche Helen Stadlin in ihrer ersten Kolumne bereits treffend geschildert hat, wird nicht nur fremdgestellt, sondern auch ich stelle sie mir andauernd.

Was stelle ich mit meinem Leben an?

Diese, man könnte fast sagen, Gretchenfrage, betrifft eine grosse Anzahl jener, die in der Generation Y leben. «Was fange ich bloss mit meinem Leben an? Ist das die richtige Entscheidung?» Pipapo. Die Pubertät sollte als Zeit der Selbstfindung und Orientierung dienen, doch heute kann diese Phase gelegentlich bis Dreissig dauern. Wer weiss, ob ich morgen das Studium schmeisse und das Himalaya-Gebirge bezwingen will? Die Chance ist klein, doch ich möchte wenigstens meine Möglichkeit nicht verbauen. Und von diesen gibt es zuhauf. Doktorieren? Um Himmelswillen, never! Ein Semester in Paris an einer Modeschule? Ein Traum! Doch wieso tun wir uns so schwer? Sind wir heillos überfordert vom Überangebot oder sind wir einfach willensschwach und entscheidungsfaul?

Grössenwahnsinnig und selbstverliebt

Aussenstehende würden unsere Generation wie folgt beschreiben: Die Ypsiloner sind Digital Natives und können kaum mehr eine normale Konversation ohne beiliegendes Smartphone führen. Sie werden zunehmend asozialer. Sie sind grössenwahnsinnig und haben ein Flair dafür, mit ihren überragenden Fähigkeiten zu hofieren. Sie können von allem ein bisschen aber nichts wirklich. Sie fangen alles an, doch beenden tun sie es selten. Sie wollen nicht arbeiten und sind sowieso immer nur mit sich selbst beschäftigt. Sie können sich nicht entscheiden und wollen sich nicht festlegen. Sie zweifeln an allem, vor allem an sich selbst.

Wahrlich ist es nicht gelogen, dass die Mitglieder der Generation Y im Mutterleib des Internets herangewachsen sind und durch Instagram, Twitter und YouTube die Welt kennen lernen. Soziale Medien gehören zu unseren treusten Wegbegleitern. Mögen wir zuweilen Fingerkrämpfe vom Herunterscrollen des Bildschirms haben, können wir, dank unserem Know-how am Puls der Zeit Grosses vollbringen. Nicht zu vergessen, dass eine grosse Zahl akademische Luft schnuppert. Zu unserem Portfolio zählt Bachelor of Arts, Master in Science und dergleichen und nebenbei hat sicher schon jeder zweite irgendwo einen Auslandaufenthalt hinter sich.

Generation Bildung

Keine Generation vor uns war je so gut gebildet. Durch unsere Weltgewandtheit können wir über den Tellerrand blicken und Verknüpfungen anstellen, vielleicht sogar in Englisch, gebrochenem Französisch oder Bar-Spanisch. Denn besser als gar nicht, können wir es wennschon ein bisschen. Dazu kommt, dass wir uns nicht in Prestigegeilheit üben. Wir arbeiten heute weniger für den Erwerb eines Autos der Luxusklasse oder eine TAG Heuer. Nein, unsere Arbeit soll Spass machen und, most importantly, einen Sinn haben. Deswegen wohl auch die vielen Standort- und Sinnwechsel. Selbstverwirklichung ist die Maxime unserer Generation und Selbstbestimmung das dazugehörige Statussymbol. Gefällt uns etwas nicht, gibt es einen (Radikal)-Umschlag. Ganz im Sinne von «Yolo» (You only live once). Wieso Zeit verschwenden mit etwas, was uns nicht weiterbringt? Der Vorwurf also, wir würden nicht arbeiten wollen, kann widerlegt werden. Wir wollen, nur anders. Starre Arbeitsvorschriften sind uns zuwider. Es stimmt, dass eine gesunde Work-Life-Balance auf unserer Prioritätenliste ganz oben steht. Nach was wir suchen, können wir nicht genau eruieren. Doch ist nicht die alte Leier von «Der Weg ist das Ziel» enorm zutreffend? Vielleicht kommen wir über tausend Umwege zu unserer Erfüllung? Ist es denn nicht sogar schön, wenn man sich nicht gleich zufrieden gibt und so nach mehr strebt? Der Zeitgeist lehrt uns, dass alles machbar ist. Wieso also nicht diese Opportunitäten testen und zwar so viele wie nur möglich?

Überangebot an Möglichkeiten

Hier zeigt sich der markante Unterschied zu vorgehenden Generationen. Wir haben alle Möglichkeiten der Welt und ja, dies überfordert uns zuweilen (sehr). Ja, wir scheuen uns vor grossen Entscheidungen, ja, wir sind kritisch (auch mit uns selbst), ja, wir sind technologiebegeistert und ja, wir wollen arbeiten. Sich zurechtfinden in dieser komplexen Welt ist eine Herausforderung. Ich plädiere somit für mehr Verständnis für unsere Generation.

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