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Darum sind Referate keine guten Leistungsnachweise
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«Präsentation beenden»: Es dürfte sinnvoll sein, in Seminaren der Universität generell von Referaten abzusehen. (Bild: Nathalie Reichel)

Daumen hoch für die Uni Luzern Darum sind Referate keine guten Leistungsnachweise

4 min Lesezeit 1 Kommentar 04.05.2020, 10:54 Uhr

Vorträge von Studierenden sind leider an vielen Universitäten keine Seltenheit. Für viele Dozierende ist das eine unkomplizierte Lösung, doch der Lehr- und Lerneffekt liegt bei dieser Art von Leistungsüberprüfung nicht so hoch. Und er macht auch nur halb so viel Spass.

«Bitte tragen Sie sich auf der Vortragsliste ein», hiess es vor einigen Jahren noch in der ersten Sitzung fast jeden Seminars. Und zwar mit aller Selbstverständlichkeit. Etwas anderes als ein Referat kam als Leistungsnachweis gar nicht in Frage.

Na ja, zumindest nicht bei den Seminaren der Philosophisch-Historischen Fakultät an der Uni Basel war dies so. Als ich in meinen ersten Semestern diese Aufforderung des Dozenten oder der Dozentin hörte, schnürte sich mein Magen zu einem Knoten zusammen.

Ich gehöre nun einmal zu jenen, die nicht gerne Vorträge halten. Ich dachte: «Wo bin ich denn hier gelandet, wieder in der Schule?» Mit der Zeit gewöhnte ich mich – ob ich wollte oder nicht – an diese Form von Leistungsüberprüfung, stellte jedoch auch etwas fest:

Dass Referate eigentlich gar nichts bringen.

Ein Referat und fertig

In solchen Seminaren sah die Situation nämlich meistens folgendermassen aus: Jeder Student und jede Studentin bereitete sich (allein oder in der Gruppe) für jene Sitzung vor, an der das Referat gehalten wurde. Und danach hatte sich die Sache mit dem Leistungsnachweis und dem Seminar so gut wie erledigt und eine innere Stimme sagte:

«Man lehne sich nun zurück und mache gescheitere Dinge als dem Seminar zu folgen, denn der Leistungsnachweis ist ja schon erbracht.» Die gesamte Semesterveranstaltung hatte sich somit praktisch auf eine Doppelstunde verkürzt.

Nach der Präsentation werden die Inhalte der Veranstaltung manchmal sekundär. (Bild: Nathalie Reichel)

Gähnende Leere

Diese Gedankenweise verwandelte sich in eine bittere Realität innerhalb der vier Wände des Seminarraums: Weitgehend herrschte gähnende Leere. Bis auf die Referierenden natürlich. Und den Dozenten oder die Dozentin sowie wenige, an einer Hand abzuzählende Studierende, die ab und zu die Monotonie des Vortrags brachen. Die restliche Gruppe dürfte die Texte der aktuellen Woche nicht einmal gelesen haben. Wozu auch?

Man kommt hinein, hört den Vortrag und geht wieder. Natürlich ist hier ein Extremzustand beschrieben. Viele der Referentinnen und Referenten bauten Gruppenarbeiten ein oder stellten Fragen, die dann aber leider viel zu oft einfach nur ins Leere gingen.

Kreativer und effizienter

Die Universität Luzern scheint dieses Problem nicht zu kennen, so ist zumindest mein Eindruck in den Seminaren der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Falls das immer schon so war, umso besser! Eins ist sicher:

Die Dozierenden hier lassen sich nicht nur viel kreativere Leistungsnachweise einfallen, sondern auch viel effizientere. Besonders beliebt sind sogenannte Memos, also Kurzessays, die wöchentlich oder mehrmals im Semester geschrieben und abgegeben werden.

Das tönt zunächst nach viel Aufwand. Schnell zeigt sich jedoch der Mehrwert solcher kleinen Hausarbeiten.

Einmal gleich keinmal

Hat man wöchentlich oder zumindest mehrmals im Semester Memos – keine Zusammenfassungen! – abzugeben, in denen man den gelesenen Text reflektiert, so kommt man nicht drum herum, die Texte auch jedes Mal oder zumindest regelmässig zu lesen.

Pluspunkt für die Dozierenden, die prima überprüfen können, ob die Seminarteilnehmer die Kreditpunkte am Ende des Semesters wirklich verdient haben.

Im Gegensatz zum an der Uni Basel erlebten System mit den Referaten, setzt man sich – wohl oder übel – nicht einfach nur einmal mit einem Teil des Seminarthemas auseinander. Schliesslich ist einmal gleich keinmal.

Der Vorteil ergibt sich aber durchaus auch für die Studierenden: Wer stimmt mir nicht zu, dass Gruppendiskussionen spannender sind, wenn man auch weiss, worum es geht?

Akademisch sinnvoller

Auch auf einer wissenschaftlichen Ebene bringen einer Studentin Memos langfristig viel mehr als das Anhören einer Aneinanderreihung von Vorträgen.

Durch ebensolche Hausarbeiten wird man nämlich dazu aufgefordert, nicht nur regelmässig Texte zu lesen, sondern sich auch mit den darin beschriebenen Theorien, Konzepten, Fragestellungen oder empirischen Befunden auseinanderzusetzen.

Was konkret heissen soll, dass viele sich schriftlich automatisch eher als im Plenum getrauen, die wissenschaftlichen Texte zu hinterfragen, zu kritisieren und weiterführende Gedanken anzubringen.

Und das ist doch genau das Ziel einer akademischen Ausbildung. Also, in dieser Hinsicht: Daumen hoch für jene Dozierenden der Uni Luzern!

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1 Kommentare
  1. Dörflinger André, 04.05.2020, 17:00 Uhr

    Es gibt wegen evo-, eva-lutiver Entwicklung seit den 1968er ( > 1980er) Studenten-Unruhen ohnehin zu viele Uni-studierende, die einem brotlosen Studienzweig frönen und später, frustriert, als Taxifahrer arbeiten….. Zu viele Theorien verpuffen, weil sie volkswirtschaftlich nichts “bringen“ > das (all)-gemeine Volk sie nicht hören will, ergo auch nicht deren gewählt werden wollende Opportuni-Politikerkaste.// Die echte, nützliche Arbeit sollen dann die “andern“ (Ausländer, pol. Unterklasse) verrichten, währenddem die erwerbslosen Verstudierten diskutierend “stempeln“ gehen, das hat auch was zu tun mit den Chancen auf dem Heiratsmarkt, denn “Frau“ heiratet, wenn überhaupt noch, sozial n u r nach aufwärts. (4.05.20)
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