Auch ich kam als verwirrtes Landei nach Luzern
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Morgens an der frischen Bergluft … (Bild: Ida Huwyler)

Wo gehöre ich hin? Auch ich kam als verwirrtes Landei nach Luzern

3 min Lesezeit 7 Kommentare 22.03.2021, 10:58 Uhr

Für das Studium ziehen viele Studentinnen vom Land in die Stadt Luzern. Das ändert den Blickwinkel, kann aber auch verwirren.

Fluchend stand ich bereits zum dritten Mal vor der Franziskanerkirche. Würde ich es zum Bahnhof schaffen oder auf Sisyphos’ Spuren den Rest meines Lebens um diese Kirche herumwandern? Statt wie eine Studentin nach einer Lehrveranstaltung an der Pfistergasse fühlte ich mich wie eine Touristin auf der falschen Seite der Kapellbrücke.

Diese Episode ereignete sich vor einigen Jahren, als ich an der Pädagogischen Hochschule studierte und diese damals genauso wie die Universität über die ganze Stadt Luzern verteilt war. Für ein Landei wie mich bedeutete dies eine zusätzliche Herausforderung im Studienalltag und ich war froh, konnte ich meistens wie ein Kälbchen der Kuh meinen Studienkolleginnen hinterhertrotten.

Die armen Städterinnen …

Heute lebe ich in der Stadt Luzern und es ist für mich nicht mehr nachvollziehbar, wie man sich auf dem Weg von der Pfistergasse zum Bahnhof verirren kann – sind es doch gerade mal einige hundert Meter.

Ich erinnere mich aber daran, wie viel Mitgefühl ich zu Studienbeginn mit den Stadtbewohnern hatte: Mussten diese doch hinter kleinen Fenstern in riesigen Häusern leben, den Herbst unter einer Nebeldecke verbringen und dafür im Sommer gefühlte 27 Stunden täglich eine Affenhitze über sich ergehen lassen. Und war es draussen doch mal angenehm, dann waren 10’000 Nachbarn sicher auch dieser Meinung.

… und die noch ärmeren Landbewohner?

Heute fühle ich genau umgekehrt. Besuche ich meine Eltern in dem Bergdorf, in welchem ich aufgewachsen bin, tun mir dessen Einwohnerinnen leid. In den Wintermonaten ist ab sechs Uhr abends niemand mehr unterwegs und tagsüber sind es auch hauptsächlich die Skitouristen in ihren fahrenden Blechbüchsen, die den Geräuschpegel dominieren.

Die neuesten Storys über Hedwigs neue Hüfte und Karis Kummer wegen seines kaputten Töfflis hauen mich auch nicht gerade aus den Socken. Immerhin haben meine Eltern einen Feldstecher in der Küche, um die grasenden Gämsen auf der anderen Talseite zu beobachten.

Hannah Montana

Klar, eine Odyssee um die Franziskanerkirche und Langeweile auf dem Land sind beides First-World-Probleme. Und doch: Die Kluft zwischen Stadt und Land, von Politikwissenschaftlern als «Cleavage» bezeichnet, scheint mir in der Schweiz sehr präsent und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dies so bald ändern wird. Und manchmal weiss ich selber nicht, wo ich hingehöre: aufs Land, weil ich den Duft von Heu liebe und mich über die Abgehobenheit der Städter nerve? Oder in die Stadt, wo was läuft und ich mich mit meinen Freunden über die Ewiggestrigen aus Hinterpfupfigen aufrege? Hin- und hergerissen wie eine Pubertierende fühle ich mich da … Aber eigentlich muss ich mich ja gar nicht entscheiden. Was sang damals Miley Cyrus alias Hannah Montana? «You get the best of both worlds!»

Nachts in der beleuchteten Stadt, wieso nicht? (Bild: Sabrina M. Eberli)

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7 Kommentare
  1. Rene Renward, 22.03.2021, 21:16 Uhr

    Luzern ist doch mehr Fischerdorf denn Stadt. Gut die Bewohner haben sich schon früh selbst eingesperrt (Stadtmauer) und ihre eigenen Brötchen gebacken (Zunftmentalität) aber das freiheitliche Denken gibt es dort kaum. In den Bergen lernst Du Dich selbst kennen und Deine Probleme selbst zu lösen. Da hast Du den
    Stadtbewohnern einiges voraus und das darfst Du nicht verlieren. Also kein Minderwertigkeitsgefühl und stell Dein Licht nicht unter den Scheffel.

  2. Peter Paul (Land), 22.03.2021, 17:54 Uhr

    Stadt oder Land, Katholisch oder Protestantisch, Mann oder Frau, Alt oder Jung, Links oder Rechts, Arm oder Reich, Gesund oder Krank, Werktätig oder Pensioniert, Hunde- oder Katzenliebhaber, Coop- oder Migros, Verheiratet oder nicht, eigene Kinder oder keine, Deutsch oder andere Muttersprache, Schweizer Pass oder nicht, Corona geimpft oder nicht, gross oder klein, traurig oder glücklich, Bier- oder Weintrinker, Ja oder Nein-sager, Fleischesser oder Vegetarier, Auto- oder Zugfahrer, Fussball- oder Eishockeyfan, Links- oder Rechtshänder. Ob von Geburt an zugeschrieben oder sich selber angeeignet, es reichen 23 Merkmale um die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen in unserem Lande aufzuzeigen, da es nur schon aufgrund dieser banalen Fragen 2 hoch 23 = 8’388’608 Kombinationen gibt. Selbstverständlich sind wir alle noch viel spannender und vielschichtiger als es diese zufällig gewählten Merkmale sind. Um das zu entdecken, muss man aber anderen Menschen mit Respekt begegnen und ohne Vorurteile zuhören.

  3. Paul Bründler, 22.03.2021, 16:53 Uhr

    Liebe Corinne Huwyler,
    Alles gut!
    Der grösste Irrtum von «Landeiern» wenn sie in die Stadt kommen ist, dass sie glauben sie müssten linken und rotgrünen Unsinn nachplappern um «dabei» zu sein. Man nennt diesen Quark auch «urban».
    Mein Tipp an dich: Das musst du nicht!
    Bleib wie du bist, bleibe kritisch und bediene dich deines Verstandes.

  4. Franz Schmidger, 22.03.2021, 13:54 Uhr

    Liebe Corinne Huwyler, als Lanbewohne würde ich mich nie messen mit Städtern. Bis ich 10 Jahre alt war, meinte ich auch, in der Stadt habe man es einfach besser. Es gibt sicher Vorteile. Aber eines ist ganz sicher, Lebenserfahrung kannst du dir in der Stadt keine holen, weil du dort von allem abgeschottet bist, vom Wetter, von der Natur, ja von der ganzen Welt. Städter wachsen wie du sagst, in Wohnungen auf wie Kaninchenställe, zwischen Häuserzeilen, ohne jeglichen Weitblick, im Wechselbad zwischen Wohncontainer zum Bürocontainer. Das gbit ja Depressionen noch und noch. Ja, Büromenschen geht noch, aber viele davon sind gar noch Beamten, welchen sowieso jeden Sachverstand fehlt. Städter sind auch Gsüchtipüntel, ohne jegliche Abhärtung, warum sonst wären die Leute auf dem Lande gesünder und haben sogar die tieferen KK-Prämien? Doofe Städter erlauben sich, der Landbevölkerung zu sagen, dass z.B. der zu dulden sei und zu schützen sei. Eine solche wolfsschützende Person, ich könnte sie beim Namen nennen, war zu tiefst erschüttert, als sie in Lichtschacht ihrer Wohnung Mäuse vorfand. Wir mussten sofort und mit allen möglichen Massnahmen dafür sogen, dass dies Mäuse umgehend exekutiert wurden. Nur lächerlich…Städter eben… minderwertige hilflose Kreaturen…hi. Es freut mich, dass sie doch sich selbst geblieben, ländlich geblieben sind.

    1. Richethaler, 22.03.2021, 18:22 Uhr

      😂🤣

    2. B Suter, 22.03.2021, 18:44 Uhr

      Da scheint ja jemand heftige Komplexe zu haben.

    3. Iris Hotz, 22.03.2021, 21:25 Uhr

      Sie könnten also eine wolfsschützende Person beim Namen nennen? Wow. Ihnen ist wohl entgangen, dass sich die Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten eben erst für den Wolfsschutz ausgesprochen hat. Es sind also Millionen Schweizer. Sie dürften wohl mehr als nur eine kennen…

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