Am Ende der Arbeit steht das Bier

  • Lesezeit: 4 min
Habe ich das nun wirklich getan? Ja. Die Arbeit ist weg.
  • Blog
  • Campus-Blog
Habe ich das nun wirklich getan? Ja. Die Arbeit ist weg. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Abgabetermine für Arbeiten stressen. Besonders wenn mit der Einhaltung die Restdauer des Studiums verbunden ist. Oftmals ist es dann der Klick auf «Senden», welcher den Schweissausbrüchen, den schlaflosen Nächten und dem Selbstzweifel ein Ende setzt. Und dann? Dann gibt’s hoffentlich ein Bier.

Es ist Freitagabend und zugleich Abgabetermin meiner Arbeit. Verpasse ich diesen, kann ich mich nicht mehr rechtzeitig fürs Abschlussverfahren anmelden. Das würde mein eh schon ewig andauerndes Studium nochmals um mindestens ein Semester verlängern. Also sitze ich da und schreibe an dieser Arbeit rum.

Wie im Zeitraffer

Ich bin müde und mit der Müdigkeit kommen mir Gedanken darüber, was ich in den letzten Wochen gemacht habe. Wie im Film stelle ich mir einen Zeitraffer vor. Kamera auf dem Fenster, zwischen Kamera und Fenster sitze ich am Computer: Schreibend und lesend. Dabei wird es hell im Zimmer und wieder dunkel. Durch das Fenster erkennt der Zuschauer, also ich, das Wetter. Die Wolken ziehen irrsinnig Schnell auf, verdunkeln alles, lassen es regnen und verziehen sich genauso schnell wieder. Dann etwas Sonne und dann zieht der Mond auf, ebenfalls viel schneller als normal. Nur ich sitze vor dem Computer. Ab und an verlasse ich den Bürostuhl für ein Seminar, die Arbeit, die Toilette oder um kurzzeitig zu schlaffen. Meistens aber, so kommt es mir vor, lese und schreibe ich hinter dem Computer.

Es sieht aus als wäre ich Superman. Im Zeitraffer bewegen sich die Blätter, die ich lese, unglaublich schnell. Der Aufsatz, für dessen Verständnis ich zwei Stunden brauchte, scheint so in einigen Sekunden bearbeitet und das Kapitel meiner Arbeit dazu schreibt sich fast so schnell. Die Sätze fliegen auf den Bildschirm wie Gewehrkugeln aus einem Sturmgewehr, die Finger tippen so schnell, dass man nur noch ein fleischfarbenes Wirrwarr über der Tastatur erkennen kann und der Abfalleimer füllt sich in konstanter Geschwindigkeit mit Kaffeebechern, Zwischenmalzeitsverpackungen und abgearbeiteten Notizzetteln.

Ich bin nicht Superman

So rast meine Vorstellung der letzten paar Tage auf das Jetzt zu, in welchem ich mich gerade befinde und je näher ich diesem Jetzt komme, desto mehr werde ich mit der Realität konfrontiert: Ich bin nicht Superman! Was in meiner Vorstellung beinahe mit Lichtgeschwindigkeit entstand und nun eine fertige Arbeit sein sollte, fühlt sich beim Durchlesen wie sinnloses Geplapper ohne Zusammenhang an.

Was habe ich die letzten Tage nur gemacht? Ich wünsche mir ein Treibsandbecken unter meinem Bürostuhl, um darin zu versinken, um nichts mehr von aussen wahrzunehmen, vielleicht zu schlaffen oder weiss der Geier was zu tun: Einfach bloss Abschalten, den Abgabetermin vergessen, die Arbeit vergessen und mich irgendwo verkriechen.

Es war einmal… viel Zeit

Dabei fing es doch so gut an. Noch vor den Sommerferien. Ich hatte genügend Zeit und das Thema hat mich wirklich interessiert. Aber es gab sonst so viel zu tun. Erst kurz vor dem neuen Semester habe ich mich dann eingelesen und versucht meinen Wissensstand aus dem vergangenen Seminar wieder aufzufrischen. Als wäre ich Weltmeister im Vergessen, musste ich mir den ganzen Stoff nochmals zu Gemüte führen. Und dann die grosse Frage: Über was wollte ich denn schon wieder schreiben?

Die These hatte ich dem Dozenten per Mail geschrieben. Ich las sie durch. Respekt, falls er das wirklich begriffen hatte, ich verstand nur noch Bahnhof. Doch das nutzte alles nichts, eine Arbeit musste her, also begann ich zu schreiben. Zuerst das Inhaltsverzeichnis. Struktur ist gut. Dann ordnete ich die Literatur und seither sitze ich hinter diesem Computer und komme so langsam voran, dass ich mir meinen Fortschritt als Zeitrafferfilm vorstellen muss. Das deprimiert mich, da mit dieser Technik sogar die Evolution oder das Wachsen der Alpen sichtbar gemacht werden kann.

Zusammenführen und…

Ich lese nochmals, was ich alles geschrieben habe und es scheint immer zusammenhangsloser und dies obwohl die Arbeit in wenigen Stunden weg muss. Schweissausbruch! Inzwischen ist es acht. Ich beginne Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kapiteln herzustellen, auch zwischen der Einleitung und dem Schlusswort und zwischen den Thesen und den Beispielen. Ich bin mir nicht sicher ob das funktioniert: Sprachlich wie methodisch. Aber ich tue es. Ich verbessere was ich sehe und je länger ich hin schaue, desto mehr Fehler und Unschönheiten präsentieren sich mir.

Ein Semester mehr ist nicht so schlimm, denk ich kurz. Nein! Nochmals ein halbes Jahr mehr, das halt ich nicht aus und meinen Eltern kann ich das auch nicht beibringen. Das lässt mich völlig affektiv handeln, es treibt mich voran. Wie von alleine lasse ich das Rechtschreibprogramm über die Arbeit laufen, tippe ich die Adresse des Dozenten ins Feld der E-Mail und drücke dann auf senden. Habe ich das nun wirklich getan? Ja. Die Arbeit ist weg. Von nun an kann ich nichts mehr machen und mit nichts mehr, meine ich nichts mehr.

…gut?

Der ganze Stress fliegt weg, von nun an ist es nicht mehr in meinen Händen, ob ich nun fürs Abschlussverfahren angemeldet werde oder nicht. Etwa viermal laufe ich durch die Wohnung, sogar das Treppenhaus runter in die Waschküche und wieder rauf. Mein Geist ist immer noch in Arbeitsstimmung und hat nichts mehr zu tun. Das fühlt sich schräg an. Ich mach den Abwasch, ich putzte und weiss gar nicht so recht wie mir geschieht. Plötzlich sitze ich bei einem Bier, irgendwo in der Neustadt, ein Freund fragt mich, wie mein Tag war und wie es mir so gehe. «Ich weiss es nicht», antworte ich. Und ich weiss es wirklich nicht. Wahrscheinlich gut.

Du bist noch kein Möglichmacher? Als Möglichmacherin kannst Du zentralplus unterstützen. Mehr erfahren.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Mach jetzt zentralplus möglich

Unterstütze mit einem freiwilligen Abo

Schon über 530 Personen stehen ein für Medienvielfalt in der Zentralschweiz. Denn guter Lokaljournalismus kostet Geld. Mit deinem freiwilligen Abo machst du zentralplus möglich. Wir sagen danke. Hier mehr erfahren

×
×
jährlich monatlich
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
CHF60.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
CHF180.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
CHF360.00 / Jahr
zentralplus unterstützen