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Stadtnotizen aus Belgrad
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Impressionen aus Belgrad, wo die Autorin und Journalistin vier Monate das Luzerner Atelier nutzen kann. (Bild: chw)

Subjektive Tagesimpressionen Stadtnotizen aus Belgrad

3 min Lesezeit 29.10.2017, 09:55 Uhr

In der Hauptstadt von Serbien leben rund 1.8 Millionen Menschen. Seit kurzem bin auch ich eine Bewohnerin von Belgrad. Zumindest eine temporäre. Ich lebe in einem zentralgelegenen Wohnatelier, entdecke bei täglichen Streifzügen die unbekannte Stadt und halte meine subjektiven Impressionen mit kurzen Notizen fest.  

Angekommen in der fremden Stadt, die sich auf den ersten Blick kaum von anderen Grossstädten unterscheidet. Hier bin ich jetzt vier Monate daheim. Doch was ist das überhaupt? Diese zwei Leute wissen es vermutlich. Sie haben ihre Stühle aus unbekanntem Grund an dieser dichtbefahrenen Strasse aufgestellt und schauen zusammen hinaus auf den Fluss der Welt – wenigstens auf den Verkehrsfluss.

Montag, 18.9., 15.32: Bulevard Decanska – das Eingangsportal zur Fussgängerzone.

Montag, 18.9., 15.32: Bulevard Decanska – das Eingangsportal zur Fussgängerzone.

(Bild: chw)

Auf fremden Hochzeiten tanzen

Unendlich lange Beine spazieren an einer Hochzeit auf hochhackigen Schuhen an mir vorbei, die Hintern knapp und hauteng von Kleidchen aus Polyester bedeckt, die Brüste stolz vor sich hin wiegend und die prallen Lippen zum Schmollmund gekräuselt. Was für ein schöner Kontrast zu den Musikern mit ihrer dunklen Haut und den gegerbten Gesichtern, mit ihren verwaschenen Hemden, die über dicke Bäuche gespannt und mit Ledergürten mehr schlecht als recht gebändigt sind, so dass doch noch ein Hemdzipfel irgendwo aus dem Hosenbund schaut und frech in die Welt hineinlacht.

Samstag, 23.9., 13.21 Uhr, Hrma Svetag Save – pompöse Hochzeit mit Musik.

Samstag, 23.9., 13.21 Uhr, Hrma Svetag Save – pompöse Hochzeit mit Musik.

(Bild: chw)

Das Herz der glänzenden Finsternis

Am Ufer der Sava wird das Viertel «Belgrad Waterfront» aus dem Boden gestampft. Auf einer Fläche von 1,8 Millionen Quadratmetern entstehen 5’700 Wohneinheiten und 2’200 Hotelräume der Superluxusklasse. Das Herz der glänzenden Finsternis wird ein 200 Meter hoher Turm aus Glas. Arabische Investoren stecken drei Milliarden in den gigantischen Hirnriss. Obschon umstritten, konnte das Vorhaben nicht verhindert werden und bereits dominieren einige Superlative im Rohbau die Silhouette von Belgrad. Ich knipse ein Foto. Ein Polizeiauto stoppt, ich muss mich ausweisen und Auskunft geben, was ich da will. Ja, was will ich denn? Was soll man an so einem Ort überhaupt noch wollen oder können? Nichts.

Freitag, 29.9, 15.24 Uhr: Belgrad Waterfront – arabische Investoren bauen Stadtteil.

Freitag, 29.9, 15.24 Uhr: Belgrad Waterfront – arabische Investoren bauen Stadtteil.

(Bild: chw)

Nichts für verwöhnte Menschen

Der Flohmarkt der Roma ist etwas abgelegen im neueren Stadtteil Neu-Belgrad. Das ist allerdings nicht der Grund, dass ein Besuch ein paar Stunden dauert: Über mehrere verwinkelte Strassenzügen erstreckt sich das Gebiet, auf dem wirklich alles verkauft wird, was verwöhnte Menschen wie ich nicht brauchen können. Wer seine Ware anbietet, sitzt am Boden oder auf Kisten, schleppt die Habseligkeiten in Karren und Kisten oder eben einem Lidl-Sack an. Irgendwo steht auch ein M-Budget-Computer herum und ich ertappe mich bei der politisch-unkorrekten Vermutung, dass wahrscheinlich auch einige der Bohrmaschinen und anderes Baustellen-Werkzeug aus der Schweiz kommen.

Sonntag, 24.9., 11.39 Uhr, Novi Belgrad – Flohmarkt der Romas.

Sonntag, 24.9., 11.39 Uhr, Novi Belgrad – Flohmarkt der Romas.

(Bild: chw)

Hier ist vertäut, was das Herz begehrt

Dem Fluss Sava entlang und weiter hinauf bis zur Donau-Mündung führt ein kilometerlanger Uferweg. Die Leute spazieren in den Sonntagabend hinein, die Fischer ziehen zappelnde Silberlinge an Land und Hunde jagen Katzen auf die Bäume. Gesäumt ist die Promenade von Restaurants auf alten Schiffen und schwimmenden Flossen mit Musik oder Wein oder Kartoffelsalat oder Schnaps – hier am Ufer ist alles vertäut, was das Herz begehrt. Und überall gehören die Gelassenheit und Leichtigkeit dazu, die schon daheim mit mir aufs Velo gestiegen sind und jetzt in der Abenddämmerung in mein Ohr flüstern: So einfach ist es. Und so schön.

Sonntag, 1.10., 17.43 Uhr: Zemun/Kej osloboenja – Uferpromenade an der Donau und Sava.

Sonntag, 1.10., 17.43 Uhr: Zemun/Kej osloboenja – Uferpromenade an der Donau und Sava.

(Bild: chw)

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