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Offene Türen und Herzen
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  • Brief aus Belgrad
Vor den Schulhäusern in Belgrad werden die Bücher dirket aus dem Lieferwagen heraus verkauft.

Subjektive Tagesimpressionen Offene Türen und Herzen

3 min Lesezeit 26.11.2017, 18:20 Uhr

Die Leute in Belgrad sind gar nicht so anders als ich es aus der Schweiz kenne: Zurückhaltend. Vom ersten Kennenlernen bis zur herzlichen Einladung dauert es dann allerdings viel schneller als in unseren Gefilden. Gastfreundschaft in einem fremden Land macht glücklich. Das schreibe ich persönlich mir hinter die Ohren.

Hinter dem Tresen das Porträt von Putin, auf dem Bildschirm tschutten Serben gegen Georgier. 1:0. Es wird gejubelt. Hierhin bin ich nach dem Konzert von «Fink» gekommen, Indie-Pop aus England. Im Publikum lauter bekannte Gesichter, obschon ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Es ist wie daheim. Nach kurzer Zeit gehe ich, lande ich in dieser Bar und fühle mich daheimer – so ist es, auch wenn das eigentlich nicht gesteigert werden darf.   

Apropos Fussball: Ich lernte einen sympathischen Typen kennen, schüchtern und nett. Es stellte sich heraus, dass er zur berüchtigten Hooligan-Truppe des Belgrader Fussballklubs “Partizan” gehört und zusammen mit seinen Kumpels nichts im Leben lieber macht, als Radau in den Stadions. Ich wurde von ihm zum Spiel Partizan-Young Boys eingeladen. Und habe ausgeschlagen. Aus journalistischer Sicht natürlich ein Fehler, aber reuen tut es mich trotzdem nicht.

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Ulica Kralja Milana: Hinter dem Tresen Putin und am TV Fussball.

Ulica Kralja Milana: Hinter dem Tresen Putin und am TV Fussball.

(Bild: ChW)

Gastfreundschaft macht glücklich

Ein grossartiger Tag voller Gastfreundschaft hat mich heute begleitet. Seltsamerweise bin ich gleich mehreren Leuten begegnet, die ich aus der Schweiz kenne: Zufällig auf der Strasse ineinandergestolpert (3), bewusst arrangiert beim sehr fleischigfeinen Mittagessen (3) und unerwartet an einem privaten Anlass, zu dem ich mitgenommen wurde (viele). Es ist schön, den serbischen Leuten, die ich aus Luzern kenne, hier in Belgrad zu begegnen. Die Rollen sind dann irgendwie vertauscht: Ich in einem unvertrauten Umfeld, sie in ihrem Element. Dass ich daran teilhaben darf und einfach so in ihren Runden aufgenommen werde, berührt mich und macht mich glücklich. Die Schweiz sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

Ulica Kneginje: Tolle Musik im Club

Ulica Kneginje: Tolle Musik im Club “Monk”. 

(Bild: ChW)

Zuhören statt den Senf dazugeben

In der Nähe von Schulen stehen oft solche Lieferwagen herum, die vollgestopft sind mit Schulbüchern. Ich weiss es nicht, vermute jedoch, dass die Hefte und Bücher gebraucht und günstiger als im Laden sind. Eigentlich müsste ich zugreifen und selber eines kaufen – meine Sprachkenntnisse machen keine Fortschritte und es sieht nicht so aus, dass sich das ändert. Schade, denn Serbisch tönt schön und aufregend und rau und gar nicht so kompliziert. Aber alles geht nun mal nicht und ich beschränke mich darum auf das Zuhören. Meinen Senf braucht es sowieso nicht überall dazu.

Ulica Kosovska: Vor den Schulhäusern stehen Busse voller Bücher herum.

Ulica Kosovska: Vor den Schulhäusern stehen Busse voller Bücher herum.

(Bild: ChW)

Zwischen Demonstration und Prozession

Fast täglich ziehen an meiner Wohnung nahe des Parlaments Demonstrationen vorbei, meistens unüberhörbar und medial gut im Visier. Heute gehe es um eine Art Rückeroberung der Stadt, wird mir gesagt. Viele der fast ausschliesslich männlichen Demonstranten tragen Armeekleider, Stoppelhaare und kantige Gesichter auf Kastenkörpern. Vermutlich unterscheidet sich ihre Vorstellung von städtischem Freiraum wesentlich von meiner. Ich mache mich aus dem Staub.

Abends wird noch die immergleiche Demonstration folgen, die einer Prozession ähnelt und irgendwas mit Kirche zu tun hat.  Pünktlich um sechs schleppt sich dieser Protestzug jeden Samstag langsam, einen pathetischen Singsang murmelnd, unter meinem Balkon vorbei. Ganz geheur ist mir auch das nicht.

Ulica Kralja Milana: Demonstriert wird oft und lautstark, besonders in der Nähe des Parlaments. 

Ulica Kralja Milana: Demonstriert wird oft und lautstark, besonders in der Nähe des Parlaments. 

(Bild: ChW)

Unbeabsichtigter Wink mit dem Zaunpfahl

Kitschig geworden in der Fremde? Das Stillleben auf dem Küchentisch lässt darauf schliessen. Doch die Kerzen mit Buchstaben haben eine andere Geschichte: Es waren schlicht die einzigen, die ich trotz intensiver Suche in mehreren Läden erst beim Chinesen finden konnte. Auch andere mir vertraute Gebrauchsgegenstände sind nicht aufzutreiben. Zum Beispiel kleine Waschlappen, Buchstabenstempel oder meine Lieblingsseife. Dass jetzt diese seltsamen Kerzen bei mir herumstehen, deute ich als Wink, dass der Funke gesprungen ist: Home.

Kneza Milos: Ein unbeabsichtigtes Zeichen für eine klare Botschaft.

Kneza Milos: Ein unbeabsichtigtes Zeichen für eine klare Botschaft.

(Bild: ChW)

 

 

 

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