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Jazz, Books & Schwizerdüütsch
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  • Brief aus Belgrad
Anders als an vielen Kulturanlässen in Belgrad, gibt es hier am Flussstrand noch freie Plätze.   (Bild: chw)

Subjektive Tagesimpressionen Jazz, Books & Schwizerdüütsch

4 min Lesezeit 05.11.2017, 14:38 Uhr

Kulturmarathon in der serbischen Hauptstadt: Gleichzeitig gehen zwei populäre Festivals über die Bühne. Die Belgrader Buchmesse mit vielen Programmpunkten und das Jazzfestival, das mich sozusagen ins luzernische Willisau katapultiert. Gut, dass es in der Grossstadt wunderschöne Ruheinseln gibt. 

Weder das Grau noch die abblätternde Farbe oder der trostlose Ausschnitt ändern etwas an diesem Wandbild, im Gegenteil: Sie machen die Verliebten zärtlicher, das Rot der Tulpen satter.

So kommt mir das an vielen Ecken und Orten in der ganzen Stadt vor. Der Alltag spielt sich in einem Setting zwischen schäbigem Charme und lässiger Unaufgeregtheit ab. Auch die Leute sind wortwörtlich ungeschminkter unterwegs als in anderen Grossstädten wie Berlin, Paris oder Zürich. Das macht sie echter, durchschaubarer und ja: sympathischer. Eine Szenerie, wie sie bei uns die Alternativszene anstrebt und doch nicht erreicht – es ist ein Unterschied, ob Kulissen frisch gebaut oder vom Alltagsleben in eine Stadt geschmissen werden.

Sonntag, 8.10., 15.03 Uhr: Ulica Dubrovacka – charmantes und lässiges Setting.

Sonntag, 8.10., 15.03 Uhr: Ulica Dubrovacka – charmantes und lässiges Setting.

(Bild: chw)

Buchmesse ist eine populäre Sache

65’000 Leute besuchen jährlich die Belgrader Buchmesse. In vier riesigen Hallen gibt es Hunderte von Ständen mit Tausenden von Büchern. Meines ist nicht zu finden, da nicht geschrieben und noch nicht mal zu Ende gedacht – aber ein Buch mehr oder weniger spielt bei dieser Fülle höchstens eine persönliche Rolle.

Im Fokus steht dieses Jahr der deutsche Sprachraum, es gibt Lesungen und Diskussionen. Ich sehe und höre mir einiges an. Auch die Schweizer Slam-Leute von „Bern ist überall“ stehen auf der Bühne, das ist für mich lustig hier im fernen Belgrad.

Ebenfalls auf Deutsch und mit Übersetzung ging tags zuvor ein Gesprächsabend mit der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, über die Bühne. Die Schriftstellerin Müller gehört zu jenen Intellektuellen, die den Bombenangriff der NATO von 1999 auf Serbien bis heute verteidigt. Das erklärt, warum sie von Beginn an einen sehr nervösen Eindruck machte. Das Publikum reagierte denn teilweise auch sehr heftig, als das moderierte Gespräch dieses Thema streifte. Auch sonst war das für Herta Müller kein einfacher Abend. Sie hat ihn immerhin gemeistert.

Mittwoch, 25.10., 17.11 Uhr: Bulevar Vojvode Misica – populäre Belgrader Buchmesse.

Mittwoch, 25.10., 17.11 Uhr: Bulevar Vojvode Misica – populäre Belgrader Buchmesse.

(Bild: chw)

Stille Oasen in der Grossstadt

Immer wieder seltsam in Grossstädten: Mittendrin fühlt sich das Leben unvermittelt an wie auf dem Land. Oder am Meer, in einer Oase, einer Fata Morgana – jedenfalls nicht wie in einer Stadt. Weg sind der Lärmpegel, das Gehupe, die Sirenen, die Autos, der Trubel und das Gewusel der Leute. Die Zeit steht still. Hier am Fluss ist ein solcher Ort. Erst recht jetzt, wo die Badesaison vorbei ist und die Strände leer sind. Das Wasser fliesst ruhig wie die Gedanken, die Bewegungen werden träge und ein paar Stunden ziehen unbemerkt vorbei. Was für ein schöner und fauler Müssiggang! Und noch besser ist, dass sich das aufkeimende schlechte Gewissen sehr schnell aus dem Staub beziehungsweise Sand macht. 

Mittwoch, 18.10., 13.38 Uhr: Ulica Ada Ciganlija – eine Ruheoase in der Grossstadt.

Mittwoch, 18.10., 13.38 Uhr: Ulica Ada Ciganlija – eine Ruheoase in der Grossstadt.

(Bild: chw)

Belgrad jazzt wie Willisau 

Proppenvoll ist es an den Konzerten des Jazzfestivals Belgrad, und zwar immer und zu jeder Zeit und in jedem Saal. So auch am Gig von Marc Ribot & Young Philadelphians + String. Es sind nicht die einzigen aus Willisau bekannten Gesichter, der Jazz und seine ProtagonistInnen sind so globalisiert wie alles andere auf der Welt. Das Publikum ist um einiges enthusiastischer als in den Luzerner Sälen: Ribot lässt kurz vor Mitternacht die Fetzen rocken, die akustische Post geht ab, die Leute vibrieren kräftig mit.

Das Jazzfestival Belgrad ist eine grandiose Sache. Trotzdem frage ich mich seit 20 Jahren: Warum sind Festivals immer so überladen? Egal ob Willisau, Schaffhausen oder Belgrad. Kein Mensch hat Lust und Zeit, sich an fünf aufeinanderfolgenden Abenden jeweils mindestens vier Konzerte reinzuziehen, die bis spätnachts dauern und den folgenden Tag gleich mitbeerdigen. Aber vermutlich ist das nur für Fotografen und Journalistinnen ein Problem und die gehören in diesem Sinn eh nicht zu den normalen Menschen.

Freitag, 27.10., 23.59 Uhr: Ulica Decanska – Jazzfestival Belgrad im Dom Omladin.

Freitag, 27.10., 23.59 Uhr: Ulica Decanska – Jazzfestival Belgrad im Dom Omladin.

(Bild: Dragan Tasic)

Ein Krüglein Wein am schönen Ort

Sechs Kilometer durch den Herbst pedalen, tiefen Löchern und weissen Pudeln mit Schleifen im Haar ausweichend. Kinderwagen schiebende Mütter und Väter kreuzen den Weg, lachende Fischer am Ende ihres Tagwerks und weit und breit keine Kontrollmentalität, wie das an schweizerischen Promenaden der Fall ist. Das von den Bäumen fallende Laub ist goldig wie im Napfgebiet bei den Zauberpilzen, die Berge und Hügel als Erinnerungsstoss schön. Das Material für den Kartoffelsalat mit Zwiebeln ist grandios, dazu die Sardellen und das Krüglein Wein. Unter dem Tisch balgen sich Katzen um die Reste: Sie wissen, was sie tun.

Freitag, 13.10., 15.41 Uhr: Kej Oslobodenja – in einem der Flussrestaurants an der Donau.

Freitag, 13.10., 15.41 Uhr: Kej Oslobodenja – in einem der Flussrestaurants an der Donau.

(Bild: chw)

 

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