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Fasten, Fleisch & Frisör
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  • Brief aus Belgrad
Nach den Schlemmereien braucht es das bei jedem Wetter: Einen Spaziergang der Sava entlang.

Subjektive Tagesimpressionen Fasten, Fleisch & Frisör

4 min Lesezeit 10.12.2017, 10:30 Uhr

Jetzt hat der Winter auch Serbien erwischt, wenn auch nur kurz. Also rein in die gute Stube der traditionellen Beizen und hineinbeissen in Fleisch oder Vegi: Hier steht nämlich die Fastenzeit an. Und für mich notgedrungen eine neue Frisur.

Kaum zwei Tage ist der Schnee liegengeblieben und die Kälte eingebrochen, ist es schon wieder warm. So richtige Adventsstimmung kommt also noch nicht auf. Der Samichlaus ist mir in Belgrad nirgends begegnet und den Brauch mit dem Adventskalender kennen meine serbischen Kumpelinnen nicht. Dafür wissen sie, wo die traditionellen Beizen zu finden sind und das passt zu jedem Wetter.

Von meinem Balkon aus, schaue ich in den Schnee - aber nur kurz: Schon wieder ist er weg.

Von meinem Balkon aus, schaue ich in den Schnee – aber nur kurz: Schon wieder ist er weg.

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(Bild: ChW)

In Beizen wird noch gequalmt

Die eigenen Augen schauen nicht lange neu und passen sich ans Unvertraute an. Dann ist es in einer fremden Stadt plötzlich so, wie bei lieben Leuten, die man täglich sieht: Ihre Augenringe oder die besonders schöngeformten Ohren werden nicht mehr bemerkt und bestaunt. Nach beinahe drei Monaten in Belgrad scheint mir Vieles selbstverständlicher, was mir in der ersten Zeit aufgefallen ist.

Was mich bis jetzt jedes Mal wieder erstaunt: In fast allen Restaurants und Cafés kann geraucht werden. Das ist natürlich nicht für alle gleich gut. Aber ich finde es spitze. Und die Kellnerinnen und Kellner tragen weisse Hemden mit Gilets und schönen Knöpfen dran. Das sieht schick aus.

In Beizen und Cafés kann noch die Zigi angezündet werden.

In Beizen und Cafés kann noch die Zigi angezündet werden.

(Bild: ChW)

Achtung, fertig, Fleisch!

Ein Fleischtisch, wie es hier beim Essen in den typisch serbischen Restaurants üblich ist. Wenn ich wieder nach Luzern komme, werde ich Vegetarierin. In Serbien wäre das schwierig. Beim Hauptgang erwischt man mit etwas Glück mal ein Rüebli oder eine Kartoffel. Und ja: Weil immer viel zu viel Fleisch auf die Platten kommt, wird am Ende alles eingepackt und mit nach Hause genommen. Und was steht jetzt bei mir im Kühlschrank? Genau: Fleisch! Vermutlich bin ich bis zu meiner Rückkehr selber ein Söili. Übrigens gibt es in den traditionellen Restauranst sehr oft auch Live-Musik. Die kleinen Orchester gehen von Tisch zu Tisch, spielen serbische Volksmusik und die Gäste singen fröhlich mit. 

Fleischplatte als Hauptspeise im traditonellen Restaurant.

Fleischplatte als Hauptspeise im traditonellen Restaurant.

(Bild: ChW)

Fastenzeit ist angebrochen

Allerdings gibt es die nächsten Wochen spezielle Sachen auf dem Teller: Für die orthodoxen Gläubigen hat die Fastenzeit begonnen. Dann essen sie kein Fleisch und keine tierischen Produkte wie zum Beispiel Käse. Manche fasten 40 Tage bis zum Neuen Jahr, manche 7 Tage und viele wohl gar nicht. Ein Freund von mir gehört zur ersten Gruppe und meint nur halb im Scherz, Gott habe das Fasten zwecks Gesundheitsförderung eingeführt. Ich glaube eher, dass er den Tierschutz im Auge hatte – inkonsequenter Weise nur für ein paar Wochen. Übrigens darf während des Fastens Alkohol getrunken werden. Alles halb so schlimm also.

Natürlich gibt es auch feine Häppchen mit Fisch & Vegi.

Natürlich gibt es auch feine Häppchen mit Fisch & Vegi.

(Bild: ChW)

Die Lockenwickler werden es richten

Das ist meine Mutter beim Coiffeur in den 60er Jahren. Oder bin das doch ich? Das Handy spricht dafür. Und die Augenringe vermutlich auch. Weil ich mir die Haare verbrannt habe – das ist eine andere Geschichte! – bin ich hier im Frisörsalon gelandet und hoffe, dass sie mir einen anständigen Schnitt verpassen kann.

Die Szenerie und Atmosphäre in diesem Laden ist irgendwie typisch: Mal wähnt man sich in längst vergangenen Zeiten und hat immense Lockenwickler auf dem Kopf. Und zehn Meter um die Ecke steht die Gegenwart mit allem, was an modernem Schick und Glanz dazugehört. Schön sind sie, diese Gegensätze. Und ja: Meine neue Frisur auch.

Um die Lockenwickler statt um den Finger gewickelt.

Um die Lockenwickler statt um den Finger gewickelt.

Flüchtlingskinder im Park

Für ein Schreibprojekt bin ich manchmal draussen unterwegs, mit dabei die Hermes-Baby-Schreibmaschine und die Polaroidkamera. In diesem Park bin ich innert kurzer Zeit von Kindern aus Syrien und dem Irak umringt, die mit ihren Familien hier gestrandet sind und die Zeit totschlagen müssen. Als sie sehen, dass die Bildli direkt aus dem Apparat kommen, wollen sie auch fotografiert werden. Jedes von ihnen will ein Polaroidfoto und jedes will seinen Namen in die Schreibmaschine hineinhacken.

Fazit nach zwei Stunden: Alle Fotos sind verschossen und verschenkt, das Farbband ist alle und mein Projekt um keinen Millimeter vorangekommen. Dafür laufen jetzt etwa 10 Kinder mit einem Foto von sich in Belgrad herum und freuen sich darüber. Das ist auch gut, das ist sogar besser.

Mit Hermes-Baby und Polaroidkamera im Park unterwegs.

Mit Hermes-Baby und Polaroidkamera im Park unterwegs.

 

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