Ein Tag im Leben der Familie Schmid auf dem Hof Gubel
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Der Hof von Familie Schmid ist oberhalb von Zug gelegen und derzeit schön verschneit. (Bild: zvg)

Alles andere als Winterschlaf in Menzingen Ein Tag im Leben der Familie Schmid auf dem Hof Gubel

8 min Lesezeit 26.01.2021, 10:02 Uhr

Während dicke Schneeflocken bis ins Flachland des Kantons Zug fallen, ist die wunderschöne Moränenlandschaft von Menzingen bereits tief eingeschneit. Der Landwirtschaftsbetrieb Gubel befindet sich neben dem Kloster auf 900 m ü.M. Dieses ist nebst einem Kraftort einer der vielen Ausflugstipps im Kanton Zug. Zum Gubel gehören das Kloster und dessen Kirche sowie die Schlachtkapelle, ein Restaurant und der Landwirtschaftsbetrieb.

Wir, das heisst die Familie Schmid, bewirtschaften den Landwirtschaftsbetrieb nun seit 1996. Zur Familie gehören meine Eltern, Heidi und Benedikt Schmid sowie mein Bruder Samuel und meine Schwester Petra, während ich, Martina, als «Älteste» der Familie euch unseren Arbeitsalltag etwas genauer vorstelle.

Betriebsspiegel Gubel

Zum Betrieb der Familie Schmid gehören rund 45 Milchkühe sowie die eigene Aufzucht, 100 Milchziegen und Jungtiere und verschiedenste Kleintiere (Ponys, Katzen, Hühner und Kaninchen). Alle leben in Freilaufställen und können im Sommer auf die Weide und im Winter in den Auslauf.

Nebst der Tierhaltung gehören 34 ha landwirtschaftliche Nutzfläche (zum Teil steiles Gelände) und ein Teil Wald zum Betrieb. Auf unseren Feldern produziert die Familie Gras und Mais für die Tiere sowie Ur-Dinkel und Weizen für die Zuger Bäckerei Zumbach. Zudem pflegen sie über 100 Hochstammbäume mit Kirschen, Äpfeln, Birnen und Zwetschgen.

Während Petra (Drogistin) und ich (Agronomin) zu einem Teilzeitpensum auf dem Hof mitarbeiten, ist Samuel (Landwirt) sowie meine Eltern Vollzeit auf dem Betrieb tätig. Nebst den familieninternen Arbeitskräften dürfen wir jährlich einen Lernenden oder eine Praktikantin ausbilden. Dieses Jahr ist es Fabienne, welche später Agronomie an der Fachhochschule in Zollikofen studieren will. Weiter haben wir auch immer wieder tatkräftige Unterstützung von unserem pensionierten Nachbarn.

Von aussen könnte man aktuell meinen, dass wir in der Landwirtschaft auch etwas Winterschlaf halten. Doch es ist einiges los! Morgens beginnt der Tag um 5.00 Uhr. Während sich mein Vater um die grossen Massen Schnee kümmert, die über Nacht gefallen sind, beginnt der Morgen für meinen Bruder bei den Kühen im Stall. Dort wird zuerst das Liegebett frisch hergerichtet und die Kühe in den Warteraum vor den Melkstand gebracht, um sie dann zu melken.

Die Zufahrt muss gewährleistet sein. (BIld: zvg)

Hochsaison im Ziegenstall

Meine Arbeit beginnt im Moment häufig im Ziegenstall, denn dort ist Hochsaison. Das bedeutet, dass rund 30 Ziegen hochträchtig sind, während 20 Ziegen bereits «gegitzelt» haben. Eigentlich startet auch im Ziegenstall der Morgen mit dem Melken, eine Planung ist aber zurzeit sehr schwierig. Junge kommen selten in der Nacht zur Welt. Es scheint, als könnten es die Ziegen etwas steuern und suchten die menschliche Anwesenheit während der Geburt.

Ziege Lisas Geburt hat jedoch schon vor unserer Tagwache begonnen: Angekommen im Ziegenstall scheint die Lage ernst. Kein Kopf, nur kleine Beine sind vom Jungtier ersichtlich. Jetzt muss alles schnell gehen, denn wenn die Nabelschnur reisst und der Kopf noch im Bauch der Mutter ist, kann ein Leben schnell erlöschen.

Mit etwas Hilfe kommt das erste Gitzi gesund, aber mit den Hinterbeinen voran, auf die Welt. Die Wehen der Ziege halten an, also folgt ein zweites. Das Abtasten zeigt: Auch dieses Gitzi liegt falsch herum. Dank etwas mehr Platz in der Gebärmutter kann das zweite Tier gedreht werden und erblickt ebenfalls retour die Welt. Zur Kontrolle, ob alles gut ist und keine Verletzung besteht, wird nach jeder Geburt die Ziege nochmals begutachtet.

Beim Abtasten spüre ich nochmals zwei kleine Beinchen. Diesmal aber mit einem Kopf. Das dritte Junge scheint nun richtig zu liegen und kommt mit wenig Hilfe vorwärts zur Welt. Drillinge, ein weiteres Mal. Nicht immer geht alles so gut wie heute. Gestern Abend beispielsweise konnten wir eine Ziege trotz Kaiserschnitt durch den Tierarzt nicht mehr retten. Jede Geburt, besonders bei Mehrlingsgeburten, ist auch bei Tieren ein Risiko.

«Kindergarten» für die kleinen Ziegen

Deshalb ist eine gute Geburt immer wieder ein Wunder und erfüllt uns mit Dankbarkeit. Während wir die Jungen nun der Mutter überlassen, beginnen die Praktikantin und ich mit dem Melken. Auf dem Melkstand können wir zwei mal zwölf Ziegen gleichzeitig melken. Handschuhe, Desinfektionstücher, Milchfilter und Reinigung mit Spülmittel gehören zu den täglichen Hygienemassnahmen, damit morgens und abends einwandfreie Milch produziert werden kann.

Nach dem Melken werden dann die ältesten Gitzis getränkt. Bei uns bleiben die Kleinen zwischen zwei Tagen und einer Woche bei der Mutter. Dann kommen sie in den sogenannten «Kindergarten». Dort erhalten sie Milch vom Automaten, den ganzen Tag zur freien Verfügung. Weiter ist der «Gitzistall» auch extra warm, da junge Tiere es gerne warm und kuschelig mögen.

Diese Haltung der Jungtiere hat den Vorteil, dass alle Tiere gut beobachtet werden können und wir keine Gesundheitsprobleme haben. Das saisonale «Gitzeln» ist zeitlich so geplant, dass das Fleisch an Ostern zur Verfügung steht. Damit sind auch für uns widersprüchliche Gefühle verbunden. Aber ohne Jungtiere geben die Mütter leider keine Milch.

Winterzeit ist Waldzeit

Während wir uns vor dem Morgenessen um die Ziegen und deren Nachwuchs kümmern, melkt mein Bruder die Kühe, meine Mutter tränkt die aktuell sehr vielen kleinen Kälber und mein Vater bereitet die Futter-Tagesration für die Tiere her. Für die Tiere gibt es Heu und Emd, Gras- und Maissilage sowie Mineralstoffe, etwas Weizenkleie (Abfallprodukt aus der Mehlproduktion) sowie Biertreber (Abfallprodukt aus der Bierproduktion).

Winterzeit ist Waldzeit. Das ist unser Programm nach dem gemeinsamen Morgenessen. Ein Wald braucht viel Hege und Pflege. Der Winter ist die optimale Zeit zum Holzen, da in dieser Zeit der Boden beim Ziehen der Tannen nicht kaputtgeht. Da Fabienne und ich heute auf dem Betrieb sind und zu den Tieren schauen, machen sich mein Vater und mein Bruder auf den Weg in den Wald. Währenddessen hat meine Mutter alle Hände voll zu tun in unserem Hofladen. Hofeigenes Mehl, Kartoffeln, Würste, Eier, Käse, Honig und weitere Hofprodukte sind zum Auffüllen bereit.

Im Winter kümmern wir uns um unseren Wald. (Bild: zvg)

Familienrat beim Mittagessen

Fabienne und ich kümmern uns um die Tiere. Füttern, Einstreuen und Misten ist angesagt. Zudem werfen wir immer wieder ein Blick in die Abkalbebox, wo wir gespannt auf die Geburt der kleinen Amanda warten. Arbeiten ausserhalb des Hofes, wie zum Beispiel im Wald, werden bei uns nur gemacht, wenn jemand bei den Tieren bleibt. Da wir so viele Tiere haben, ist es uns wichtig, dass immer jemand auf dem Hof ist.

Beim feinen Mittagessen, das meine Mutter immer mit viel Liebe für alle zubereitet, gibt es immer etwas zu diskutieren. Heute geht’s darum, welche Kuh verkauft werden soll, da bald einige Jungtiere nachkommen und jedes Tier einen Liegeplatz haben muss. Jedes Tier hat eine Art Familienanschluss und so fällt ein Entscheid für einen Verkauf immer schwer. Nach dem Mittagessen geht’s für meinen Bruder und meinen Vater dank der guten Wetterverhältnisse nochmals in den Wald.

Nach dem Rundgang bei den Kühen, wo alles ruhig scheint, gehen Fabienne und ich wieder in den Ziegenstall. Zwillinge sind über den Mittag selbst zur Welt gekommen. Zwei weitere Ziegen benötigen Aufsicht, da die Geburt ansteht. Nach zwei weiteren Drillingsgeburten, dem Versorgen der Mütter mit lauwarmem Wasser und frischem Futter und dem Tränken der kleinen Gitzis, ist schon fast wieder Melkzeit.

Eine weitere Geburt steht an

Ein Blick zu den Kühen zeigt: Auch da bahnt sich neues Leben an. Zwei Füsschen und die Nase sind bereits zu sehen. Während die Kuh tapfer weiterpresst, versuche ich für euch diesen Abschnitt per Film festzuhalten. Es gelingt mir nicht ganz, bis zum Schluss ruhig zu filmen, weil ich dem Kalb den Schleim von der Nase nehmen muss. So, und jetzt ist sie auf der Welt, Amanda. Auch hier bekommt die frisch gebackene Mutter frisches Wasser und ganz viel Futter. Wir werden sie in den ersten Tagen gut beobachten, damit wir keine Anzeichen von allfälligen Komplikationen übersehen.

Und dann geht’s wieder ans Melken. Eigentlich wäre nun Wechsel angesagt. Samuel bei den Ziegen und jemand bei den Kühen. Da aber gerade alles etwas aussergewöhnlich ist mit den vielen frischen Muttertieren, bleibt jeder in seinem Bereich und versorgt die Tiere nach bestem Wissen und Gewissen.

Feierabend mit Gesprächsstoff

Feierabend ist dann um 19.00 Uhr, wo beim Nachtessen alle von ihren Erlebnissen und Beobachtungen berichten. Auch wenn wir immer wieder verschiedene Ansichten und Meinungen haben, ist uns eines klar: Die Schweizer Landwirtschaft liegt uns sehr am Herzen. Nebst einer transparenten Nahrungsmittelproduktion trägt sie viel zur Erhaltung der Biodiversität, Landschaftspflege und Naherholung bei.

Gerade in der momentanen Situation spürt man, wie es viele Leute aufs Land zieht, um Energie in der Natur zu tanken. Es ist uns wichtig, dass wir den Familienbetrieb und eine hochstehende, multifunktionale Landwirtschaft in der Schweiz weiterhin erhalten können.

Wichtig zu wissen: Jeder einzelne Konsument prägt mit seinem Kaufverhalten die Schweizer Landwirtschaft mit. Wer regionale und saisonale Schweizer Produkte isst, leistet einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige, gesunde Schweizer Landwirtschaft.

Herzlich, Martina Schmid

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