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Mitten in die Fresse rein!
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(Bild: CF)

Mitten in die Fresse rein!

3 min Lesezeit 23.10.2013, 11:06 Uhr

Unser Barkeeper leidet unter Schlaflosigkeit und sieht rot. Wenn das nur gut geht…

Ich bin wütend. Ich bin frustriert. Und ich fühle mich gerade von der ganzen Welt verraten. Nein, das sind nicht die Gedanken einer pubertierenden, hormongestörten Rotzgöre, die eigentlich in ein Arbeitslager gesteckt werden und nicht an einer Bar rumhangen sollte. Es sind wahrhaftig die meinen.

Der Grund? Ich habe schlecht geschlafen. Wenn der Mensch nicht seinen gewohnten Schlaf findet, ist es um seinen Seelenfrieden geschehen. Seit Stunden wälze ich mich auf meinem provisorischen, halbbequemen Ausziehsofa hin und her und verprügle vor meinem geistigen Auge hasserfüllt diverse Leute, die mir so richtig auf den Senkel gehen. Ich male mir ganze Streitgespräche aus und haue mein Gegenüber kurz und klein. Anstelle meines Harmoniebedürfnisses ist eine martialische Konfrontationsbereitschaft getreten. Gnadenlos halte ich verflossenen Liebschaften den Spiegel vor und finde nun endlich den Mut, zu sagen, wie’s wirklich war. Dass mich ihre Lebensgeschichte, die so spannend ist wie ein Videoclip ohne Ton, nicht im Geringsten interessierte, ihre Probleme gar keine wären, würde sie auf sich selbst und nicht auf ihre sogenannte beste Freundin schauen, und ich ihre gutbürgerlichen, doppelmoralgeschwängerten Freunde in etwa so verabscheute wie der Teufel das Weihwasser. Des Weiteren sei ihr Wesen ungefähr gleich gehaltvoll wie ein grausamer Übersee-Wein aus dem Discounter, dessen einziges Charaktermerkmal in Form ekelhafter Restsüsse (analog zu ihrem grässlichen Parfüm) Ausdruck erlangt, und überhaupt fände ich, dass sie nüchtern betrachtet auch aussehensmässig absoluter Durchschnitt sei.

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Unsere Welt ist brutal. Und die Menschen, die in ihr wohnen, noch brutaler. Auch in der Schweiz. Von wegen Rechtsstaat. Diskriminierung soweit das Auge reicht. Es scheint fast unmöglich zu sein, als knapp dreissigjähriger Single in der Stadt Luzern eine Wohnung zu finden. Deswegen auch mein schlechter Schlaf. (Dünnes Nervenkostüm, Lärmbelästigung, fehlende Bico-Matratze) «Tut uns leid, Herr CF, aber die Wohnung wurde an ein Päärchen aus Zürich vergeben.» Diese und ähnliche Sätze drücken bei mir seit geraumer Zeit gehörig auf die Motivationsbremse. Verdammter Päärchen-Faschismus! Verdammte Zürcher!
Unser hiesiger Kulturkreis ist ein einziger Etikettenschwindel. Selbstbestimmung und Freiheit wurden gänzlich zweckentfremdet und als Schlagworte neoliberaler Verräter missbraucht. Der dogmatische Vorschlaghammer der vermeintlich christlichen Nächstenliebe gepaart mit einem bürgerlich-monogamen Paradigma nehmen unserer mentalen Emanzipation jeglichen Wind aus den Segeln. Das Singlesein wird gemeinläufig als pathologischer Zustand taxiert, während die traute Zweisamkeit als göttliche Offenbarung auf den Altar der Lebensziele gehievt wird. (Und doch ist die Hölle so nah.) Tag für Tag sehe ich mit eigenen Augen, wie an einer einst hoffnungsvollen Generation geistiger Völkermord begangen wird. Es grassiert der materielle Vergleichswahn, der letztlich in einer jämmerlichen, infantilen Regression endet. Getreu dem freudschen Motto: Im Kindesalter zeigte man sich seine Genitalien, heute sein Eigenheim. Man suche den Unterschied.

Dennoch besteht Hoffnung. Und hier hat der Alkohol plötzlich seinen grossen Auftritt als edler Retter in der Not und kommt für einmal weg von seinem Bösewichts-Image. Denn sein Schwert durchdringt uns alle mit Leichtigkeit, trennt die klebrigsten Beziehungen und sprengt die schwersten Ketten, die wir uns selbst angelegt haben. Gleichzeitig schafft er neue Verbindungen, vitalisiert unser Dasein und löst die Liebe von ihrer krankhaften Bindung an den Gegenstand. So kehrt denn letztlich der Mensch zur Menschlichkeit zurück und CF kann nun endlich friedlich einschlafen. Prost!