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Hochzeitsfaschismus

3 min Lesezeit 04.07.2013, 11:59 Uhr

In dieser Woche feiert unser Kolumnist Traumhochzeit.

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, für einmal an einem Freitag (der Tag nach Donnerstag, ansonsten wäre das ja ein Paradoxon – wobei man auch an Freitagen arbeiten kann/muss/darf) tagsüber im Storchen zu arbeiten. Der Freitag ist ein verrückter Tag. All jene, die schon einmal an einem Freitagabend im Storchen zu Gast waren, wissen ja, wie’s abgeht, wenn Oldschool-Super-Mario mit Shaker und Stössel bewaffnet, Hans Albers im Ohr und Hosenträgern an den Schultern zur monumentalen Zeitreise einlädt. Mit dieser Erwartungshaltung macht das Werken hinter der Bar zusätzlich Freude und lässt den Sand der Zeit noch ein bisschen schneller verrinnen. Doch damit nicht genug…

CF hat auch bald die fette Drei am Rücken und wie es dieses Alter so mit sich bringt, kommen die Leute dabei auf die verrücktesten Ideen. Die einen beginnen zu arbeiten, andere fangen mit halsbrecherischen Sportarten an, wiederum andere werden abstinent oder kaufen Haarwuchsmittel. Es gibt auch solche, die wandern aus, gehen auf Weltreise, konvertieren zum Buddhismus oder beginnen eine Affäre mit dem Chef oder dessen Tochter (oder dessen Frau). Und dann gibt es noch jene, die wollen tatsächlich heiraten und gemeinsam in den Hafen der Ehe einlaufen. (Ist der Herr alt und hässlich und das holde Weib jung und schön, wird dann aus dem Einlaufen schnell ein Einkaufen.) Womit wir wieder beim Storchen wären.

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Der Storchen liegt ja bekanntlich am Kornmarkt gleich gegenüber dem Rathaus. Und immer wieder freitags mutiert dieses Rathaus zum Epizentrum aller heiratswilligen Vollzeitoptimisten (meistens ist ja dann die Zukunft nicht so rosig wie der Blumenregen beim Ausgang vom Standesamt). Wie auch immer. Es obliegt mir nicht, über Sinn und Unsinn der Ehe zu urteilen. CF bleibt sachlich.

Der Hochzeitsdurchlauf an Freitagen im Rathaus ist gigantisch. Festgesellschaften so weit das Auge reicht. Die totale Hochzeit! Übergewichtige Hornbläser, peinliche Spaliersteher, nervige Blumenkinder, Kutschen mit missmutigen Kutschern, scheissende weisse Tauben, alte Autos mit Blumengestecken, feiner Zwirn hüben und drüben. Es ist eine wahre Freude. Man liegt sich in den Armen, wischt sich die vermeintlichen Freudentränen aus den Augen, wünscht den Frischvermählten alles Gute und sieht grosszügig darüber hinweg, dass sich im Glück des Brautpaars das eigene Unvermögen spiegelt.

Doch trotz allem mag ich Hochzeiten. Dies aus verschiedenen Gründen. Erstens ist der Hochzeitsfreitag im Storchen rein von der Ästhetik her ein Augenschmaus. Da legt selbst die überforderte Hausfrau für einmal die Leggins zur Seite, versucht sich in Haute-Couture und überwindet – auch wenn nur für kurze Zeit – ihren Selbsthass. Dann gäbe es da auch noch den Stereotyp des betrunkenen Onkels, der für den Apéro zuständig ist und mir immer wieder vergnügliche Minuten hinter der Bar bereitet. Jener fällt durch unangebracht lautes Lachen (besonders bei Hochzeiten am frühen Morgen) auf, bestellt sicher zu viel Wein, beklagt sich darüber, dass die restliche Festgesellschaft noch immer nüchtern ist und lässt seinen Blick des Öfteren über das tief ausgeschnittene Dekolleté der Tante der anderen Familienhälfte schweifen.

Doch am meisten Freude bescheren mir die Eheleute. So viel Glück auf einmal zu sehen, da wird selbst CF zum Romantiker. Das ist die Zukunft. Die Zukunft der Bars – versteht sich. Denn was soll man sonst anstellen mit Abfindung und Alimenten?