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Fremdenverkehrt

3 min Lesezeit 06.09.2013, 15:09 Uhr

Unser Barkeeper-Blogger schreibt über touristische Grausamkeiten und die Sehnsüchte nach der Gemütlichkeit Luzerns.

Die Sommerpause ist vorbei und CF hat seinen Dienst im Storchen wieder aufgenommen. Gleichzeitig habe ich auch meine Zeit des intellektuellen Stillstandes für beendet erklärt. Es ist Zeit zu schreiben. Von nun an gibt’s wöchentlich wieder schriftliches Kraftfutter. Tiefgang hin oder her. Hauptsache, eure steifgefrorene Büro-Mimik bekommt etwas Bewegungstherapie.

Wie es der Titel schon vermuten lässt, geht es im heutigen Beitrag um die Themen Urlaub, Ferien, Reisen etc. (CF war einen Monat in der Toskana. Das erzähle ich immer gerne, weil es so schön nach Kultur klingt. Pisa, Siena, Florenz. Dante, Da Vinci, Michelangelo. Jaja, ist ja gut und recht. Doch in Tat und Wahrheit habe ich einfach vier Wochen gegessen und getrunken.) Heutzutage liegt das ja mehr im Trend denn irgendwann sonst in der Menschheitsgeschichte. (Die grossen Völkerwanderungen der Spätantike mal ausgenommen.) Sinkende Preise, grössere Mobilität und im Allgemeinen steigender Wohlstand haben dazu geführt, dass sich jetzt selbst Maturanden oder Lehrlinge Reisen an exotische Destinationen leisten und dort den Max machen können.

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Insbesondere die Backpacker-Kultur feiert dieser Tage Hochkonjunktur. Bewaffnet mit einem überdimensionierten Rucksack, einer gehörigen Portion naivem Optimismus und in Erwartungshaltung einer lebensverändernden Erfahrung, machen sich junge Leute auf, die Welt zu erkunden und landen dann meist in billigen, von Westeuropäern und Amis bevölkerten Absteigen, wo’s den selben «Food», das gleiche Bier und die selben Frauen gibt wie zuhause. Die Einheimischen sind bestenfalls schlecht bezahlte Diener, die am nächsten Morgen die Kotze bleicher, übergewichtiger Ami-Teenies (Das mit dem «sich flach legen lassen» ist halt ab einer gewissen Rundlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr so einfach) wegputzen.

Von wegen lebensverändernde Kultur-Reise! In der Wirtschaftssprache würde man dazu wohl sagen: Das Komasaufen wird «outgesourced»! Lustig eigentlich, dass sich diese Leute als sogenannte Individualreisende bezeichnen und dennoch den selben Quatsch wie alle anderen machen. Das hat nichts Ruhmreiches, Glanzvolles oder Abenteuerliches an sich. Das ist purer Massentourismus, verpackt in eine leicht schäbige Hülle. In etwa so, wie wenn man sich eine neue, löchrige Jeans kauft. Ein Etikettenschwindel par Excellence!

Und was hat das jetzt eigentlich mit dem Storchen zu tun. Nun, vor genau zwei Jahren habe ich mir auch den Rucksack umgeschnallt und bin quer durch Südamerika gereist. Und abgesehen von den oben beschriebenen Begleiterscheinungen war das Ganze auch recht schön. Dennoch packte mich schon nach wenigen Tagen das Heimweh und gerade bei langen, kalten Nachtfahrten in stinkenden, bolivianischen Bussen ohne Toilette dachte ich sehnsüchtig an die lauwarmen Sommerabende auf der Terrasse des Storchen, wo ich den einen oder anderen Charly hätte kippen können.

Luzern mag sich zwar auch immer mehr dem touristischen Absolutismus unterordnen, doch geht man hier immerhin mit Stil zu Werke. Und daneben gibt es zum Glück immer noch Lokale wie den Storchen, wo sich alteingesessene Luzerner und Touristen gegenseitig die Klinke in die Hand geben, zusammen trinken und somit genau jenes Stück Authentizität erhalten, das man bei den Touri-Hotspots in Südostasien oder Südamerika vermisst. Integrativer Tourismus könnte man das nennen. Alles andere ist und bleibt fremdenverkehrt.