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Der bürgerliche Gastro-Chauvinist

3 min Lesezeit 30.05.2013, 10:30 Uhr

Diese Woche schreibt unser Bar-Kolumnist über eine eher unangenehme Klientel, die noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen ist.

Die Kundschaft im Storchen könnte mannigfaltiger nicht sein. Kaum eine Bar in Luzern (CF kennt sehr viele) hat ein Publikum, welches die Bandbreite unserer Gesellschaft in diesem Masse abdeckt. Im Storchen geben sich Millionäre und Sozialhilfeempfänger die Klinke in die Hand. Teenager und Pensionäre sitzen Rücken an Rücken nebeneinander und zelebrieren den intergenerationellen Dialog und letztlich werden selbst zwischen Einheimischen und Touristen neue Freundschaften geschlossen (siehe letzte Woche). Diese gesellschaftliche Integration findet nirgends besser statt als in einer Bar. Soweit so gut.

Liest man diese ersten Zeilen, so könnte fast der Eindruck entstehen, sämtliches Übel der Welt sei auf einmal in den Himmel geblasen, weggetrunken oder gar regelrecht die Toilette runter gespült worden. Der berauschte Gutmensch hat also obsiegt? Mitnichten!

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An jedem Tag, an dem CF den Tresen hütet, könnte er mindestens einmal explodieren. Natürlich macht er es nicht. Die Professionalität verbietet meinem Handeln affektierte Auswüchse. Folglich bleibe ich stets ruhig und besonnen, schlendere mit galantem Schritt zurück hinter die Bar, schenke mir einen Schluck Beruhigungsmittel ein (Campari mit Prosecco) und übe mich in positivem Denken. Aufforderungen seitens des Problemgastes wie beispielsweise: «Bevor ich etwas bestelle, machst du mir den Tisch sauber!», oder auch: «Bring mir noch ein paar Oliven!» (natürlich gratis), prallen somit vollumfänglich an mir ab. Mein emotionales Vakuum versuche ich in diesen Momenten mit meinem Glauben an die Harmonie zu füllen.

Diese grausamen Menschen (90% davon sind Männer) sind Anachronisten durch und durch. Sie leben in einer grauen Vorzeit, wo der Service-Mitarbeiter mehr Sklave als Angestellter ist. Meist sind sie mittleren Alters, eher gut betucht, dickbäuchig, laut und neigen zu sexistischen Kommentaren. Ich nenne sie ganz einfach «Bürgerliche Gastro-Chauvinisten». Bürgerlich deshalb, weil sie meist antiquierte Wertvorstellungen teilen und beispielsweise die arbeitenden, alleinerziehenden Frauen als versagende Mütter brandmarken (abgesehen vom weiblichen Service-Personal, das immer wieder zur potentiellen Beute degradiert und mit unsäglichem Schleimgequatsche und überhöhtem Trinkgeld überaus peinlich verführt wird). Sie sind wahrhaftig die Herren der Schöpfung, treten jedoch nie alleine auf. Denn erst durch das zustimmende Grölen eines anderen bürgerlichen Gastro-Chauvinisten, gepaart mit starkem Alkoholkonsum, übersteigt das Selbstbewusstsein des verkümmerten, ungeliebten Kindes im Inneren dieser Männer sämtliche Scham und mündet final in einem ekelhaften Grössenwahn.

Doch genug der Psychologie für heute (CF hat keine Ahnung davon). Letzten Endes sind diese Gäste eine verschwindende Minderheit, von denen man sich die Laune nicht verderben lässt. Doch ähnlich wie bei einem Pilzgericht, kann schon ein einzelner giftiger einen anhaltend faden Beigeschmack hinterlassen.

In der nächsten Kolumne bekommt der blaue Dunst meine Aufmerksamkeit. Bis dahin wünsche ich eine gute Zeit und ein schönes, verlängertes Wochenende mit vielen Bar-Besuchen.