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Zuger Bauprojekte werden kritisch diskutiert
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Das Stadtmodell von Zug wurde präsentiert und diskutiert. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Welche Dichte braucht die Stadt? Zuger Bauprojekte werden kritisch diskutiert

7 min Lesezeit 05.12.2016, 06:23 Uhr

Die Zuger Stadtbauplanung liegt als Modell auf dem Tisch. Was dieses Werkzeug bewirkt und welchen kritischen Fragen sich die Teilnehmer stellen mussten.

Das Bauforum Zug hat Ende November zum Fachgespräch Stadtentwicklung Zug geladen. Nebst den Planern der vorgestellten Quartiere, einzelnen Investoren und Amtsvertretern haben viele lokale Architekten an der Diskussion teilgenommen. Grosse Teile des Zuger Stadtmodells liegen auf den Tisch, sodass sich rundum ein Gespräch unter Fachplanern ergeben kann. Das Modell bewirkt, dass man auf einen Blick die Grössenverhältnisse, die Bezüge und wichtige Verbindungen in der Raumplanung erfassen und kritisch überprüfen kann.

Mehrwert des Stadtmodells

Das Modell zeigt die Stadtgebiete zwischen den eingesetzten Projektierungen der Areale Unterfeld (Richtung Baar), Lorzenallmend (Richtung Cham), Baarerstrasse West (Richtung See/Altstadt) und V-Zug. Bereits die Darstellung dieser Planungszonen bedarf eines grossen Platzbedarfs.

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In gewisser Weise Luxus und trotzdem hilfreich wären erweiterte Modellbereiche gewesen. Insbesondere die Weiterführung der Baarerstrasse nach Westen bis in die Bahnhofsstrasse hinein für den sichtbaren Massstabssprung der Gebäude, und weitere Platten zwischen Zug und Baar, um das Zusammenwachsen der beiden Zentren zu zeigen. Um den Modelltransport im Rahmen zu halten, wäre künftig auch ein grosser Stadtplan des grossräumigen Gebiets als Ergänzung neben dem Modell denkbar.

Nun kann man sich aber endlich die Qualität eines solchen Modells vor Augen führen und umso mehr den Wunschgedanken verfolgen dieses Modell dauerhaft für Planer und insbesondere auch für die Bevölkerung zugänglich zu machen.

Warum braucht es ein Park, wenn wir die Lorzenebene haben?

Eine der an diesem Abend gestellten Fragen: Welche Beziehungen zwischen dem traditionellen Stadtkern und der Peripherie werden suggeriert? (Peripherie bedeutet gemäss Definition von Wikipedia «Umgebung oder Umfeld, beispielsweise die Umgebung einer Stadt oder einer Region im Gegensatz zum Kernbereich»). Die Gemeindegrenzen sind hier aber eine formelle Definition, räumlich sind diese heute kaum spürbar.

Dass beispielsweise Frisbee-Spielen in einem Park inmitten eines Quartiers attraktiver ist als der Platzkampf mit den Kühen in der Lorzenebene dürfte auf der Hand liegen.

Der Umgang mit dem Rand eines Siedlungsgebietes begleitete insbesondere das Projekt Unterfeld (HHF Architects) zwischen Baar und Zug. Es stellte sich die Frage nach der Notwendigkeit eines grossen «Privatparks» wenn direkt daneben die grösste Grünfläche in Form der Lorzenebene liegt. Dass beispielsweise Frisbee-Spielen in einem Park inmitten eines Quartiers attraktiver ist als der Platzkampf mit den Kühen in der Lorzenebene dürfte auf der Hand liegen.

Das Projekt Unterfeld zwischen Baar und Zug. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Das Projekt Unterfeld zwischen Baar und Zug. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Grünfläche ist nicht gleich Park. Ein Park ist ebenfalls gemäss Definition eine «idealisierte Natur auf begrenztem Raum». Ein Park ermöglicht unterschiedlichste Nutzungen durch die Bevölkerung. Die Lorzenebene ist im weitesten Sinn eine Landwirtschaftszone. Beide haben Ihre Qualitäten und auch nebeneinanderliegend Ihre Berechtigung. (Im Gegensatz zur Verwendung des Begriffs «Park» für Quartiere und ihre auf Restflächen zusammengeschrumpfte Grünflächen.)

Die Gebäudeanordnung im Unterfeld hat eine für Zug noch ungewohnte Präsenz respektive einen grösseren Massstab (von oben betrachtet). Mit einem flexiblen Mix an Wohnungsgrössen, dem Nebeneinander von Wohn- und Dienstleistungsnutzung kann aus diesem Ort zwischen Zug und Baar durchaus ein identitätsstiftender Park werden, welche nicht nur von den direkten Anwohnern genutzt wird.

Identität entsteht durch Dichte

Eine wachsende Stadt kommt vernünftigerweise nicht um die Schaffung neuer öffentlicher Orte herum. «Öffentlich» heisst zum Beispiel eine öffentlich zugängliche und attraktive Nutzung des Erdgeschosses eines Hochhauses, eines Platzes, oder Verkaufs- und allgemeine Dienstleistungsräumlichkeiten. Die Strukturen im Erdgeschoss müssen flexibel sein.

Selten, insbesondere in Zug, wird vom Tag der Gebäudefertigstellung an, ein Erdgeschoss sofort in Beschlag genommen und mit Leben gefüllt. Belebung ist ein Prozess, manchmal über viele Jahre hinweg. Eine Voraussetzung dafür ist auch erst eine entsprechende Dichte, je mehr Menschen, umso vielfältiger die Nachfrage umso vielfältiger kann sich das Angebot entwickeln. Wir müssen diesen Prozess aushalten können und das Angebot räumlich und auch finanziell so flexibel wie möglich halten. Vielmehr stellt sich die Frage danach, wie dicht wir bauen können und trotzdem offen genug bleiben, um unterschiedlichste Nutzermodelle zuzulassen.

Durch Abgrenzung zur Wohnqualität

In der Lorzenallmend (mlzd Architekten) soll aus Sicht der Projektvertreter eine eigene Wohnqualität geschaffen werden. In dieser Zone werden die Siedlungen Cham und Zug zumindest in den nächsten 25 Jahren nicht zusammenwachsen. Umso mehr braucht es dort ebenfalls eine eigene Identität. Das Modell zeigt den Stand eines Bebauungsplans, bietet demnach noch eine dafür notwendige Flexibilität. Auf diesem Stand kann man eine Situierung kritisch beurteilen.

«Wettbewerbe bieten eine beschränkte Sichtweise auf das Projekt.»

Ungeliebt sind dagegen Modelle von Projekten welche eigentlich bereits eine 3D-Darstellung einer Baueingabe sind. Wettbewerbe beantworten nur die Fragen, welche gestellt werden, dies ist automatisch immer eine beschränkte Sichtweise. Diese Diskussion am Fachgespräch zur Stadtentwicklung hätte man sich zu einem früheren Zeitpunkt gewünscht. Dieser Wunsch wird häuftig laut, wenn es um so grossflächige Projekte geht wie jenes mitten in der Lorzenebene.

Lorzenallmend zwischen Cham und Zug. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Lorzenallmend zwischen Cham und Zug. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Das Projekt Lorzenallmend fällt insbesondere durch klare Ränder entlang der Strasse und durch die Abgrenzung zu Steinhausen auf. Ob ein solches Areal bereits in den nächsten 20 oder erst 200 Jahren gebaut ist, wird sich zeigen. Der Wunsch nach einer klaren Identität, beispielsweise mittels markantem Turmbau, wurde geäussert. Wir sollten diesen Wunsch nicht zu sehr in Richtung Vals aussprechen. Da sind wir auch schon bei unseren lokalen Investoren.

Weitere spannende Projekte der Zuger Stadtbauplanung finden Sie auf Seite 2.

Setzen oder Klotzen

Obwohl eine grosszügige öffentliche Nutzung rund um die Bauvolumen von den Projektvertretern versprochen wird, ist man nicht sicher, wie angenehm diese grossformatige Volumetrie an diesem Ort auf den Fussgänger wirkt. Dass es keine Vorder- und Rückseite der Gebäude gibt (resp. keine Unterscheidung einer mehr oder eben weniger repräsentativen Fassade) ist an dieser Stelle zwischen Bahnhof und Metalli durchaus passend. Man möchte den erhöhten Bahndamm als Charakter künftig mehr betonen und freistellen.

Investorengürtel Baarerstrasse West. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Investorengürtel Baarerstrasse West. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Lokale Industrie mit wenig öffentlicher Nutzung

Wirklich massig wird es aber bei der V-Zug (Hosoya Schaefer Architects), deren Vertreter leider nicht vor Ort waren. Einer lokalen Industrie gewährt man aus traditionellen und emotionalen Gründen oft mehr als auswärtigen Investoren. Trotzdem lässt das Model erahnen, dass zwischen den Bauvolumen kaum Platz für eine flexible Nutzung für die Öffentlichkeit bleibt.

Natürlich hat das verhältnismässig kleine Zug zum heutigen Zeitpunkt einen beschränkten Bedarf solchen Zonen, aber jetzt haben wir die Möglichkeit diese für die Zukunft zu schaffen. Verbaut ist verbaut, zumindest für eine bestimmte Dauer. Apropos, Mitte Dezember sollen neue Zahlen zur Wachstumsprognose veröffentlicht werden.

Das Gebiet V-Zug mit massigem Modell. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Das Gebiet V-Zug mit massigem Modell. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Dichte zu Gunsten der Infrastruktur-Nutzung

Im Vergleich zu anderen Städten ist Zug bereits kompakt und dicht gebaut. Ich unterstütze die eingeschlagene Richtung, um diese Dichte auch weiterhin beizubehalten – zu Gunsten der Infrastruktur-Nutzung und bewussten Schaffung von Grünzonen und Plätzen. Natürlich immer unter Berücksichtigung der Wohnqualität: Natürliche Belichtung, Wohnungstiefen unter 12 bis 14 Meter, Mischung der Wohnungsgrössen und realistische Finanzierbarkeit.

«Eine natürliche Nach-Verdichtung hat man für das Herti-Quartier auf dem Schirm.»

Eine Nutzungstrennung birgt die Gefahr von «Schlafstätten», welche nicht dem Menschen und seinen natürlichen Bedürfnissen entsprechen. Eine natürliche Nach-Verdichtung hat man für das Herti-Quartier auf dem Schirm. Bis Mitte des Abends wurden die hineingesetzten Hochhausbauten vermutlich nur von wenigen Anwesenden überhaupt bemerkt. Ein gutes Zeichen für ein gesundes Wachstums in einer ursprünglich flexibel gebauten Strukur.

Die Verdichtung des Herti-Quartiers. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Die Verdichtung des Herti-Quartiers. (zvg. Tanja Rösner-Meisser)

Vorhandene Qualitäten betonen

Die Architekten der Quartiere mussten sich den kritischen Fragen stellen und haben sich gut geschlagen. Ein Politiker hat sich sehr angriffslustig mit der Aussage geäussert, die lokalen Planer seien mit einer Stadtplanung überfordert. Ein weiterer Politiker wollte unbedingt wissen, was der richtige Massstab einer Arealbebauung sein – quasi als allgemeingültige Regel für das gesamte Stadtgebiet.

«Ziel für die Zukunft muss sein, dass noch vor der Projekt-Überarbeitung die Zuger Fachplaner zu einer kritischen Diskussion am Modell eingeladen werden.»

Beide scheinen nicht begriffen zu haben, dass sich eine Stadt über Generationen hin entwickelt und sich darin unterschiedliche Situationen ergeben. Auf diese individuellen Rahmenbedingungen müssen Planer eingehen – dafür gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Zum Glück, denn Zug ist nach wie vor dabei die zweifelsfrei vorhandenen Qualitäten zu betonen und auch zwischen den Zentren Orte mit Identität zu schaffen.

Kritische Diskussionen sind zukunftsweisend

Diese Diskussion am Modell ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Auch wenn an diesem Abend nicht alle Fragen beantwortet worden sind geschweige denn eine einheitliche Meinung resultiert ist, war es ein erfolgreicher Anlass der Stadt Zug um die baulichen Entwicklungen kritisch zu hinterfragen.

Ziel muss in Zukunft sein, dass nach durchgeführtem Wettbewerb aber noch vor der Projekt-Überarbeitung, die Zuger Fachplaner zu einer kritischen Diskussion am Modell eingeladen werden. Kritische Fragen und Inputs können so noch vor der Überarbeitung und Ausarbeitung zu einem Bebauungsplan einfliessen. Und natürlich ist dafür nichts hilfreicher als ein Stadtmodell, welches sich dann künftig bis nach Cham, Steinhausen und Oberwil ausdehnt.

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