Architekturkritik Stadtschminke

14.10.2013, 22:00 Uhr 2 min Lesezeit

Das einst als «das modernste Modehaus der Schweiz» angepriesene Geschäftshaus an der Reussbrücke wird gegenwärtig renoviert. Eine Herausforderung der speziellen Art. 

Hinter der Fassade des als Spengler-Modehaus erstellten Geschäftshauses an der Reussbrücke in der Luzerner Altstadt verbirgt sich ein moderner Zweckbau. Nach aussen tritt das Gebäude auf der Reussseite als traditioneller Riegelbau in Erscheinung. Doch diese aus den frühen 1970er Jahre stammende Verkleidung ist aufgeklebt. Sie wird gegenwärtig renoviert. Ob das echte Holz und die verputzten Styropor-Füllungen denkmalpflegerischen Ansprüchen zu genügen haben, ist mir nicht bekannt. Ob auch hier Öl- und Mineralfarbe zur Anwendung gelangen, bleibt eine offene Frage. 

Hingegen ist das Gebäude nicht wegen seiner Materialisierung, sondern wegen seiner Vorgeschichte interessant. Es nimmt eine Schlüsselstelle im Umgang mit der Luzerner Altstadt ein. Die Architekten Heinrich Auf der Maur und Aldo Losego wollten 1960 hier einen modernen Akzent setzten, was die Gemüter erregte und zur Frage anstiftete: «Ist Luzern abbruchreif?» Als sich am 3. Februar 1960 ein Fackelzug mit Kantons- und Kunstgewerbeschülerinnen und –schülern durch die Luzerner Altstadt bewegte, ging es ihnen um die Unterschutzstellung des Balthasar-Hauses. Dieser aus dem 17. Jahrhundert erhaltene Riegel-Bau sollte gerettet werden. 

Die Studien von Auf der Maur und Losego sahen dagegen einen Teilabbruch vor. Für die Architekten war das damalige Neubauprojekt «als eigenständiger Baukörper konzipiert, der sich aber in Rhythmus und Massstab dem Uferprospekt einfügt.» Man wollte einen neuen Brückenkopf schaffen, weshalb die Gesimshöhe missachtet wurde. Doch die Architekten wurden nicht verstanden. Das Projekt wurde nicht verwirklicht. Stattdessen entstand das Modehaus-Spengler, das seither als Sinnbild für einen anderen Umgang mit der Altstadt steht: Einer zeitgenössischen Architektur wurde eine Stadtschminke vorgezogen.

Für Martin Heller, Direktor der expo.02, zielt diese Art von Städtebau darauf ab, die Innenstädte vor Aktualität zu bewahren. Am Beispiel des Prime Towers in Zürich sieht er seine These bestätigt. Während die Zürcher Altstadt sich nicht sichtbar verändere, könne sich das Bild von Zürich West nicht schnell genug verwandeln. Seine Sichtweise lässt sich auch auf Luzern übertragen. Dynamik und Prosperität sind Eigenschaften, die nicht den Innenstädten zugeschrieben werden. So geht vergessen, dass jeder Stadtteil einem steten Wandel unterworfen ist. Auf die Frage, wie wir diesen Wandel begleiten, hat das Modehaus-Spengler schon vor 40 Jahren eine klare Antwort gegeben: Es tut so, als ob es diesen Wandel nicht gäbe!

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