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Wiedergeburt eines historischen Juwels auf dem Zugerberg

Für diese Trinkhalle vergossen die Zimmermänner Herzblut

Der 155-jährige Holzbau ist 40 Meter lang und 7 Meter breit. (Bild: Reinhard Zimmermann)

Die Privatschule Montana liess die ehemalige Trinkhalle auf dem Zugerberg kürzlich komplett rück- und wiederaufbauen und realisierte darin ein modernes Welcome Center mit Büroboxen. Im Zentrum des abenteuerlichen Unterfangens: das Handwerk der Zimmerleute.

Dass Zimmermänner über einen ausgeprägten Berufsstolz verfügen, ist bekannt. Schliesslich handelt es sich um einen der ältesten und traditionsreichsten Berufe überhaupt, und die Anforderungen an diese Fachleute sind hoch. Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, technisches Verständnis und handwerkliches Geschick gehören genauso dazu wie umfangreiches Fachwissen über den Werkstoff Holz und eine gute körperliche Konstitution. Gefragt ist zudem Kreativität. Dies gilt vor allem dann, wenn historische Bauten saniert, Konstruktionen ertüchtigt und einzelne Balken ersetzt oder originalgetreu nachgebaut werden sollen.

Wie im Falle der Trink- und Wandelhalle. Der 1870 auf dem Zugerberg realisierte Holzpavillon wurde kürzlich einer geradezu abenteuerlichen Sanierung unterzogen. Aber ist Sanierung überhaupt das richtige Wort? Das historische Gebäude – im Besitz des Instituts Montana – wurde komplett rückgebaut, in zig Einzelteile zerlegt, abtransportiert, repariert und an Ort und Stelle wieder aufgerichtet.

Vor der Sanierung diente das Gebäude als Lagerschuppen. (Bild: Archiv ADA)

Nötig war dies, weil sich die 40 Meter lange und 7 Meter breite Konstruktion aus Fichten- und Tannenholz in einem kritischen baulichen Zustand befand, schlecht isoliert war und sich nicht mehr sinnvoll nutzen liess. «Uns war schon länger klar, dass wir etwas unternehmen mussten, auch aus Gründen der Sicherheit», sagt Alex Biner, VR-Präsident der Institut Montana Zugerberg AG, die als Bauherrin fungierte. «Vor allem, wenn viel Schnee auf dem ohnehin undichten Dach lag, wurde es mit der Tragfähigkeit kritisch.» Für Biner, der in den 1970er-Jahren selbst Zögling im Montana war, stellt die Trinkhalle ein Juwel auf dem weitläufigen Campus dar. «Sie steht für Tradition – genau wie die 1926 von Max Husmann gegründete Schule.»

Aufrichte innerhalb Rekordzeit

Verantwortlich für das komplexe Unterfangen war die Zimmerei Xaver Keiser AG. Inhaber und Geschäftsführer Urban Keiser scheute keinen Aufwand, aus dem altehrwürdigen Pavillon ein qualitativ hochstehendes und ästhetisch attraktives Bauwerk zu realisieren und es in Zusammenarbeit mit der Röck Baggenstos Architekten AG für eine neue Nutzung instand zu stellen. Nachdem sämtliche Schichten der Verschalungen abgebrochen waren, wurde die Konstruktion sorgfältig zerlegt, beschriftet, katalogisiert und vom Zugerberg in die Zimmerei nach Zug transportiert.

Zimmermeister Urban Keiser (links) und Alex Biner, Vertreter der Bauherrschaft. (Bild: Regine Giesecke)

Stück für Stück wurden die insgesamt 750 Holzteile begutachtet und – je nach Zustand – instand gesetzt oder ausgeschieden. Bereits in der Werkstatt wurden bestimmte Teile wieder zusammengesetzt und anschliessend mit einem nächtlichen Sondertransport wieder auf den Zugerberg gebracht. Dort wurde zwischenzeitlich das neue Untergeschoss mit der vorfabrizierten Kellerdecke und den betonierten Sockelmauern realisiert. Dank optimaler Vorarbeit, so Keiser, sei das Aufrichten der Träger und Balken «ein Kinderspiel» gewesen und in Rekordzeit über die Bühne gegangen.

Um die Grundwasserwanne trocken zu halten und das Holzwerk, das in der Werkstatt bereits zweimal mit Leinölfarbe vorgestrichen war, zu schützen, spannte man über den Bauplatz während Monaten ein sogenanntes Notdach, das bei Bedarf geöffnet werden konnte. Entfernt wurde es erst, als das mit neuen Ziegeln eingedeckte Dach dicht war. Anschliessend ging es an das Anschlagen der Wandschalungen und Täfelungen.

Nur 40 Prozent verwertbare Substanz

Die Bauarbeiten zogen sich aufgrund der Komplexität über fast zwei Jahre hinweg. Bisweilen waren acht Zimmerleute gleichzeitig im Einsatz. Etwas überraschend für das Team fiel die Bilanz bezüglich Wiederverwertbarkeit aus: Nur gerade 40 Prozent der alten Holzsubstanz konnten wieder benutzt werden. Der Rest des Holzmaterials war morsch, musste ersetzt und originalgetreu rekonstruiert werden.

Morsches Holz wurde ausgeschieden, intaktes saniert und wieder verbaut. (Bild: Jakob Windlin)

Aufwendig gestaltete sich auch die Sanierung des Dachgesimses mit den Laubsägearbeiten. Die filigranen Holzornamente schmeicheln dem Auge ganz besonders, zaubern bei Sonnenschein wunderschöne Schattenspiele an die Fassade und rufen die Epoche der Bauzeit – die mittlerweile 154 Jahre zurückliegt – in ihrer ganzen Ästhetik in Erinnerung.

Alte und neue Bauteile wurden wie Puzzleteile zusammengesetzt. (Bild: Jakob Windlin)

Die Bauherrschaft ist voll des Lobes über die engagierte und sorgfältige Arbeit der Zimmerleute. «Zimmermeister Keiser hat nicht einfach einen Auftrag erledigt, sondern Herzblut investiert und uns mit seiner Begeisterung für den Holzbau angesteckt», so Biner.

Inspiration aus dem Antiquariat

Nebst den kolorierten Zeichnungen aus dem Archiv des Zuger Postkartensammlers Oskar Rickenbacher organisierte Keiser antiquarische Werke, unter anderem Bildbände mit Kupferstichen, die einen umfassenden Überblick über die Standards der traditionellen Zimmermannskunst aus dem 18. und 19. Jahrhundert lieferten und als Inspirationsquelle für diesen Auftrag dienten.

Die Trinkhalle (links im Bild) war einst Nebengebäude des alten Kurhotels, für welches hier per Inserat geworben wird. (Bild: Archiv ADA)

Einen bewussten Bruch zur Holzbautradition wagte Architekt Thomas Baggenstos. Er konzipierte im Holzhaus sieben Büros und ein Sitzungszimmer als Boxen in Leichtbauweise. Die transparenten Einbauten könnten jederzeit wieder demontiert werden. Der denkmalgeschützte Pavillon ist also flexibel, was auch angesichts der getätigten Investitionen in der Höhe von mehreren Millionen Franken von Bedeutung ist. Ein weiterer Trumpf: Dank der Unterkellerung des Gebäudes konnte unterirdisch Platz für Toiletten, Garderoben, Archiv und Technik geschaffen werden.

Beliebter Treffpunkt für Trinkkuren

Spannend ist die wechselhafte Biografie des Holzpavillons: Als Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Zugerberg touristische Hochkonjunktur herrschte, diente er den Gästen des Grand Hôtels Schönfels bei trüber Witterung als Wandelgang, also als Treffpunkt für Trinkkuren mit Milch und Molke. Zudem fanden darin regelmässig Gesellschaftsspiele statt. Motto: sehen und gesehen werden.

Als das Grand Hôtel schliessen musste und 1926 das gleichnamige «Knabeninstitut» gegründet wurde, errichtete man in der Trinkhalle eine Kegelbahn, später nutzte man das Gebäude für den Werkunterricht beziehungsweise als Schreinerei. Unmittelbar vor der Sanierung diente der baufällige Holzpavillon der internationalen Privatschule lediglich noch als Lager für Gerätschaften aller Art. Besonders attraktiv sah die Halle zuletzt nicht mehr aus. Alte Fotos zeigen Einbauten und Anbauten, Zwischenwände und Verkleidungen, welche die schöne Tragkonstruktion kaschierten und die Halle jeglichen Charmes beraubten. Der ist nun wiederhergestellt.

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