Ein ungleiches Paar
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Der Ersatzneubau setzt sich mit seiner Gestaltung ab und verweigert den Dialog zum Nachbarn. (Bild: Gerold Kunz)

Architekturkritik Ein ungleiches Paar

3 min Lesezeit 1 Kommentar 04.02.2016, 08:54 Uhr

In Kriens wurde ein Neubau als Botschafter für das Moderne direkt an die Hauptstrasse gestellt. Städtebauliche Fragen zum Kontext blieben bei dieser Manifestation offenbar unbeachtet.

Kriens hat eine interessante Baugeschichte. Interessant, weil sie von vielen Brüchen gezeichnet ist. Die Industrie hat ab 1855 die Dorfkultur umgekrämpelt, der Siedlungsbau bändigte hundert Jahre später die industrielle Revolution. Oberflächlich betrachtet könnte der Krienser Baustil als modisch bezeichnet werden; nur die Gestaltung der Neubauten hinkt oft der Architekturentwicklung hintendrein. So auch mein oberflächliches Urteil zum Neubau an der Luzernerstrasse 45. Hier war der Wille, endlich etwas Modernes zu Bauen, wohl das leitende Motiv, eine Investition an dieser vom Verkehr geprägten Lage zu wagen. 

Doch ein Haus steht bekanntlich nie alleine in seiner Umgebung. An einer Strasse reihen sie die Bauten auf. Deshalb kommt einem Neubau immer auch die Funktion zu, zu seinen Nachbarn in Dialog zu treten. Dieser Dialog wird vom Neubau offensichtlich verweigert. Seine dominante Gestaltung führt kein Gespräch mit seiner Nachbarschaft. Dabei wäre die Gesprächsbereitschaft gerade hier vorhanden gewesen. 

Die Lage der bestehenden Bauten führt von der Geleiseführung und vom Verlauf des Krienbachs her. In der Einmündung zur Schachenstrasse ist die Rundung der Geleise überliefert geblieben, die zur Ziegelei unterhalb des Bellparks führten. Heute sind die Geleise demontiert. Die eigenwillige Lage der Häuser ist geblieben. 

Um sich auf ein Gespräch einzulassen, braucht es eine gemeinsame Basis. Ohne städtebauliche Analyse lässt sich kein gemeinsamer Nenner finden. Ein Blick auf den Bestand genügt. Die nun neu bebaute Parzelle liegt zwischen zwei Baustrukturen. Ostseitig ein Einzelgebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, westseitig eine Häusergruppe aus Anfang des 20. Jahrhunderts. Während der Einzelbau direkt an das Trottoir grenzt, liegt die Baugruppe um die Tiefe eines Vorgartens vom Strassenraum zurückversetzt. 

Der Neubau nimmt mit seiner Lage direkt am Trottoirrand den Dialog zum östlichen Nachbarn auf. Er festigt diesen Bau im Siedlungsgefüge, indem er mit diesem eine Gruppe bilden will. Hingegen setzt er sich mit seiner Gestaltung ab und verweigert den Dialog. Ein ungleiches Paar steht sich gegenüber. Zwar erkenne ich im symmetrischen Aufbau der Fassade einen gewissen Bezug zum Gestaltungskonzept des Nachbarn, aber Höhe, Volumetrie und Dachabschluss sprechen eine deutlich andere Sprache. 

Es handelt sich hier um keine Vorzeigearchitektur, die einen Standort an der Hauptstrasse einer grösseren Stadt verdient. Die Herausforderung für ein Bauen an dieser prominenten  Lage besteht darin, zwischen den Bauten auf der Ost- und Westseite zu vermitteln, was bei der Planung dieses Neubaus vergessen ging. Stattdessen lebt eine Kontrastarchitektur auf. Einmal mehr hinkt in Kriens der Architekturentwicklung hinterher. Der Neubau wurde als Botschafter für das Moderne an die Hauptstrasse gestellt. Städtebauliche Fragen zum Kontext blieben bei dieser Manifestation offenbar unbeachtet. Ach, wenn doch Kriens nur eine eigene städtebauliche Stimme hätte.

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1 Kommentare
  1. G. Hauf, 19.02.2016, 17:09 Uhr

    Ich frage mich, ob dieser Bau wirklich eines Architekten bedurfte. Genügt es dazu nicht, wenn jemend am Computer Funktionsblöcke zusammen basteln kann ? Wohlverstanden – ich bin Laie, was «Architektur» betrifft. Aber etwas gesunden Menschenverstand gestehe ich mir schon zu….

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