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«Bleistift mit Bizeps» kann schnoddrig fluchen, zart bezirzen – und böse austeilen
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Nicht nur Männer wollen Stéphanie Berger gerne umarmen. (Bild: Marco Masiello)

Viertes Comedy-Programm von Stéphanie Berger in Zug «Bleistift mit Bizeps» kann schnoddrig fluchen, zart bezirzen – und böse austeilen

5 min Lesezeit 26.10.2019, 15:32 Uhr

Endlich mal eine Ex-Miss umarmen! Das gelingt den wenigen Männern im Publikum beim vierten Comedy-Programm von Stéphanie Berger. Ihr «Aufbruch» etabliert sie definitiv zwischen Grössen wie Hazel Brugger, Patti Basler und Helga Schneider. Bergers Auftritt in der Chollerhalle Zug war fast ein Heimspiel.

Vieles hat Stéphanie Berger in ihrem bisherigen Leben schon erlebt: den Rohrbruch in der Zahnarztpraxis, den Zusammenbruch beim Staubwischen, den Knochenbruch beim Einhornreiten, den Kontaktabbruch vom Postboten … Nun ist es Zeit für ihren neusten Bruch: ihren Auf-Bruch. Genauer gesagt: den Aufbruch in eine neue Ära.

«Ärger mit Berger»

Doch da tritt vorerst Bergers Mentaltrainerin Hortensia (gespielt auch von ihr) auf, die sich über die «Zwetschge» und den «Ärger mit Berger» lustig macht: Ach Gott, dieser «Aufbruch» berichte doch eher von ihrem «Zusammenbruch».

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Stéphanie Berger ist nahbar und wandelbar: als Mentalcoach Hortensia. (Bild: Marco Masiello)

Bei Stéphanie Bergers viertem abendfüllenden Programm geht es um die Unzulänglichkeiten im Spiel zwischen Weiblein und Männlein. Dabei ist ihr Ehrlichkeit elementar: Die 41-jährige Comedienne jongliert lässig mit den Klischees von der leicht dämlichen Blondine, die sie selber oft im Programm zu geben scheint – dabei ist das locker aus dem Stegreif Dargebotene wunderbar hintergründig. Und herrlich mitzuerleben.

Veranstalter Phil Dankner sagte: «Sie ist die lustigste Frau, die ich kenne – und die stärkste obendrein.» Aus Bergers frecher Hommage an die Männlichkeit wird eine schonungslose und ehrliche Breitseite gegen den Menschen schlechthin: Stéphanie Berger ist starke Frau genug, ihren Mann zu stehen – und dabei zuzuschauen bereitet unheimlich viel Spass. 

Miss Schweiz mit 17

Stéphanie Berger stand schon früh auf eigenen Beinen. Als sie 1995 mit erst 17 Jahren die Miss-Schweiz-Wahl gewann, lebte sie in der eigenen Wohnung. Für sie war der Titel das Sprungbrett für eine Karriere im Scheinwerferlicht, als Moderatorin und Sängerin, dann entdeckte sie ihr Talent für Comedy. Sie war war an der Seite von Otto Waalkes in «Otto’s Eleven» im Kino zu sehen, seit 2012 tritt sie mit eigenen Programmen auf. Am 28. November wird sie mit «Aufbruch» im Zelt in Luzern zu erleben sein, am 13. März 2020 in der Braui in Hochdorf.

Im knappen Paillettenkleid präsentiert sie stolz ihre durchtrainierten Beine und bezeichnet ihren definierten Rücken als «mein männlichstes Teil». Berger macht viel Sport: «Mir geht es nicht um eine Traumfigur, davon bin ich weit weg, ich sehe mich eher als Bleistift mit Bizeps. Meine Muskeln stärken mich innerlich.» Sie führt ihr eigenes kleines Unternehmen mit einer Angestellten, geschäftlich habe sie zu 90 Prozent mit Männern zu tun, «das braucht Rückgrat.»

Und dieses Rückgrat beweist sie auch auf der Bühne: Atemberaubende Tanzchoreographien, aufwändige Pyrotechnik, extravagante Kostüme– das hat sie im Vorfeld versprochen. Und mit einem Augenzwinkern eingelöst. Sie kann wirklich vieles: schnoddrig fluchen, zart bezirzen, lässig nachäffen, cool singen und böse austeilen. Grandios ihre Parodie auf eine Oscar-Dankesrede. Und ihr Schlusspunkt, ein Abgesang auf die Schlagerwelt dieser ewig lächelnden Helene Fischers und Co., ist der gefeierte Schlusspunkt. Die standing ovation in der gut gefüllten Zuger Chollerhalle waren verdient.

Kann auch herrlich austeilen: Stéphanie Berger. (Bild: Marco Masiello)

Mit ihrem vierten Comedy-Programm «Aufbruch» hat die 41-Jährige bewiesen: Sie ist in der A-Liga der Schweizer Comedians angekommen, stark gereift und darf sich zwischen Grössen wie Hazel Brugger, Patti Basler und Helga Schneider tummeln.

Selbstironie

Berger ist immer noch Single. Das drückt immer wieder durch, und man will nicht so recht begreifen, weshalb diese Powerfrau im richtigen Leben so mit der Liebe hadert. 

«Der einzige Mann, der bei mir daheim regelmässig ein- und ausgeht, ist mein Putzmann.» 

Stéphanie Berger, Comedienne

In einem «Blick»-Interview sagte sie unlängst: «Der einzige Mann, der bei mir daheim regelmässig ein- und ausgeht, ist mein Putzmann. Und der Einzige, der unter dem gleichen Dach schläft, ist mein achtjähriger Sohn.» Die Frau, die ihre Karriere in einer Scheinwelt der Schönen startete, hadert heute mit der Unverbindlichkeit: «Mir geht es um Innigkeit, Vertrauen und Nähe, das funktioniert nur mit Verbindlichkeit. Das ist heutzutage das grösste Problem, es gibt viel zu viele Möglichkeiten, und keiner will sich festlegen.»

Doch verzweifelt mag sie nicht wirken. Im Gegenteil, ihre Selbstironie ist tragendes Teil des neuen Programms. Und sie nimmt damit sich selbst und ihr Publikum also nicht nur auf den Arm, sondern auch in den Arm: Die Männer reissen sich um ihre «free hugs». 

Stéphanie Berger hat alles im Alleingang auf die Beine gestellt, das ist lobenswert. Wenn auch bisweilen doch eher platte Pointen wie «Der Mann hat Süffilys» für einen öden Alki hingeworfen werden  – ein textlicher Sidekick hätte ihr gutgetan. Auf der Bühne wird sie unterstützt von ihrer Managerin Laura Maria Margulies, die sich neben der glamourösen Berger wie ein hässliches Entlein inszeniert und ihr leicht säuerlich assistiert.

Stéphanie Berger mit Sidekick und Managerin Laura Maria Margulies. (Bild: Marco Masiello)

Am Schluss, nach einem Abend voller Lacher mit einer nahbaren Stéphanie Berger geht man zufrieden und erfüllt nach Hause. Die starke Frau schickt einen mit der Bemerkung, dass sie eigentlich krank sei und ihre Stimme mit Cortison gedopt habe, in die Realität zurück. Vorerst gibt es nach Konfetti zum Spruchreigen auch noch Ballone für das Volk. 

Die Künstlerin allerdings kehrt allein heim. Wie sagte Stéphanie Berger doch, als sie sich selber präsentierte: «The one and lonely». Man möchte sie gleich nochmals umarmen.

Ganz nah am Oscar dran … (Bild: Marco Masiello)

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