Bittersüss, makaber, herzerweichend, schmunzelnd
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Der Autor bei der Vernissage in der Galerie (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Die halbe Wahrheit von Benedikt Notter Bittersüss, makaber, herzerweichend, schmunzelnd

3 min Lesezeit 07.05.2016, 14:06 Uhr

Benedikt Notters neustes Werk «Die halbe Wahrheit – ein Bildertagebuch» entführt seine Leser in fantastisch absurde Welten. Welten, hinter deren bunten Bildern sich Tiefsinniges zu verstecken scheint.

Bittersüss, makaber, herzerweichend, schmunzelnd. Es gibt viele Worte die seine Bilder beschreiben könnten, und ihnen doch nicht gerecht werden. Benedikt Notters neustes Werk als Bildertagebuch zu bezeichnen ist dann auch tatsächlich «nur» die halbe Wahrheit.

Denn eigentlich sind es keine Bilder. Es sind Geschichten die er uns erzählt. Geschichten über die Uneinsichtigkeit und Ignoranz des Menschen, der sich in sein eigenes Unglück stürzt. Es sind finstere Themen, die er uns auftischt.

Leben auf Kosten anderer

Es geht um unser Glück das auf den Rücken vieler Unglücklicher gebaut wurde. Es geht um das «Ellböglen» auf der Arbeit, um Liebe, die das Gegenüber auffrisst. Es geht um Zerstörungswut die Platz für einen Neustart bietet und blinde Menschen, die dies nicht erkennen. Es geht um Egoismus und Egozentrik.

Fast möchte man meinen dass sich hinter diesen bunten Bildern eine Gesellschaftskritik versteckt, ein erhobener Zeigefinger der dem Leser einen Spiegel vorhält und zeigt, dass wir Darwins «Survival of the fittest» gründlich missverstanden haben.

Ohne Worte

Benedikt Notter findet keine Worte um diese Geschichten zu erzählen. Das möchte er auch nicht, gibt er, umringt von Cupcakes und Cookies der Zuckerbäckerei, an der Vernissage vom Freitag während einer kurzen Ansprache preis. Vielmehr interessiert ihn, was denn die Besucher sagen. Oder nicht sagen. Denn die Beschaffenheit des Buches, ohne Schutzfolie oder Falz, wird die Meinung des Lesers durch seinen Zustand sowieso verraten.

Dieser scharfe Blick auf seine Umgebung und die Menschen die sich darin befinden, führen dazu, dass man als Betrachter seiner Bilder ganz selbstverständlich in diese Universum abtaucht und mit ebenso scharfem Blick wieder auftaucht und Altbekanntes neuentdeckt.

Poesie der Schwarmintelligenz

Auf der ersten Seite seines Buches stellt er die Frage, ob eine Mücke als Teil ihres Schwarmes sich seiner Kollektiven Existenz wohl bewusst ist, und ob genau jene Existenz vielleicht solch einem Glücksgefühl entspricht, das kein Dichter, Künstler oder Komponist jemals dem Menschen begreifbar machen kann.

Es sind genau solche naive Fragen die sein Werk so besonders machen. Trifft man den Luzerner Illustrator in der kleinen Gallerie f5 merkt man, das es eben nicht um den Zeigefinger geht. Dass er nicht belehren will, oder gar verbessern. Er bietet eine Diskusionsgrundlage, eine Platform mithilfe derer man sich selbst und seine Welt hinterfragen kann. Oder eben sich an den herrlich absurden und liebevoll detaillierten Bildern ergötzen.

Dialog wichtiger als Selbstdarstellung

Notter ist ein bescheidener Künstler, dem die Aufmerksamkeit um seine Person nicht angenehm zu sein scheint. Dass diese aber durchaus gerechtfertig ist, zeigt sich nicht nur anhand seines neues Buches, für dessen Vernissage eine chinesische Journalistin extra aus England angereist ist. In seinem Portfolio finden sich arbeiten wie die neugestalteten Jasskarten, oder seine Beiträge für das allseits beliebte Tschuttiheftli.

Jenseits von Selbstdarstellung interessiert er sich für den Dialog mit Menschen, ob über seine Bilder oder das Gleitschirmfliegen. Aus diesem Grund wird er die nächsten Wochen, ausgerüstet mit Stift und Papier, an seinem eigens gezügelten Küchentisch in der Gallerie sitzen und das Treiben rund um den Franziskanerplatz mit seinem ganz eigenen Blick betrachten. Und wer weiss, vielleicht handelt sein nächstes Buch, ja von einem Luzern, das wir so noch nicht gesehen haben.

Ausstellung und Bücherverkauf Benedikt Notter – Die halbe Wahrheit, ein Bildertagebuch. 6. – 27. Mai, täglich 13 – 19 Uhr, Samstag & Sonntag 11-17 Uhr am Franziskanerplatz 5 in Luzern.

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