«Bitte streite mit mir»
  • Kultur
  • Rezension
Am Streitfestival thematisiert die Kunst des Streitens an fünf Standorten in Luzern. (Bild: Streitfestival)

Streitfestival Luzern «Bitte streite mit mir»

3 min Lesezeit 02.05.2021, 13:00 Uhr

Streiten – kaum jemand assoziiert diesen Begriff mit etwas Positivem. Das Streitfestival, das vom Kulturkeller Winkel in Luzern organisiert wird, soll das schlechte Image des Streitens aufpolieren. In unterschiedlichen Veranstaltungen wird verschiedenen Fragen zum Thema Streiten nachgegangen.

Streiten ist Teil unseres Alltags und dennoch wird ihm oft nicht genug Platz eingeräumt. Mit anderen in eine Auseinandersetzung zu geraten, in welcher verschiedene Interessen kollidieren, ist in einer pluralistischen Gesellschaft jedoch von grosser Relevanz. Das Streitfestival in Luzern möchte aufzeigen, welche Bedeutung das Streiten für das Funktionieren der Gesellschaft und ein gelingendes Zusammenleben hat. Deshalb wird am Festival unsere Streitkultur untersucht, um letztlich das Phänomen Streit besser zu erfassen.

Videoinstallationen im Kulturkeller Winkel

Kern des Festivals bildet die Ausstellung im Kulturkeller Winkel. Die vier Filmschaffenden Larissa Odermatt, Nadine Widmer, Jan Ciallella und Moritz Hossli lassen in der Videoinstallation «Streitgespräche» 24 verschiedene Persönlichkeiten darüber erzählen, was sie unter Streit verstehen. In Onlinegesprächen erzählen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und kultureller Herkunft von persönlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit Streit. Die Videoinstallation verdeutlicht, wie gross die Diversität der Streitkulturen ist.

In einer weiteren Videoinstallation lässt der Künstler Fernando Obieta einen Schauspieler und eine Schauspielerin reale Dialoge vortragen. Grundlage dafür bilden digitale Text-Messaging-Gespräche, in welchen zwei Personen zum Beispiel in einer Diskussion über Geschlechterrollen oder Corona unterschiedliche Positionen einnehmen. Die Darsteller versetzen sich in die Rolle der sich streitenden Personen. Sie stehen sich virtuell gegenüber, indem der Künstler zwei Bildschirme parallel zueinander ausrichtet. Die Besuchenden stellen sich zwischen die beiden Screens. Dadurch treten sie nicht nur räumlich zwischen die beiden Streitparteien, sondern lassen sich durch das Argumentieren der Streitenden emotional in die Unterhaltung einbinden und im Pingpong abwechselnd von den beiden Personen überzeugen.

In der 5-Kanal-Videoinstallation sprechen verschiedene Personen über persönliche Gedanken zum Thema Streit (Bild: Joke Lustenberger)

Streiten in einer Kapelle

Es mag erstaunen, dass ein religiöser Ort wie die Peterskapelle ein weiterer Austragungsort des Streitfestivals ist. Doch Streit hat auch im Kontext der Theologie und der Reflexion über die Kirche, Gott und Religion im Allgemeinen eine zentrale Bedeutung. In der Peterskapelle sind Postkarten ausgelegt, auf welchen Benjamin Heller und Klarissa Flückiger anregende Impulse für einen Wandel der persönlichen Streitkultur festgehalten haben. Unter dem Motto «Bitte streite mit mir» werden die Besuchenden dazu eingeladen, Bekannten einen Brief zu schreiben und sie darin zu einem konstruktiven Streit aufzufordern.

Neben den Ausstellungen und Veranstaltungen im Kulturkeller Winkel und der Peterskapelle, die während der Dauer des Festivals täglich geöffnet haben, halten auch die Kunsthalle Luzern, das Stattkino und das Pfarreizentrum Barfüesser ein Programm zum Streitfestival bereit. Ausserdem führt ein Audiowalk von der Peterskapelle zum Kulturkeller Winkel. Im musikalisch unterlegten Hörspiel werden immer wieder Bezüge zu historischen und gegenwärtigen Ereignissen an den Orten gemacht, an welchen man beim Hören gerade vorbeiläuft.


Besuchende können aus der Peterskapelle Postkarten Anleitungen für eine neue Streitkultur mitnehmen (Bild: Joke Lustenberger)

Durch die fünf Austragungsorte und die zahlreichen verschiedenen Formen von Ausstellungen und Veranstaltungen entsteht ein Programm, das für alle etwas bereithält – auch für Harmoniebedürftige. Denn das Festival beweist, dass konstruktives Streiten nicht Menschen voneinander trennt, sondern das Ziel hat, sie wieder näher zusammenzuführen. Das scheint gerade heute, in einer Zeit, in welcher die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, Wertvorstellungen und Interessen besonders gross ist, sehr wichtig.

Das Phänomen Streit verstehen

Das Streitfestival führt nicht dazu, dass Streit als etwas Gutes bewertet wird. Viel mehr führt es dazu, dass das komplexe Phänomen Streit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und seine Wichtigkeit erkannt wird. Das Festival macht Mut, aus der eigenen Blase Gleichgesinnter auszubrechen und die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden als eine gewinnbringende Herausforderung zu betrachten.

Das Streitfestival findet vom 1.–11. Mai 2021 statt. Genaue Informationen zum Programm finden sich auf der Website www.streitfestival.ch. Dort können Reservationen für die einzelnen Veranstaltungen gemacht oder Tickets gekauft werden.

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