«Bis jetzt gab es noch keine Cannabis-Tote – aber Alkohol-Tote»
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«Viele Konsumenten sind der Ansicht, sie hätten alles unter Kontrolle – oftmals ein fataler Trugschluss», meint Jacqueline Mennel, Suchtberaterin. (Bild: ida)

Luzerner Suchtberaterin zur Cannabis-Legalisierung «Bis jetzt gab es noch keine Cannabis-Tote – aber Alkohol-Tote»

9 min Lesezeit 1 Kommentar 09.04.2018, 15:31 Uhr

Die am häufigsten illegal konsumierte Substanz in der Schweiz ist Cannabis. Nun will eine Initiative das Kiffen legalisieren. Führt eine Aufhebung des Verbots zu mehr Abhängigen? Die Luzerner Suchtberaterin Jacqueline Mennel sagt, wann der Joint zum Problem wird und was nötig ist, damit Jugendliche nicht zum Kiffen verführt werden.

Jeder Dritte in der Schweiz hat bereits einmal in seinem Leben zu einem Joint gegriffen. Seit Jahren wird eine Diskussion rund um die Frage geführt, ob Cannabis in der Schweiz legalisiert werden sollte – und ob es Heilmittel oder vielmehr eine verharmloste Droge ist. Genau solchen Fragen wollte eine Studie der Universität Bern nachgehen, an der sich die Stadt Luzern beteiligen wollte – das Projekt wurde vom Bundesamt für Gesundheit jedoch abgelehnt (zentralplus berichtete).

Der Verein «Legalize It!» startet nun im April schweizweit eine Unterschriftensammlung für eine Initiative, die sich die Cannabis-Legalisierung zum Ziel macht. Per Crowdfunding sammelte der Verein die dafür nötigen 100’000 Franken.

Damit wird das legale Kiffen erneut zum Thema. Dabei gibt es viele offene Fragen im Zusammenhang mit der Cannabis-Legalisierung. Verharmlost unsere Gesellschaft Cannabis? Führt eine Legalisierung zu einem erhöhten Konsum? Oder wird dank der Legalisierung der Schwarzmarkt trockengelegt?

Jacqueline Mennel, ehemalige SP-Kantonsrätin und Bereichsleiterin Prävention bei «Akzent Prävention und Suchttherapie Luzern», stellt sich den Fragen. Die 50-Jährige ist beruflich mit Cannabis-Gefährdeten und Suchtbetroffenen konfrontiert – und spricht am Montagabend an der Universität an einem Podium zum Thema (siehe Box).

«Sowohl eine Verharmlosung als auch eine Verteufelung dieser Substanz sind nicht zweckmässig.»

zentralplus: Braucht es in der Schweiz für Cannabis eine Gesetzesänderung?

Jacqueline Mennel: Brauchen ist vielleicht ein zu extremes Wort. Aber es ist gut, wenn man sich dieser Diskussion rund um die Legalisierung nicht verschliesst. Die Cannabis-Legalisierung beziehungsweise -Regulierung ist weltweit ein Thema. Immer mehr Länder gehen den Weg, dass sie Anbau und Besitz legalisieren – sogar hin bis zur vollständigen Legalisierung des Konsums. Die Schweiz kann sich dem ganzen Prozess nicht verschliessen. Nun gibt es mit der Cannabis-Initiative auch Bestrebungen auf Bundesebene. Sowohl eine Verharmlosung als auch eine Verteufelung dieser Substanz sind nicht zweckmässig.

zentralplus: Cannabis wird vielfach als eine harmlose Droge dargestellt. Ist das also ein Mythos?

Mennel: Harmlos ist diese Pflanze sicher nicht. Es kommt immer drauf an, wie häufig man Cannabis konsumiert und wie hoch der THC-Gehalt ist. Auch das Alter des Konsumierenden ist entscheidend. Bei einem erwachsenen Menschen, bei dem Körperorgane und das Gehirn fertig entwickelt sind, ist der Konsum von Cannabis harmloser, als wenn ein 15-Jähriger mehrmals täglich zum Joint greift. Auch die Menge macht es aus.

zentralplus: Wann beginnt denn Ihrer Einschätzung nach der Konsum von Cannabis problematisch zu werden?

Mennel: Problematisch wird es dann, wenn eine Person die Substanz braucht. Das heisst, wenn sie den Konsum nicht mehr willentlich steuern kann. Typische Aussagen sind dann «Ohne das kann ich nicht mehr sein», oder «Nur so kann ich runterfahren oder die geforderte Leistung bringen». Wenn sich die Gedanken nur noch um Cannabis drehen oder man immer mehr vom Stoff benötigt, um die erhoffte Wirkung zu erzielen, wird der Konsum als problematisch eingestuft. Wenn man soziale Kontakte vernachlässigt, sich selbst oder die Arbeit. Das ist oft ein schleichender Prozess.

«Die betroffenen Personen denken, dass sie alles im Griff haben – was manchmal ein Trugschluss ist.»

zentralplus: Sie sagen, es sei ein schleichender Prozess. Realisieren Betroffene zu spät, dass der Konsum bereits problematisch ist?

Mennel: Das Umfeld macht sich meist mehr Sorgen über jemanden, der Cannabis konsumiert, als derjenige selbst. Wir haben sehr viele besorgte Telefonate von Eltern und Kollegen von Kiffern. Die betroffenen Personen denken, dass sie alles im Griff haben – was manchmal ein Trugschluss ist. Aber zu spät ist es nie.

zentralplus: Wer ist besonders gefährdet, Cannabis in einer destruktiven Weise zu konsumieren?

Mennel: Besonders gefährdet ist immer derjenige, der versucht, eine Missstimmung oder eine schwierige Situation im Leben zu bewältigen, und dann auf Drogen zurückgreift. Wenn man mit einer bestimmten Situation überfordert ist oder man Kummer hat. Zum Abschalten, Vergessen – aber auch beim Dabeisein. Wir sprechen hier von vulnerablen Gruppen, die eine schwierige Lebensphase durchmachen.

«Der Cannabis-Konsum ist in den Ländern grösser, wo der Konsum eher restriktiv gehandhabt wird.»

zentralplus: Viel gefragt und oft gefürchtet: Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

Mennel: Das kann man so nicht eins zu eins sagen. Jugendliche sind fasziniert, Cannabis auszuprobieren. Der Reiz liegt gerade im Verbotenen und gehört im Teenager-Alter vielfach dazu. Der Konsum ist in den Ländern grösser, wo der Cannabis-Konsum eher restriktiv gehandhabt wird. Es kann sein, dass eine Legalisierung vorübergehend zu einem erhöhten Konsum führen kann. Es zeigt sich jedoch in anderen Ländern, dass sich danach der Konsum wieder auf den bisherigen Stand eingependelt hat.

zentralplus: Heisst das, dass man zum Kiffen verführt wird, wenn Cannabis legalisiert wird?

Podiumsdiskussion an der Universität Luzern

An der Universität Luzern findet am Montag, 9. April, eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema statt. Prof. Dr. Rudolf Brenneisen (Departement Chemie und Biochemie an der Universität Bern und Leiter Schw. Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin), Jacqueline Mennel (Suchtberaterin und alt SP-Kantonsrätin), Lucas Zurkirchen (Präsident Jungfreisinnige Luzern) und Nino Forrer (Verein «Legalize it!») sprechen über Risiken sowie medizinische Potenziale des CBD-Konsums.

Die Podiumsdiskussion startet um 19 Uhr und findet im Hörsaal 9 statt. Der Eintritt ist gratis.

Mennel: Studien zeigen, dass dem nicht so ist. Auch heute schon kommt man – trotz Verbot – einfach an den Stoff ran. Durch eine offene Diskussion kann man mit Jugendlichen ehrlich darüber diskutieren und über Gefahren aufklären. Der Cannabis-Konsum birgt Gefahren, das ist ganz klar. Der Konflikt, der sich mir eher stellt, ist, dass Dealer den Stoff auf dem Schwarzmarkt anbieten. Der Schwarzmarkt floriert, doch die Ware wird nicht kontrolliert. Man weiss nicht, ob der Stoff mit Pestiziden verunreinigt ist oder gestreckt wurde. Dies spricht für eine Legalisierung beziehungsweise Regulierung. Dennoch darf man die Droge nicht als harmlos abstempeln.

zentralplus: Weshalb nicht? Ist an den Behauptungen etwas dran, dass Kiffen dumm macht und eine Psychose auslösen kann?

Mennel: THC-haltiges Cannabis kann eine Psychose auslösen, jedoch muss der Konsument selbst diese Veranlagung aufweisen. Davon, dass Cannabis bei Jugendlichen die Hirnstruktur schädigen kann, kommt auch der Ruf, dass Kiffen dumm macht. Besonders in jungen Jahren und bei intensivem Cannabis-Konsum lassen die Merkfähigkeit, die Konzentration und die Motivation nach. Kiffen macht nicht per se dumm, aber es hinterlässt bei exzessivem Konsum seine Spuren bis hin zu bleibenden Schäden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass gerade auch der Alkoholkonsum vielfach unterschätzt wird. Bis jetzt gab es noch keine Cannabis-Tote, wohl aber Alkohol-Tote. Das Suchtpotenzial beim Alkohol ist doppelt so hoch.

zentralplus: Cannabis ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits verpönt und mit schädlichen Wirkungen für die Jugendlichen, andererseits gilt es als Heilmittel und wird beispielsweise bei der Krebstherapie erfolgreich für die Linderung von Schmerzen eingesetzt. Was ist richtig?

Mennel: Beides ist nicht ganz richtig, aber auch nicht falsch. Man muss einen unaufgeregten, sachlichen Diskurs führen. Ein genussvoller und massvoller Konsum von Cannabis ist bei einem erwachsenen Menschen weniger gesundheitsgefährdend als ein täglicher exzessiver Konsum. Wie das auch Alkohol in einem massvollen Konsum nicht ist. Beim medizinischen Nutzen des Cannabis handelt es sich in erster Linie um das CBD-Cannabis. Also das Cannabis, bei dem der THC-Gehalt unter einem Prozent liegt und das somit eine nicht berauschende Wirkung aufweist. Untersuchungen deuten auf einen medizinischen Nutzen hin. Sichere Erkenntnisstudien gibt es allerdings noch nicht.

zentralplus: Wie stehen Sie zur Cannabis-Legalisierung?

Mennel: Unser Betrieb begrüsst Pilotversuche, die sich mit den Auswirkungen des Cannabis-Konsums auseinandersetzen. Eine Legalisierung beziehungsweise Regulierung hätte den Vorteil, dass flankierende Massnahmen getroffen werden könnten. Wir stehen ein für eine Regulierung. Es soll definiert werden, ab welchem Alter Cannabis mit THC konsumiert werden kann, wie und durch wen der Vertrieb ist und wie hoch der THC-Gehalt ist. Durch eine Legalisierung würden auch die hohen Hürden für dessen Gebrauch in der Medizin sinken. Der medizinische Nutzen könnte einfacher erforscht werden.

zentralplus: Bisherige Versuche, Cannabis zu legalisieren, scheiterten vor dem Schweizer Stimmvolk. Zuletzt wurde 2008 die Initiative «Für eine vernünftige Hanf-Politik» mit einem klaren Nein von 63,3 Prozent abgelehnt. Weshalb soll es nun anders werden?

Mennel: Man muss sehen, dass Cannabis bis 1951 in der Schweiz legal erhältlich war. Erst danach wurde es verboten, da es rechtlich als Betäubungsmittel eingestuft wurde. Wird Cannabis legalisiert, können gerade wir in der Suchtprävention mit Betroffenen besser und gezielter zusammenarbeiten. Weltweit ist die Legalisierung ein Thema. Der Trend geht klar in Richtung Liberalisierung. Diesem Diskurs muss sich die Schweiz ebenfalls stellen.

Eine Pflanze, über die sich die Geister scheiden: Cannabis, Droge und Heilmittel in einem.

Eine Pflanze, über die sich die Geister scheiden: Cannabis, Droge und Heilmittel in einem.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

zentralplus: Weshalb wäre eine Liberalisierung für die Suchtprävention besser?

Mennel: Wenn sich heute jemand outet, Cannabis zu konsumieren, ist dies immer noch strafbar. Gerade Jugendliche könnten bei einer Liberalisierung besser erreicht werden und offener darüber sprechen.

zentralplus: Doch wie kann man Jugendliche schützen?

Mennel: Einerseits ist es wichtig, dass man zu Hause und an Schulen darüber spricht und Cannabis thematisiert. Jugendliche müssen für die Gefahren des Konsums sensibilisiert werden. Schützen muss man Jugendliche vor dubiosen Dealern auf dem Schwarzmarkt. Es gibt jedoch keinen 100-prozentigen Schutz. Eltern müssen mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, auch dann, wenn Kinder Cannabis konsumieren. Eltern dürfen ihre Kinder für den Konsum nicht verurteilen. Es ist wichtig, sich für die Lebenswelt und das Umfeld der Jugendlichen zu interessieren.

zentralplus: Das heisst, dass eine Enttabuisierung von Cannabis für den Jugendschutz von Vorteil wäre?

Mennel: Genau. Ein Drittel der ganzen Schweizer Bevölkerung hat bereits einmal gekifft. Der Konsum bei den 15- bis 24-Jährigen ist am höchsten. Und man muss immer sehen: Der Alkoholkonsum ist noch höher. Gerade das Rauschtrinken vieler Jugendlicher an den Wochenenden muss stärker thematisiert werden. Denn gesundheitlich ist das enorm schädigend.

zentralplus: CBD-Gras, das in der Schweiz legal erhältlich ist, hat eine nicht berauschende Wirkung. Ist es trotzdem möglich, von CBD-Cannabis abhängig zu werden?

Mennel: Ja, CBD-Cannabis kann auf psychischer Ebene abhängig machen, genau wie auch der THC-Hanf. Wenn man beispielsweise nach einem stressigen Tag zum Runterfahren eine CBD-Zigarette raucht und dies täglich benötigt, dann hat es dieselbe Wirkung wie ein Feierabendbier, das man jeden Abend braucht. Oder wenn man es zum Einschlafen braucht wie ein Schlafmedikament.

zentralplus: Verleitet CBD-Cannabis dazu, auf THC-Cannabis zurückzugreifen, weil man sich nach mehr «Kick» und der berauschenden Wirkung sehnt?

Mennel: Das kann man so nicht sagen. Während das THC-Gras eine berauschende Wirkung aufweist, hat der CBD-Hanf lediglich eine beruhigende Wirkung. Es kommt immer drauf an, was für eine Wirkung und einen Nutzen man erzielen möchte.

«CBD-Cannabis kann psychisch abhängig machen.»

zentralplus: Kann man den CBD-Boom als schleichende Legalisierung von THC-haltigem Cannabis verstehen?

Mennel: Der Verkauf von CBD-Produkten regt sicher dazu an, dass über die allgemeine Haltung zum Cannabis-Konsum diskutiert wird. Es kann zu einer Enttabuisierung führen oder dazu, dass Ängste abflachen. Das Kraut ist eben nicht nur des Teufels, man kann auch gute Produkte daraus machen. Aber ob dies zu einer schleichenden Legalisierung von THC-Hanf führt, ist im Moment noch Kaffeesatzlesen.

zentralplus: Und erhöht der CBD-Boom die Akzeptanz von Cannabis in der Gesellschaft?

Mennel: Ich kann mir das vorstellen, indem man nicht mehr nur das Schwarz-Weiss-Denken hat und differenzierter hinschaut.

zentralplus: Zu guter Letzt die Gretchen-Frage: In Ihrem Beruf sind Sie vorwiegend mit Problemkiffern konfrontiert. Ist auch das gelegentliche Rauchen eines Joints problematisch?

Mennel: Was heisst schon gelegentlich? Jede Zigarette, ob mit oder ohne Hanf, kann negative gesundheitliche Auswirkungen haben. Wenn jemand, der über 20 Jahre alt ist, einmal am Wochenende eins kifft, dann ist es weniger problematisch, als wenn ein Teenager jeden Tag zum Joint greift. Raucht man Cannabis, so nimmt die Lunge Schaden – wie auch bei jeder Zigarette. Nimmt man das Cannabis dampfend ein, so ist es zum Teil weniger schädigend, als wenn man es raucht. Auch hier heisst es: differenziert unterscheiden. Das Mass ist wie so oft in allen Dingen entscheidend und von Person zu Person verschieden.

Über den Verein «Akzent»

«Akzent Prävention und Suchttherapie Luzern» ist ein Verein, der sich für Gefährdete und Suchtbetroffene einsetzt. Menschen, die illegale Drogen konsumieren, werden stationäre Aufenthalte ermöglicht. Für Cannabis-Suchtbetroffene wird ein Kifferforum angeboten, wo Jugendliche und junge Erwachsene mit einem Ex-Konsumierenden in einer moderierten Gruppe ihren Cannabiskonsum diskutieren und reflektieren können.

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1 Kommentare
  1. Roman Häberli, 09.04.2018, 17:23 Uhr

    So viele Politiker schreiben sich die «persönliche Freiheit» auf die Fahne und versagen im Ernstfall!

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