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Bis die Erde bebt
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Eine Produktionsbohrung kostet je nach Tiefe zwischen 20 und 30 Millionen Franken. (Bild: Sankt Galler Stadtwerke )

Tiefengeothermie im Raum Sursee Bis die Erde bebt

6 min Lesezeit 1 Kommentar 14.12.2013, 05:57 Uhr

Die Suche nach einem Grundstück für ein Tiefengeothermie-Projekt im nördlichen Luzerner Kantonsgebiet stockt. Mögliche Standortgemeinden halten sich bedeckt. Zwei Standorte befinden sich in der näheren Abklärung. Gleichzeitig ist die Bevölkerung verunsichert, seit in St. Gallen die Erde nach Geothermie-Bohrungen bebte. 

Wo soll das Tiefengeothermie-Projekt Luzern-Nord realisiert werden? Für 80 bis 100 Millionen Franken plant die Geo-Energie Suisse AG im Raum Sursee ein Geothermie-Kraftwerk. Die Suche nach einem Standort gestaltet sich schwierig, denn diese Form der Wärme- und Energiegewinnung birgt grosse Risiken. Der Investor informierte letztmals Ende Februar über die Standortevaluation. Die Auswahl war eigentlich für diesen Herbst vorgesehen.

Standortsuche verzögert sich

«Die Standortsuche in Luzern-Nord hat sich aus verschiedenen Gründen etwas verzögert», räumt Peter Meier, CEO der Geo-Energie Suisse, gegenüber zentral+ ein. Als Grund fügt er den «Mangel an geeigneten, schon eingezonten und erwerbbaren Grundstücken» an. Die Geo-Energie Suisse AG sei auf Grundstücke ausserhalb von Bauzonen angewiesen, weshalb zuerst die Verfahren genauer abgeklärt werden mussten, so Meier. «Es wird voraussichtlich Frühling, bis wir einen Standort kommunizieren können. Eventuell etwas früher.»

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Zum aktuellen Zeitpunkt befänden sich zwei mögliche Standorte in der näheren Abklärung. Auf einen dritten könnte der Investor bei Bedarf zurückkommen. Welche Gemeinden das sein könnten, wird nicht verraten. Die meisten kontaktierten Gemeindebehörden geben sich bedeckt und zögern bei der Information.

Gemeinden schweigen beharrlich

Zahlreiche Gemeinden im nördlichen Luzerner Kantonsgebiet wollen zum Thema Tiefengeothermie keine Stellung nehmen oder geben sich ahnungslos. So zum Beispiel Paul Gerig, Gemeindepräsident von Geuensee, oder der Bauvorsteher von Schenkon, Markus Strobel. Letzterer sagt: «Wir haben nichts Konkretes auf dem Tisch.» Und auch der Trienger Gemeinderat Josef Fischer meint, es gäbe keine Anfragen. Auch in den Surentaler Gemeinden Büron und Knutwil hat man angeblich keine Ahnung.

«Es wird voraussichtlich Frühling, bis wir einen Standort kommunizieren können.»

Peter Meier, Geo-Energie Suisse AG

Weshalb schweigen diese Gemeinden so beharrlich zu einem möglichen Tiefengeothermie-Projekt auf ihrem Gebiet? Priska Galliker, Gemeindepräsidentin von Knutwil, erklärt sich dies mit der Angst der Gemeinden, die Tiefengeothermie zu thematisieren. «Ich weiss nicht, wie die Leute auf Bohrungen in ihrer Gemeinde reagieren würden.» Die Bevölkerung hätte so oder so ein Mitspracherecht, meint Priska Galliker. Denn für ein entsprechendes Projekt müsste eine Umzonung vorgenommen werden. «Hier liegt das grosse Problem», spricht sie den für die Projektinitianten kritischen Punkt an.

Tiefengeothermie ist «ein heisses Thema»

Trotzdem sieht Priska Galliker auch die Vorteile der Geothermie. Man könne nicht über die Abschaltung der Atomkraftwerke sprechen, ohne gleichzeitig alternative Energieformen zu prüfen, sagt sie. «Ich sehe in der Geothermie daher eine gewisse Chance», so die Gemeindepräsidentin und Kantonsrätin.

Geothermie im Kanton bereits verbreitet

Durch den radioaktiven Zerfall von Gesteinen entsteht im Innern der Erde ständig neue Wärme. Diese soll an die Oberfläche gebracht und dort zur Stromproduktion verwendet werden. In 4'000 Metern unter der Erdoberfläche herrschen Temperaturen um die 150 Grad Celsius. Um diese Wärme zu fördern, soll eine petrothermale Anlage mit zwei Bohrlöchern gebaut werden.

Mit der im Untergrund vorhandenen Wärme könnte im Raum Sursee der jährliche Strombedarf von schätzungsweise 6'000 Haushalten gedeckt werden.

Die Zahl der bewilligten Anlagen im Kanton Luzern im Bereich der oberflächennahen Geothermie, bei der mit Sonden die Erdwärme angezapft wird, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Insgesamt existieren im Kanton Luzern über 5'000 Anlagen.

Der Aktionsplan Tiefengeothermie Schweiz sieht den Bau von fünf Pilotkraftwerken bis ins Jahr 2020 vor. Das Ziel ist eine umweltfreundliche und nachhaltige Stromproduktion. Dazu zählt neben der Wasserkraft, der Fotovoltaik und der Windenergie auch die Geothermie.

Gleichzeitig weiss Galliker aber auch: «Die Tiefengeothermie ist ein heisses Thema.» Möglicherweise ein Grund, weshalb dieses auch im Gemeinderat von Knutwil noch nie angesprochen worden sei. «Wir haben von der Geo-Energie Suisse nie eine Anfrage erhalten», fügt Priska Galliker an.

Die Tiefengeothermie löste in der Schweiz zuletzt Unruhe und Verunsicherung aus. Zum Beispiel aufgrund des St. Galler Erdbebens, das in Zusammenhang mit den Bohrungen des lokalen Tiefengeothermie-Projekts stand. Neben Erschütterungen besteht auch die Gefahr, dass Gas austreten könnte. Bei dieser Form der Energiegewinnung steht zudem der hohe Wasserverbrauch in der Kritik.

Wird in Pfaffnau gebohrt?

Es gibt im Norden des Kantons Luzern auch Gemeinden, die es sich gut vorstellen könnten, ein Tiefengeothermie-Projekt auf ihrem Gebiet anzusiedeln. Der Wauwiler Gemeinderat Simon Steiner beispielsweise würde sich über eine Anfrage von Geo-Energie Suisse freuen: «Wir würden ein solches Projekt begrüssen», sagt er. Dass die Gemeinde als Bohrplatz für ein zukünftiges Geothermie-Kraftwerk infrage komme, wäre ihm aber neu.

Einzig der Gemeindepräsident von Pfaffnau bestätigt auf Anfrage den Kontakt zur Geo-Energie Suisse AG. «Mehr möchte ich dazu nicht sagen», hält sich aber auch Thomas Grüter bedeckt. Die Gemeinde sei für einen Standort angefragt worden. Ein Entscheid wurde aber noch nicht gefällt. «Wir sind mit der Geo-Energie Suisse in gegenseitigem Kontakt. Wir glauben an die Geothermie. Es wäre die nachhaltigste Lösung und eine gute Variante zur Energiegewinnung, die aber noch mit vielen offenen Fragen verbunden ist», sagt Grüter.

Dass viele Gemeinden bei der Standortfrage abblocken, erklärt sich Grüter mit der näheren Vergangenheit der Tiefengeothermie. Diese sei halt auch mit Startproblemen verbunden, wie die Projekte in Basel und St. Gallen gezeigt hätten. Dazu fehle der Goodwill in den Medien für entsprechende Projekte, ergänzt Grüter.

Geothermie-Kraftwerke könnten in der Schweiz dereinst dazu beitragen, jene Lücke in der Stromversorgung zu schliessen, welche die abzuschaltenden Kernkraftwerke hinterlassen werden. Den Entscheid zum schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie hat der Bundesrat 2011 gefällt. Das Schweizer Energiesystem soll folglich bis ins Jahr 2050 umgebaut werden. Die entsprechenden Absichten sind Teil der «Energiestrategie 2050».

«Wir glauben an die Geothermie. Es wäre die nachhaltigste Lösung und eine gute Variante zur Energiegewinnung.»

Thomas Grüter, Gemeindepräsident Pfaffnau

Hauptstromquelle ist im Kanton Luzern die Kernenergie

Im Kanton Luzern nimmt der Stromverbrauch von Jahr zu Jahr zu – die Hauptquelle bildet dabei die Kernenergie. 2011 verbrauchten die Einwohner des Kantons insgesamt 3’500 Millionen Kilowattstunden. Dabei unterscheidet sich die Herkunft des Stroms der beiden Versorger, der Centralschweizerischen Kraftwerke AG (CKW) und der ewl energie wasser luzern (ewl). 

Bei der CKW, dem grössten Stromversorger im Kanton Luzern, stammen 70 Prozent der Elektrizität aus Kernkraftwerken und ein Viertel aus Wasserkraft. Bei der ewl wurde der im letzten Jahr gelieferte Strom je zur Hälfte aus Kernenergie und Wasserkraft produziert. Der Anteil von Sonnen- und Windenergie ist bei beiden Versorgern verschwindend klein.

Aus Geothermie produzierter Strom liefern weder CKW noch ewl. Die Wärme aus dem Erdinnern wird jedoch vermehrt angezapft. Die Zahl der bewilligten Erdwärmesonden ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Diese Form der Wärmegewinnung zählt zur oberflächennahen Geothermie. Mittels Pumpen wird dem Erdreich in einer Tiefe von 100 bis 400 Metern Wärme entzogen.

Im Gebiet Luzern-Nord würde das für die Bohrungen notwendige Wasser aus Bächen, Flüssen, aus dem Leitungsnetz oder aus dem Grundwasser bezogen. Je nachdem, welchen Weg die Behörden erlauben. Der Wasserbedarf einer Produktionsanlage liegt gemäss Peter Meier, CEO der Geo-Energie Suisse AG, bei 5’000 Kubikmetern. Dies entspricht etwa dem Laderaum von 30 Güterwaggons.

Gemäss Meier wird das Wasser in Becken gespeichert und ist wiederverwendbar, nachdem es zur Erzeugung des Wärmetausches im Boden eingesetzt wurde. Kaltes Wasser wird dabei durch das erste Bohrloch in die Erde gedrückt, nimmt dort die Wärme auf und gelangt über Pumpen durch das zweite Loch wieder an die Oberfläche.

Standort Sursee vom Tisch

Der Standort Sursee scheint derweil vom Tisch zu sein. Die Stadt sei vor einem Jahr von der Geo-Energie Suisse AG über die Absicht orientiert worden, in der Region eine Tiefengeothermie-Probebohrung durchzuführen, sagt Bauvorsteher Bruno Bucher. Aber: «Gegenüber dem Stadtrat hat sich die Firma nie dazu geäussert, ob sie ein konkretes Grundstück auf dem Gemeindegebiet in ihrem Fokus habe.»

Die einzige Grundeigentümerin, die in Sursee Land besitzt, auf dem grundsätzlich eine Probebohrung möglich wäre, ist gemäss Bucher die Korporation. Tatsächlich hatte diese mit der Geo-Energie Suisse Kontakt. Korporationsratspräsidentin Sabine Beck sagt jedoch: «Wir haben seit geraumer Zeit nichts mehr gehört.»

Der Surseer Stadtrat Bruno Bucher bestätigt die grosse Skepsis gegenüber einer Probebohrung in Sursee selbst und in der Region allgemein. Weil Bohrungen in der Nähe von dicht besiedelten Gebieten besonders umstritten sind, dürfte der Standort Sursee damit vom Tisch sein.

Weitere Links zum Thema:

Karte zur Erdwärmenutzung im Kanton Luzern

– Beschreibung der Förderungsmethode der Geo-Energie Suisse AG (Seite 17)

– Herkunft des Stroms von CKW und ewl

Projektlandkarte der Schweizer Tiefengeothermie


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1 Kommentare
  1. Marco Basler, 17.12.2013, 18:36 Uhr

    wirtschaftlich und Umwelt gerecht tragbar? Mit der heutigen Technologie sind doch Geothermie Kraftwerke nicht sehr ertragreich. Der Aufwand um eine kWh Strom zu erzeugen ist enorm hoch. Vielleicht geht die Entwicklung hier rasch weiter, jedoch ist mir keine neue Top Lösung bekannt. Auf der anderen Seite entstehen der Natur enorme schäden durch die Bohrungen. Wobei das noch nicht einmal Fracking Bohrungen sind, wo zusätzlich noch Chemie in den Bohrschacht gepumpt wird. Ich bin der Überzeugung das es bessere Energie Quellen gibt.