Besitzerfamilie will Zurlaubenhof der Stadt Zug verkaufen
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Die Perle Zurlaubenhof soll an die Stadt Zug verkauft werden. (Bild: mbe)

Wahrzeichen soll 50 bis 70 Millionen Franken kosten Besitzerfamilie will Zurlaubenhof der Stadt Zug verkaufen

6 min Lesezeit 1 Kommentar 06.11.2020, 05:00 Uhr

Um den idyllischen Zurlaubenhof in Zug ist es seit einiger Zeit auffällig ruhig. Jetzt ist der Dornröschenschlaf vorbei: Die Besitzerfamilie hat die Liegenschaft der Stadt Zug – schweren Herzens – zum Kauf angeboten.

In der lebhaften Geschichte des Zurlaubenhofs beginnt ein neues Kapitel. Die Besitzerfamilie Bossard will die Liegenschaft im Süden der Stadt veräussern. Dabei handelt es sich um über 32’000 Quadratmeter Land mit denkmalgeschützten Bauten. Das Hauptgebäude – ein Zuger Wahrzeichen – wurde um 1600 gebaut und ist seit 1843 im Familienbesitz.

«Der Unterhalt und die Verwaltung einer derartigen Liegenschaft stellen in der heutigen Zeit derartig komplexe Anforderungen, dass sie für Privatpersonen eigentlich nicht zu bewältigen sind», begründet Martin Bossard stellvertretend für die Familie die Verkaufsabsicht.

«Diese Erkenntnis hat meine Nichte und meinen Neffen massgeblich dazu bewogen, dass sie künftig den Zurlaubenhof nicht übernehmen werden», so Bossard weiter. Die beiden hätten keinen sehr engen Bezug zum Zurlaubenhof, da sie nicht in der Liegenschaft aufgewachsen sind.

Baupläne haben sich verzögert

Bis vor Kurzem hat die Familie Bossard grosse Anstrengungen unternommen, um mit einer Teilbebauung der vorhandenen Landreserven den Unterhalt der historischen Gebäude und Gärten mit eigenen Mitteln finanziell sicherzustellen (zentralplus berichtete).

An drei Stellen sollte die Grünfläche um den Zurlaubenhof teilweise überbaut werden.

Der Wettbewerb für das Bauvorhaben ist abgeschlossen, die erforderlichen Bebauungspläne sind in der Erarbeitung. Geplant war, diese 2017 dem Grossen Gemeinderat der Stadt Zug vorzuliegen. Doch die politischen Prozesse sind langwierig.

«Als wir vor Jahren mit dem Architekturwettbewerb, der Planung und Ausarbeitung eines Bebauungsplans begonnen haben, hätten wir uns nicht vorstellen können, dass wir ‹unseren› Zurlaubenhof eines Tages aus der Hand geben könnten», meint Bossard. «Uns ist aber während dieses Entwicklungsprozesses bewusst geworden, dass unsere Familie den Zurlaubenhof nicht für alle Zeiten selber erhalten können wird. Die beiden einzigen Nachfolger in der Familiengeneration nach meinen Schwestern und mir waren damals noch Teenager.»

Überraschende Kehrtwende

Für den Zuger Heimatschutz kommt der Richtungswechsel der Bossards unerwartet, wie Vorstandsmitglied und Architekt Felix Koch sagt: «Wir sind etwas überrascht, dass die Familie die Liegenschaft veräussern will, nachdem sie sich über längere Zeit ehrlich bemüht hat, eine möglichst qualitätsvolle Bebauungsmöglichkeiten zu erarbeiten und erfolgreich einen Architekturwettbewerb durchgeführt hat, welcher ein sehr gutes Resultat generierte.»

Der Stadt wird nun die ganze Liegenschaft mit historischen Gebäuden, Landreserven und dem eingabebereiten Bauvorhaben zum Kauf angeboten. Ein möglichst hoher Erlös ist nicht das Ziel der jetzigen Besitzerinnen und Besitzer: «Unser Anliegen ist es, dass der Zurlaubenhof in gute Hände kommt, und das ist uns ein substanzielles Entgegenkommen wert», sagt Martin Bossard. «Wir haben eine professionelle Schätzung erstellen lassen und dann unsere Preisvorstellung formuliert, die irgendwo zwischen der Bewertung des historischen Bestandes und dem geschätzten Wert der Landreserven liegt.»

Stadt Zug hält sich bedeckt

Wie die Stadt auf das überraschende Angebot reagiert, will Stadtpräsident Karl Kobelt nicht beantworten. Er äussert sich mit einem knappen allgemeinen Statement: «Im Rahmen ihrer Immobilienstrategie prüft die Stadt laufend die Anpassung ihres Portefeuilles. Über jeweilige Abklärungen informiert der Stadtrat zur gegebener Zeit.» Auch die Bauchefin und der Finanzvorsteher wollen sich zu allfälligen Auswirkungen eines Kaufs nicht äussern.

Eine Übernahme der Liegenschaft Zurlaubenhof wäre für die Stadt Zug ein Kraftakt, nicht nur finanziell. Vor allem müsste eine sinnvolle Nutzung der als Wohnhaus konzipierten Gebäulichkeiten gefunden werden.

Auch wäre zu überdenken, ob die geplante Überbauung wirklich realisiert werden soll. Eine diskussionslose Ablehnung des Angebots würde in der Bevölkerung jedoch wohl kaum verstanden, liegt doch die Preisvorstellung der Erbengemeinschaft wesentlich unter dem Schätzpreis, der auf dem Markt realisiert werden könnte. Für Fachleute wäre ein Verkaufspreis von 50 bis 70 Millionen ein «Schnäppchen».

Bebauen oder Freihalten, lautet die Frage

Für den Heimatschutz wäre entscheidend zu wissen, was die Stadt beabsichtigt. «Wenn die Stadt die Liegenschaft als ‹Perle› bestehen lässt und keine Überbauung realisieren will, wäre das ein Glücksfall für die Bevölkerung in Zug und ganz in unserem Sinn», sagt Felix Koch vom Zuger Heimatschutz. «Falls aber die Stadt beabsichtigt, auf der Liegenschaft ein anderes Bauprojekt zu realisieren, als das siegreiche aus dem Wettbewerb, wären wir eher skeptisch.»

Offenbar hat der Millionenimmobiliendeal bei der Stadtregierung keine grosse Priorität. Bis jetzt hat sie das Gespräch mit den Eigentümerinnen noch nicht gesucht. Viel Zeit bleibt der städtischen Exekutive allerdings nicht mehr: Für die Erbengemeinschaft besteht grundsätzlich kein Zeitdruck, bis Ende Jahr wird aber eine Absichtserklärung erwartet.

Bisher kein Plan B

Im Moment gibt es laut Martin Bossard nur das Angebot an die Stadt Zug: «Sollte der Verkauf mit der Stadt nicht zustande kommen, werden wir andere Optionen ins Auge zu fassen haben.» Für Kenner der städtischen Verhältnisse käme als weitere öffentliche Körperschaft allenfalls die Korporation Zug infrage. Ansonsten ginge die Immobilienperle wohl an die Meistbietenden.

Für Felix Koch eine denkbar schlechte Variante: «Falls die Liegenschaft auf dem freien Markt angeboten wird, fangen die Diskussionen um Qualität und Ortsbildschutz von Neuem an. Wir vom Zuger Heimatschutz müssten sicher erneut über die Bücher und prüfen, ob wir ein neues Bauprojekt in diesem schützenwerten Umfeld verträglich finden.»

Ein gefundenes Fressen für Baulöwen und Immobilienspekulanten: Die zum Verkauf stehende Liegenschaft «Zurlaubenhof».

Der Zuger Stadtrat ist gefordert

Die Familie Bossard hat sich den Verkaufsentscheid nicht leicht gemacht. «Wir trennen uns mit Wehmut von unserem Familiensitz, an dem wir, unsere Eltern und Vorfahren seit bald 160 Jahren gewohnt, gearbeitet und gelebt haben», sagt Martin Bossard. «Anderseits sind wir uns auch der Verantwortung bewusst, welche die historische Bedeutung unserer Liegenschaft mit sich bringt.»

Jetzt ist also Stadtrat am Zug: Packt er die Chance, die Zuger Perle Zurlaubenhof der Nachwelt möglichst integral zu erhalten oder will er diese der Immobilienspekulation überlassen? Eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft der Stadt Zug steht an.

Einzigartiges Baujuwel

Laut Bundesinventar der schützenwerten Ortsbilder der Schweiz  (ISOS) ist der Zurlaubenhof der «schönste Landsitz der Stadt Zug». Das barocke Herrschaftsgut gilt als einzigartiges Baujuwel (zentralplus berichtete).

Das Hauptgebäude wurde von 1597 bis 1621 als Wohnsitz der ehemals einflussreichen Familie Zurlauben errichtet. Zum heute denkmalgeschützten Ensemble gehört auch eine Kappelle und ein Pächterhaus mit Loggia.

An attraktiver Hanglage südwestlich der Kirche St. Michael zwischen Zugerbergstrasse umfasst die Liegenschaft rund 32’000 Quadratmeter. Das Gelände liegt in einer Bauzone mit speziellen Vorschriften für die eine Bebauungsplanpflicht gilt.

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1 Kommentare
  1. Peter P. Odermatt, 06.11.2020, 16:05 Uhr

    Es ist doch klar, dass dieses Hügelchen überbaut wird. Entweder durch die Stadt oder dann durch Private. Auch wenn der Preis vernünftig wäre, würde es nur mit Luxusimmobilien tragbar sein – da ist die Stadt schon raus.

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