Beruf & Bildung
Wird Psychologinnen-Mangel zum Problem?

Schulstart: 30 Prozent aller Kinder «seelisch belastet»

Hat der Mangel an Kinder- und Jugendpsychologen Auswirkungen auf die Diagnose von Aufmerksamkeitsstörungen oder Lernschwächen? zentralplus hat zum Beginn des Schuljahres nachgefragt. (Bild: Adobe Stock)

In Luzern ist nächsten Montag Schulstart – die Warteschlangen bei Kinder- und Jugendpsychologen sind schon jetzt lang. Was bedeutet das für Schülerinnen mit Lernschwächen und Aufmerksamkeitsstörungen? zentralplus hat nachgefragt.

Einige von uns erinnern sich mit Freude an eine unbeschwerte Schulzeit, geprägt durch neue Gspändli und aufgesaugtes Wissen. Andere bekommen bei der Erinnerung daran Bauchschmerzen (zentralplus berichtete). Fakt ist: Manche Schülerinnen haben es während der Schulzeit schwer. So zum Beispiel Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen oder Leistungsschwächen.

Welche Auswirkungen hat der Mangel an Kinder- und Jugendpsychologen bei solchen Schülern? Wann haben Betroffene Anrecht auf einen sogenannten Nachteilsausgleich – also zum Beispiel mehr Zeit während Prüfungen oder ein separates Zimmer, um sich besser zu konzentrieren? Und wie steht es um die psychische Verfassung der Kinder und Jugendlichen?

Darüber hat zentralplus zum Schulstart mit Martina Krieg und Oliver Bilke-Hentsch gesprochen. Sie ist Leiterin der Dienststelle Volksschulbildung, er Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie.

Nachteilsausgleich ist an Behinderung geknüpft

Lernschwierigkeiten werden nicht zwingend gleich am Anfang des Schuljahres festgestellt, hält Martina Krieg gleich zu Beginn fest. «Oft ist es ein längerer Prozess, bei dem viele Massnahmen geprüft und umgesetzt werden.» Je nach Beeinträchtigung werden die Kinder und Jugendlichen im Unterricht zuerst mit heilpädagogischen oder therapeutischen Massnahmen unterstützt.

«Ein Nachteilsausgleich wird oft eher spät angewendet», so Krieg. Er sei an eine diagnostizierte Behinderung geknüpft. Der Anspruch darauf leitet sich aus der Bundesverfassung ab. Bevor eine Schülerin aber diese Art der Unterstützung bekommt, braucht es eine Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst oder eine externe Fachstelle.

Gemäss Martina Krieg betrifft der Mangel an Kinder- und Jugendpsychologen vor allem die externen Fachstellen. So etwa den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst oder die Neuropädiatrie. «Beim schulpsychologischen Dienst, der ebenfalls solche Abklärungen macht, sind die Wartezeiten weniger lang.»

Ist der Psychologen-Mangel zum Schulstart ein Problem? Nicht alle brauchen eine Therapie

Dass sich die psychische Situation der Schüler in den letzten Jahren verändert hat, stellen sowohl Martina Krieg als auch Oliver Bilke-Hentsch fest. «Die Corona-Pandemie hat vor allem bei ängstlichen, sehr nachdenklichen und zu Depression neigenden Kindern und Jugendlichen, besonders aber bei Mädchen, die bekannten Zukunftsängste verstärkt», sagt Bilke-Hentsch. Hinzu kämen Sorgen wegen der Klimakrise und des Konflikts in der Ukraine.

Die klinische Statistik weist derzeit 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen als «seelisch belastet» aus. In ruhigeren Zeiten liege dieser Wert seit vielen Jahren konstant bei 20 Prozent, so Bilke-Hentsch. Während der Pandemie waren im Kanton Luzern somit rund 28’000 Minderjährige betroffen. 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen (etwa 9’000) sind sogar langfristig eingeschränkt und gelten als «seelisch krank».

«Nicht alle bedürfen aber einer Diagnostik und Therapie. Selbstheilungskräfte, verändertes Verhalten der Eltern, schulische Anpassungen und weniger schädlicher Medien- und Drogenkonsum können schon deutlich helfen», sagt Oliver Bilke-Hentsch.

Wenn Kinder unter- oder überfordert sind

Es sei aber klar, dass praktisch jede seelische Störung im Kindes- und Jugendalter Auswirkungen auf das Leistungsverhalten in der Schule oder der Lehre habe. Am häufigsten verbreitet – mit 4 bis 5 Prozent aller Kinder – sind Aufmerksamkeitsstörungen, dann folgen Gedächtnis- und Teilleistungsstörungen wie Legasthenie (3 bis 4 Prozent). Seltener sind Angsterkrankungen, Depressionen oder Autismus.

Hin und wieder komme es auch vor, dass die allgemeine intellektuelle Leistungsfähigkeit nicht richtig eingeschätzt würde. Das kann zum Beispiel das Lesen, Schreiben oder Rechnen betreffen. «Unter- oder Überforderung sind dann die Folgen», so Bilke-Hentsch.

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