Beruf & Bildung
Neue Daten zu Lehrabbrüchen in der Schweiz

Luzerner Lehrlinge bleiben am Ball – trotz Psychostress

Sowohl der Bund als auch die Dienststelle im Kanton Luzern bestätigen: psychische Gesundheit ist einer der Hauptgründe, seine Lehre zu nicht abzuschliessen. (Bild: Unsplash/Christian Erfurt)

Schweizweit brechen mehr Lehrlinge ab denn je, titelten diese Woche die Tageszeitungen. Nicht so im Kanton Luzern. Die Zahlen sind stabil, die Quote ist besser als der Schweizer Durchschnitt. Doch psychische Probleme unter Lernenden greifen auch hier um sich.

Eine Lehre abbrechen, das hat einen schlechten Ruf. Seit der Schule wird erzählt, das sähe im Lebenslauf schlimm aus. Man solle sich lieber durchbeissen: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, raunen ältere Kollegen. Und doch ist es allgemeine Praxis, seine Lehre aufzugeben oder den Lehrberuf zu wechseln. Glaubt man dem «Tages-Anzeiger» von letztem Mittwoch, wurden in der Schweiz noch nie so viele Lehren abgebrochen wie jetzt.

Bei den Lernenden, die 2017 ihre Ausbildung begonnen haben, liegt die Abbruchquote bei 22,4 Prozent, berichtet die Zeitung mit Verweis auf das Bundesamt für Statistik. Das entspricht 11'810 Lehrlingen schweizweit. Die Daten basieren auf sogenannten Kohorten. Sie zeigen also, wie viele Lernende eines Jahrgangs zwischen 2017 und 2021 einen Auflösungsvertrag unterzeichneten.

Zu Beachten: Ein Auflösungsvertrag ist nicht gleich ein Abbruch. Denn viele setzen ihre Lehre bei einem anderen Betrieb oder in einem anderen Beruf fort. Nur ein kleiner Teil bricht wirklich ab. Die Titel der Tageszeitungen suggerierten diese Woche etwas anderes.

In Luzern sieht die Lage generell besser aus. Weniger Lehren werden aufgelöst und auch weniger abgebrochen. Ein anderer schweizweiter Trend ist aber auch hier bemerkbar. Immer mehr Lernende bekommen schwere psychische Probleme. Fast die Hälfte der Lehrlinge begibt sich schweizweit in Behandlung. Der Kanton Luzern versucht, dagegen anzusteuern.

In Luzern werden weniger Lehren abgebrochen – und anders gemessen

«In den Statistiken des Bundes zeigt sich, dass der Kanton Luzern besser dasteht als der Schweizer Durchschnitt», stellt Christof Spöring von der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung in Luzern klar. Während bundesweit 22,4 Prozent der Lernenden ihren Vertrag auflösten, waren es in Luzern nur 17,1 Prozent. Es handelt sich dabei um drei- und vierjährige Berufslehren mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ).

«Nur ein kleiner Teil der Auflösungen sind Abbrüche. 80 Prozent gehen direkt wieder in eine Lehre.»

Christof Spöring von der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung in Luzern

Nach den Daten der Luzerner Dienststelle wurden in Luzern weit weniger Lehren abgebrochen als die Daten des Bundesamts suggerieren. Doch das geht nicht auf falsche Zahlen zurück, betont Spöring. «Unsere Zahlen sind deutlich tiefer, weil wir einen Stichtag nehmen.» Am Ende des Lehrjahres werde gemessen, wie viele angefangen haben und wie viele übrig sind. Durch die sich überschneidenden Jahrgänge habe die Dienststelle eine grössere Zahlenbasis als das Bundesamt – daher also die tieferen Quoten.

Laut Dienststelle Berufs- und Weiterbildung Luzern, sind Vertragsauflösungen bei Lehren seit 2014 relativ stabil.
Laut Dienststelle Berufs- und Weiterbildung Luzern sind Vertragsauflösungen bei Lehren seit 2014 relativ stabil. (Bild: zvg)

Die Daten der Dienststelle zeigen: Im Lehrjahr 2021/22 lösten 8,7 Prozent der Lehrlinge mit EFZ ihre Lehre auf. Ungefähr fünf Prozent aller Lernenden brachen ab. Die Daten zeigen weiter, dass es seit 2014 sowohl bei den Vertragsauflösungen als auch bei den Abbrüchen kleinere Schwankungen gibt. Ein klarer Trend zu mehr Abbrüchen ist nicht zu sehen.

Was die erschreckenden Schlagzeilen diese Woche suggerieren ist, dass die Abbrüche so hoch sind wie noch nie, kritisiert Spöring. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Lehrabbrüchen und Lehrvertragsauflösungen. «Nur ein kleiner Teil der Auflösungen sind Abbrüche. 80 Prozent gehen direkt wieder in eine Lehre», erklärt er. Doch nicht alle schaffen das.

Lehrlinge mit psychischen Probleme werden immer häufiger

Die Hauptgründe für Lehrabbrüche sind meist eine falsche Berufswahl, mangelnde Leistungen und dieses Jahr erschreckenderweise auch gesundheitliche Probleme. «Wir haben feststellt, dass wir dieses Jahr mehr Jugendliche mit schwerwiegenden psychologischen Problemen hatten.» Nicht alle brechen ihre Lehre ab, doch der Anteil derer, die die Anforderungen nicht mehr stemmen können, scheint zuzunehmen.

Eine Studie des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt vom März 2022 bestätigt: 40 bis 50 Prozent der Lernenden waren zumindest vorübergehend wegen psychischer Probleme in Behandlung. Teilgenommen hatten über 9000 Lernende aus der Deutschschweiz. Im Kanton Luzern hat die Politik reagiert: SP-Kantonsrätin Pia Engler forderte im Februar 2022 mehr Einsatz für die psychische Gesundheit bei Jugendlichen und Kindern (zentralplus berichtete).

«Jugendliche Flüchtlinge wollen schnell in die Lehre, weil sie dann etwas verdienen. Aber wenn sie die Sprache nicht genug beherrschen, bringt das auch nichts.»

Christof Spöring

Für Lehrlinge setzt Luzern auf Unterstützungsangebote und psychologische Beratung. Wichtig sei ein enger Austausch zwischen Berufsschule und Lehrbetrieb, um Probleme rechtzeitig zu erkennen, meint Spöring. Auch Sprachkenntnisse seien häufig ein grosses Hindernis: «Jugendliche Flüchtlinge wollen schnell in die Lehre, weil sie dann etwas verdienen. Aber wenn sie die Sprache nicht genug beherrschen, bringt das auch nichts.»

Die Lehre bleibt in Luzern attraktiv – Lehrlinge fehlen trotzdem

Momentan wählen über 70 Prozent in Luzern eine Lehre, trotzdem gibt es überall noch freie Lehrstellen. Am wenigsten Bedarf gibt es in der IT und bei kreativen Berufen wie Grafikerinnen – dort sei die Nachfrage hoch, sagt Spöring. Im Einzelhandel, bei Fleischfachleuten, in der Haustechnik und im Baugewerbe sähe das deutlich anders aus.

Christof Spöring versteht das Image der «unattraktiven Branchen» nicht. Die Verdienstmöglichkeiten, wenn man sich weiterbildet, sind ebenbürtig zu denen eines Akademikers. Zudem brächten die jungen Leute mit Berufslehre deutlich mehr Erfahrung mit. Weil sie zum Beispiel seit dem 16. Lebensjahr mit Kundinnen zu tun haben.

Eine klare Meinung hat auch Gaudenz Zemp, FDP-Kantonsrat und Direktor des Gewerbeverbands. Er sagt auf Anfrage: Die Lehrberufe seien immer noch sehr attraktiv, da diese laufend weiterentwickelt und zukunftsorientiert ausgerichtet werden. Rund drei Viertel der Schüler würden mit einer dualen Ausbildung in ihr Berufsleben starten. Auch die Gymnasiumsquote von knapp 20 Prozent sei über die letzten Jahre stabil.

Um eine steigende Gymnasiumsquote und eine Verakademisierung der tertiären Bildung zu verhindern, muss ständig an Bildungsmassnahmen gearbeitet werden. Die Berufsbildung müsse attraktiv bleiben, damit es nicht zu Umständen wie im Ausland kommt. Zemp sieht dort besonders die Unternehmen in der Verantwortung.

Verwendete Quellen
  • Artikel im «Tages-Anzeiger»
  • Daten des Bundesamts für Statistik
  • Schriftlicher Austausch mit Gaudenz Zemp
  • Mündlicher Austausch mit Christof Spöring
  • Artikel in der «BZ»
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