Beruf & Bildung
Umgang mit Hype-Chatbot

Luzerner Hochschulen wappnen sich gegen ChatGPT

Dieses Bild hat eine künstliche Intelligenz gemalt. Nun soll sie auch Texte schreiben können. Wie gehen die Hochschulen damit um? (Bild: Dall-E)

Künstliche Intelligenz verändert den Hochschulalltag dramatisch. Die Universität Luzern und die Hochschule Luzern prüfen schnelle Massnahmen.

Die Möglichkeiten des Chatbots Chat GPT sind praktisch unbegrenzt: Ein Gedicht über einen Hund, inklusive Zitat aus einem Lied von DJ Bobo? Kein Problem. Ein Bewerbungsschreiben? Lediglich den Link reinkopieren und schon liefert der Chatbot das Bewerbungsdossier, selbstverständlich angepasst auf die Ausschreibung. Eine volkswirtschaftliche Arbeit über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück? Auch hier spuckt der das Programm Antworten aus: Seit Ende 2022 sorgt die neue Software ChatGPT der Firma OpenAI für Furore. Das Programm gibt Textantworten zu Fragen, basierend auf künstlicher Intelligenz (KI).

Gerade letzteres versetzt die Hochschulen in Aufruhr. Gesucht sind also Lösungen im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Was tun die Universität Luzern und die Hochschule Luzern?

ChatGPT als Ghostwriter? Universität ist skeptisch

Für die Universität Luzern und die Hochschule Luzern ist der Umgang mit dem Chatbot Gegenstand von Diskussionen. «Es handelt sich um eine neue Technologie mit augenscheinlich grossem Potenzial», schreibt Dave Schläpfer, Mediensprecher an der Universität Luzern auf Anfrage.

Die Bildungsinstitut an der Frohburgstrasse ist jedoch skeptisch, dass das Programm in der Lage ist, wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. «Gemäss unserem Wissensstand dürfte es mit der jetzigen Version nicht möglich sein, quasi auf Knopfdruck Arbeiten zu generieren, die wissenschaftlichen Standards genügen, etwa hinsichtlich Komplexität und Zitation.»

Universität: Missbrauch von ChatGPT werde «nicht toleriert»

Gleichwohl prüft die Universität Massnahmen. «Zum einen, was die Risiken und möglichen Missbrauch – den wir selbstverständlich nicht tolerieren – anbelangt». Andererseits beleuchte man auch die sich eröffnenden Chance für die Lehre.

So könne man etwa einen kritischen Umgang mit den Antworten der künstlichen Intelligenz lernen, indem man prüft, ob die Antworten der künstlichen Intelligenz stimmen und vollständig sind. Zudem könne eine «mit kritisch-analytischem Blick erfolgende Interaktion» mit dem Chatbot weitere Fragestellungen für Seminararbeiten eröffnen oder gar provisorische Gliederungen für Seminararbeiten liefern.

Wie sollen Hochschulen mit ChatGPT umgehen? Das Programm liefert gleich selbst einen 5-Punkte-Plan. (Bild: Screenshot ChatGPT)

Konkrete Massnahmen zur Verhinderung, dass Studentinnen Arbeiten durch die künstliche Intelligenz schreiben lassen, seien noch in Erarbeitung. Geprüft werde verschiedenes. Schläpfer weist darauf hin, dass die meisten schriftlichen Prüfungen vor Ort stattfinden. Bei Prüfungen vor Ort könne man den Einsatz von Programmen wie ChatGPT besser kontrollieren – respektive untersagen.

Universität will Augenmerk auf KI-geschriebene Texte legen

Und wie sieht es bei Hausarbeiten aus? «Bei schriftlichen Arbeiten wird vermehrt ein Augenmerk auf womöglich mit ChatGPT geschriebene Texte oder Passagen gelegt werden müssen», so der Mediensprecher an der Universität. Auf dem Markt gibt es bereits erste speziell darauf ausgelegte Softwares, gibt Dave Schläpfer zu bedenken.

Grundsätzlich verboten ist die Nutzung von ChatGPT nicht. «Es ist an den Dozierenden, in ihren Lehrveranstaltungen festzulegen, welche Hilfsmittel an den Prüfungen und für die schriftlichen Arbeiten verwendet werden dürfen», so Schläpfer. Er relativiert aber: «Grundsätzlich, ob nun explizit angegeben oder nicht, ist in einem wissenschaftlichen Kontext natürlich jede illegitime Übernahme einer fremden Geistesleistung untersagt und können Sanktionen in unterschiedlicher Schwere, bis hin zum Studienausschluss zur Folge haben.»

Noch keine Sanktionen bei Missbrauch an der HSLU

Auch bei der Hochschule Luzern sind konkrete Massnahmen noch in Erarbeitung. Lösungsansätze werden Ende Januar bei einer Konferenz verschiedener Departemente diskutiert. Ob aufgrund des neuen Chatbots Prüfungsformen angepasst werden, könne man daher noch nicht sagen.

Verboten ist der Einsatz von ChatGPT an der Hochschule Luzern zurzeit nicht. Kann man zurzeit also noch eine Arbeit von der KI schreiben lassen, ohne dass dies Sanktionen zur Folge hat? «Wir können diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten», schreibt Sprecher Martin Zimmermann.

Hochschule Luzern schafft neue Plagiatssoftware an

Bereits beschlossene Sache ist hingegen die Anschaffung einer neuen Plagiatssoftware. Noch im Frühling dieses Jahres soll diese eingeführt werden. Die neue Software soll gemäss Angaben der Hochschule Luzern auch in der Lage sein, KI-generierte Plagiate zu erkennen.

Die Hochschule hat die Plagiatssoftware jedoch nicht angeschafft, um spezifisch Texte zu überprüfen, die durch künstliche Intelligenz geschrieben wurden. Es handelt sich demnach nicht um eine Software, die speziell zur Erkennung von KI-Texten erschaffen wurde. Es ist allerdings umstritten, ob herkömmliche Plagiatssoftwares geeignet sind, um durch künstliche Intelligenz geschriebene Texte zu erkennen.

Wenn eine künstliche Intelligenz einen Text schreibt, sind das im engeren Sinn nämlich gar keine Plagiate. Denn die künstliche Intelligenz erstellt grundsätzlich neue Texte. Damit handle es sich eher um eine neue Form des Ghostwritings, sagte Markus Gross, Sprecher der ETH Zürich, kürzlich gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Gross kommt daher zum Schluss: «Mit herkömmlichen Tools ist das daher nicht zu erkennen.» 

Mensch kann KI-geschriebene Texte nur schwer erkennen

Klar ist: Der Mensch ist sehr schlecht darin, KI-geschriebene Texte von durch Menschen geschriebenen Texte zu unterscheiden. Warum? «Weil die Texte so gut sind», sagt Marc Pouly, Dozent an der Hochschule Luzern. Er beschäftigt sich seit Jahren mit künstlicher Intelligenz.

Wie die angefragten Hochschulen geschrieben haben, können allerdings spezifische Softwares erkennen, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde – ebenfalls basierend auf künstlicher Intelligenz. Wie könnte ein solches Programm funktionieren? «Eine solches Programm könnte eine grosse Menge an geschriebenen Texten von ChatGPT analysieren. Dann kann man die statistischen Strukturen analysieren, die ChatGPT herausgibt», so Pouly. Das Programm könnte sozusagen die «DNA» von ChatGPT entschlüsseln. Das Programm kann dann anhand der Struktur des Textes erkennen, ob er von ChatGPT oder von einem Menschen geschrieben wurde.

Das Problem dabei: Verändert sich ChatGPT, müssen solche Programme neu angepasst werden. Ein Katz-und-Maus-Spiel, wie man es von Computerviren und Antivirenprogrammen her kenne, so Pouly.

ChatGPT: «Eine bekannte Technologie auf Steroiden»

Von ChatGPT ist der Dozent an der Hochschule ganz angetan. Teile von Seminararbeiten könne die künstliche Intelligenz «teilweise auf Niveau eines sehr guten Studenten» schreiben. Das Gleiche gelte für Fragen in schriftlichen Prüfungen. Er hebt jedoch hervor, dass die Technologie hinter dem Chatbot keine neue ist, eher «eine bekannte Technologie auf Steroiden», die in der subjektiven Wahrnehmung der Qualität gar ihn als Experten überrascht habe.

«Wie wird unser Selbstbild verändert, wenn OpenAI plötzlich ein Anwaltspatent hat oder ein Staatsexamen hat?»

Marc Pouly, Dozent an der Hochschule Luzern

Der Dozent ist sich sicher: Bald ist die künstliche Intelligenz so gut, dass sie einen Uniabschluss erhalten wird. «Für mich ist ChatGPT ein Wendepunkt. Die Technologie wird jedes Berufsbild verändern». Darunter auch die Lehre und die Forschung. «Ich bin ziemlich sicher, dass ChatGPT schon heute, nur wenige Wochen nach ihrer Veröffentlichung, mehr wissenschaftliche Publikationen als Co-Autor herausgebracht hat, als ich es in meiner wissenschaftlichen Karriere geschafft habe.»

ChatGPT kann auch Witze reissen. Ein richtiger Schenkelklopfer? Wohl Geschmackssache … (Bild: Screenshot ChatGPT)

Den sich ergebenden Veränderungen schaut der Dozent nicht ängstlich, sondern mit Neugierde entgegen. Fragen würde die neue Technologie aber allemal aufwerfen: «Viele identifizieren sich heute über Abschlüsse. Wie wird unser Selbstbild verändert, wenn OpenAI plötzlich ein Anwaltspatent hat oder ein Staatsexamen hat?».

Antworten darauf habe er nicht. «Ich habe ein grosses Privileg als Wissenschafter. Als solcher kann ich mich an den Fragen erfreuen, ohne schon eine Antwort auf diese zu haben».

Verwendete Quellen
  • Telefonat und schriftlicher Austausch mit Dave Schläpfer, Mediensprecher an der Universität Luzern
  • Telefonat und schriftlicher Austausch mit Martin Zimmermann, Hochschule Luzern
  • Telefonat mit Marc Pouly, Dozent an der Hochschule Luzern
  • Artikel im «Tages-Anzeiger»
  • Interaktion mit ChatGPT
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