Beruf & Bildung
Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern

Das «Enfant terrible» der Schweizer Bildungslandschaft

Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik ist der Wirtschaftsfakultät der Universität Luzern zugeordnet. (Bild: Emanuel Ammon / Aura)

Die Wirtschaftsfakultät der Universität Luzern war am Anfang umstritten – genau wie das neue Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP), das ihr zugeordnet ist. Meinungsbeiträge von Professorinnen, die dort beschäftigt sind, sorgten in den letzten Monaten für Irritationen. Ist das gewollt?

«Die Wirtschaftsfakultät der Universität muss Raum schaffen für Querköpfe, um den Wettbewerb der guten Ideen anzukurbeln.» Das sagte alt Rektor Paul Richli, einer der Väter der neuen Fakultät, an deren Eröffnung im Jahr 2016.

Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt, wie es scheint. In den letzten Jahren sind mehrere Äusserungen von Professoren, die für die Wirtschaftsfakultät Luzern arbeiten, in die nationalen Schlagzeilen geraten. Zuletzt war es die Dozentin Andrea Franc, die für Furore sorgte. Und zwar mit der Behauptung, Studierende aus den Geisteswissenschaften würden zu wenig arbeiten und zu viel kosten (zentralplus berichtete).

Pointierte Aussagen oder reine Provokation?

Es fällt auf, dass insbesondere Mitarbeitende des Forschungsinstituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) durch Meinungsbeiträge in den Medien auf sich aufmerksam machen. Geschäftsführer René Scheu ist regelmässiger Kolumnist im «Blick», in welchem er zuletzt mit der Behauptung auffiel, Velofahren sei nicht nachhaltig (zentralplus berichtete). Ökonom Martin Mosler schrieb am Sonntag in der «NZZ» gegen Heizungssubventionen an. Und Direktor Christoph A. Schaltegger bezeichnete in der «Finanz und Wirtschaft» Subventionsgelder des Bundes als «Bestechungsgeld für die Kantone».

Die Wochenzeitung «WOZ» bezeichnete das IWP als eine «Denkfabrik für Reiche», das zur «rechtsliberalen Bastion der Schweiz» werden solle. Die Meinungsbeiträge dieser Professoren werden kontrovers diskutiert. Das schlug sich auch in den Kommentarspalten von zentralplus nieder.

Nachdem Pro-Velo-Präsidentin Korintha Bärtsch IWP-Geschäftsführer René Scheu in einem Gastbeitrag widersprach, schrieb der Fribourger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger eine Replik. Sie löste fast 40 Kommentare aus (zentralplus berichtete).

«Das IWP hat es nicht auf Provokation abgesehen, sondern auf relevante Forschung und auf verständliche Kommunikation der Resultate.»

Direktor Christoph A. Schaltegger

Eines der Ziele des IWP ist es, zur «gesellschaftlichen Meinungsbildung» beizutragen, wie das Institut auf seiner Website schreibt. Ermutigt Direktor Christoph A. Schaltegger seine Mitarbeiter demnach, sich auf provokative Weise in die öffentliche Diskussion einzubringen? Der Ökonom verneint.

«Das IWP hat es nicht auf Provokation abgesehen, sondern auf relevante Forschung und auf verständliche Kommunikation der Resultate», schreibt er auf Anfrage. «Wenn uns beides gelingt, dann können und sollen die Erkenntnisse zu reden geben – Wissenschaft ist ja nicht etwas für den kleinen Kreis der Wissenschafter, sondern für die ganze Gesellschaft.»

Fokus auf die Schweiz – das ist das Alleinstellungsmerkmal

Wie schätzt Paul Richli, der die Gründung der Wirtschaftsfakultät in Luzern erkämpfte, die Positionierung des Instituts ein? «Wie ich das IWP wahrnehme, befasst es sich mit für die Schweiz gesellschaftlich relevanten Themen. Das ist ein grosser Unterschied beispielsweise zum Center von Professor Ernst Fehr an der Universität Zürich», schreibt Richli auf Anfrage. Dieser betreibe Forschung, deren Ergebnisse in den weltweit führenden Journals publiziert werden können. «Hingegen trägt er weniger zur Lösung von spezifisch schweizerischen Problemen bei.»

«Ich habe gelernt, dass man von Leuten, die anders denken, immer etwas lernen und den Horizont erweitern kann.»

Paul Richli

Das IWP stehe nicht für das Querdenken, das er bei seiner Rede zur Eröffnung der Wirtschaftsfakultät im Hinterkopf hatte – es trage aber sicherlich zum Wettbewerb der Ideen bei. Richli führt diesen Gedanken aus – und denkt dafür an den Beginn seiner Laufbahn zurück.

Paul Richli – ein Plädoyer für die geistige Offenheit

Damals arbeitete der Jurist im Bundesamt für Justiz. «Als ich Abteilungschef war, hatte ich als vorgesetzten Vizedirektor einen sehr guten Juristen, welcher Mitglied der SP war. Ich bin seit jeher parteilos, aber grundsätzlich liberal gesinnt», erzählt er

Er habe in der damaligen Funktion viele Gutachten für den Bundesrat verfasst, die über den Tisch seines Vorgesetzten gingen. «Dieser äusserte sich meistens sehr positiv, warf aber immer wieder einmal eine Frage auf, an die ich als Liberaler nicht gedacht hatte. Ich musste meistens anerkennen, dass man auch so denken kann. Das hat mich gelehrt, dass man von Leuten, die anders denken, immer etwas lernen und den Horizont erweitern kann.»

«Alternativen Ökonomen» sollten die Stunden gekürzt werden

Aus seiner Zeit als Professor an der Hochschule St. Gallen ist Paul Richli sein Kollege Professor Hans-Christoph Binswanger in lebhafter Erinnerung geblieben. Er war ein «alternativer Ökonom», wie Richli sagt. «Er musste sich immer gegen die eher traditionellen Kollegen behaupten, die ihm sogar Unterrichtsstunden kürzen wollten, weil sie der Meinung waren, sie müssten zu viel Zeit einsetzen, um den Studierenden Binswangers falsche ökonomischen Konzepte auszutreiben.» Richli selbst hat Binswanger als einen «sehr anregenden Kollegen» empfunden.

«Ich überblicke den Output des IWP zu wenig, um beurteilen zu können, ob man von einer (zu) einseitigen ‹ Schule› sprechen könnte oder müsste.»

Paul Richli

«Ich habe die Empfehlung an der Eröffnung der Wirtschaftsfakultät der Universität vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen und Einsichten gemacht», erklärt Paul Richli. Da die Fakultät sehr wenig finanzielle Mittel zur Verfügung hatte, sei ihm klar gewesen, dass keine «Alternativen» eine ganze Professur erhalten konnten. «Aber es ist möglich, dass man Leute, die anders denken, zu Vorträgen einlädt oder im Idealfall für ein Gastsemester», beschreibt Richli seine Idee.

Ein homogener Forschungsansatz

Ob die Wirtschaftsfakultät als Ganze «Querköpfe» beziehungsweise «Andersdenkende» einlade, könne er nicht beurteilen, weil er die Aktivitäten der Fakultät nicht im Einzelnen verfolge. Das IWP hingegen sei nicht (primär) mit Lehre befasst, sondern mit praxisbezogener Forschung. «Professor Christoph Schaltegger zählt in diesem Bereich zu den führenden Ökonomen im Land», sagt Richli.

«Querköpfe, die eine ganz andere Denkweise einbringen, sind am IWP eher nicht zu finden.»

Paul Richli

Der alt Rektor hält sich mit Kritik zurück. «Ich überblicke den Output des IWP zu wenig, um beurteilen zu können, ob man von einer (zu) einseitigen ‹ Schule› sprechen könnte oder müsste.» Mit Sicherheit sei das IWP nicht das einzige Institut an einer Schweizer Universität, das einen «möglicherweise ziemlich homogenen Forschungsansatz» verfolge. Klar sei: «Querköpfe», die eine ganz andere Denkweise einbringen, seien dort eher nicht zu finden.

Ausserhalb der Bubble zu streiten tut gut

Es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, wie viele Menschen sich von Meinungsbeiträgen provoziert fühlen. Anstatt der «rechtsliberalen Bastion» dezidiert zu widersprechen, wird über das Enfant terrible des Schweizer Bildungswesens geschimpft. Wir haben es in den letzten Jahren verlernt, gepflegt zu streiten.

Das zeigen die Reaktionen auf Meinungsbeiträge, nicht nur von Professoren, sondern auch von Journalistinnen und Politikerinnen. Generell soll ein Meinungsbeitrag eine Debatte auslösen und weiterbringen. Wer Argumente pauschal vom Tisch wischt, klemmt die Diskussion ab, statt davon zu profitieren. Etwas mehr «Horizonterweiterung», wie Paul Richli es formulierte, würde der Gesellschaft als Ganzes wohl guttun.

Kontroverse um die Wirtschaftsfakultät und das IWP

Die Wirtschaftsfakultät war zur Zeit ihrer Gründung umstritten, weil sie zu Beginn mit privaten Geldern mitfinanziert wurde (zentralplus berichtete). 2016 wurde sie eröffnet, inzwischen sind gut 500 Studierende eingeschrieben. Damit wurden die Erwartungen erfüllt, wie die Regierung in ihrer Antwort auf einen Vorstoss der Mitte schreibt. Mit ihrer Spezialisierung auf Masterstufe decke die kleine Fakultät erfolgreich Nischen ab. Ihr Aufbau kostete rund vier Millionen Franken, die mit Beiträgen privater Donatorinnen finanziert wurden. Heute wird die Wirtschaftsfakultät im Wesentlichen mit öffentlichen Geldern des Bundes, des Kantons sowie der Herkunftskantone der Studentinnen finanziert.

Das Institut Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) ist eine Kooperation der Universität Luzern und einer Stiftung. Letztere verfolgt gemäss ihren Statuten «keine politischen, ideologischen oder wirtschaftlichen Zwecke» –  auch wenn Zeitungen wie die «WOZ» dies anzweifeln.

Dem Stiftungsrat gehören keine aktiven oder ehemaligen Politiker an, sondern ausschliesslich Wissenschaftlerinnen und Unternehmer. Stiftungspräsident ist Alfred N. Schindler. Ziel ist nach eigenen Angaben, «auf unabhängiger wissenschaftlicher Grundlage wirtschaftspolitische Fragestellungen insbesondere in Bezug auf die Schweiz zu erforschen, aus denen praktische Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgeleitet werden können».

Verwendete Quellen
  • Artikel «Luzerner Zeitung» zur Eröffnung der Wirtschaftsfakultät
  • Meinungsbeitrag von Martin Mosler in der «NZZ»
  • Meinungsbeitrag von Christoph A. Schaltegger in der «Finanz und Wirtschaft»
  • Website IWP
  • Artikel in der «WOZ» über das IWP
  • Antwort der Regierung auf den Vorstoss der Mitte
  • Mailkontakt Paul Richli und Christoph A. Schaltegger

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