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Nach umstrittenem Buch über die Pandemie

Corona: Luzerner Professor stellt fragwürdige Thesen auf

Die Bundesämter für Gesundheit und Statistik sehen aktuell keine Anhaltspunkte, die für die Thesen von Gesundheitsökonom Konstantin Beck sprechen würden. (Bild: )

Während der Pandemie sind mehr jüngere Menschen gestorben als in normalen Zeiten. Das liegt aber nicht nur an Corona, sagt der Luzerner Wirtschaftsprofessor Konstantin Beck (60). Was ist da dran? Eine Analyse.

Die Luzerner Professoren Konstantin Beck und Werner Widmer haben 2020 Schlagzeilen gemacht, als sie in einem umstrittenen Buch die schweizerische Pandemie-Politik kritisierten (zentralplus berichtete). Jetzt äussert sich Ersterer im «Nebelspalter» erneut zur Pandemie. Und stellt fragwürdige Thesen auf.

Im Artikel – und einem Video dazu – rechnet Beck vor, dass es ab Ende 2020 in der Altersklasse der unter 65-Jährigen zu einer Übersterblichkeit gekommen sei, die sich nicht mit Covid erklären lasse. Überprüfen lässt sich das nicht, sagt das Bundesamt für Statistik.

«In dem Vortrag von Herrn Beck zu dem Thema wird ein sehr knapp gehaltener Überblick über seine Methode der Modellierung der wöchentlichen Sterbefälle in bestimmten Altersgruppen gegeben», schreibt dieses auf Anfrage von zentralplus. «Auf dieser Grundlage ist es uns nicht möglich, die Validität seines Modells zu beurteilen, auch weil die einzelnen Modellparameter nicht im Detail erläutert werden.»

In dem Artikel stellt Konstantin Beck einige irritierende Thesen auf, was die Gründe für die von ihm festgestellte Übersterblichkeit sein könnten. «Es könnte sich um Suizid, häusliche Gewalt oder Komplikationen durch die Impfung oder durch aufgeschobene Eingriffe handeln», lässt sich Beck zitieren.

Übersterblichkeit: Zahlen belegen die These nicht

Die Vermutungen sind gewagt, gibt es doch keinerlei Fakten, die auf solche Zusammenhänge hindeuten. «Im Moment gibt es unseres Wissens keine Studien, die diese Vermutungen belegen», schreibt Katrin Holenstein, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), auf Anfrage. Das bestätigt eine Nachfrage beim Bundesamt für Statistik (BFS). «Bisher sehen wir keine Hinweise für gestiegene Suizidzahlen (…) in der Schweiz», heisst es dort.

Im Rahmen der Polizeilichen Kriminalstatistik werden Daten zu Opfern von vollendeten Tötungsdelikten im häuslichen Bereich erfasst. Es ist dasselbe: «Ein Trend ist in den Daten nicht zu erkennen», heisst es von Seiten des BFS.

Und was ist mit der Impfung und allfällig verschobenen medizinischen Eingriffen als mögliche Erklärung für eine Übersterblichkeit? Auch dafür gibt es bislang keine Zahlen, die einen Zusammenhang belegen würden.

Impfung führt kaum zu Todesfällen

Für die Erfassung von Impfnebenwirkungen ist in der Schweiz Swissmedic zuständig. In 216 der schwerwiegenden Fälle wurde über einen Todesfall in einem zeitlichen Kontext zur Impfung berichtet, heisst es auf deren Website.

«Das Äussern von Vermutungen ist nur dann unwissenschaftlich, wenn sie nicht als solche erkennbar sind, sondern als Tatsachen in den Raum gestellt werden.»

Konstantin Beck

Aber: Die Verstorbenen waren im Durchschnitt 79 Jahre alt. Und eine detaillierte Analyse ergab, dass andere Todesursachen wahrscheinlicher sind. Dass die Impfung bei unter 65-Jährigen für eine Übersterblichkeit verantwortlich sein soll, ist also eine abenteuerliche These.

Was die verschobenen Operationen angeht, so schreibt das BFS: «Um zu beurteilen, inwieweit sich die Folgen aufgeschobener Behandlungen auf die Sterblichkeit während der Pandemie ausgewirkt haben, sind weiterführende wissenschaftliche Analysen notwendig.» Heisst: Es gibt (noch) keine Zahlen dazu.

Konstantin Beck stützt sich auf die wöchentlichen Sterbedaten

Becks Vermutungen zu den Gründen einer von ihm festgestellten Übersterblichkeit bei Jüngeren haben also keinerlei wissenschaftliche Basis. Ist das nicht verantwortungslos in Anbetracht des aufgeheizten Klimas, in dem die Corona-Politik gesellschaftlich diskutiert wird?

Konstantin Beck widerspricht dem Bundesamt für Statistik. «Im Gegensatz zur Darstellung des BFS lässt sich bei jüngeren Jahrgängen eine Übersterblichkeit nachweisen», bekräftigt er. Bei Kindern lasse sich diese zwischen Herbst 2020 und Frühling 2021 feststellen, bei den jungen Erwachsenen (20–39) ab Frühling 2021 bis Anfang 2022, während es im Zuge der schweren zweiten Welle keinen systematischen Ausschlag gegeben habe.

«Es stimmt, dass die Vermutung erhöhter Suizidraten nicht mit Zahlen belegt werden kann.»

Konstantin Beck

«Bei den Erwachsenen im Alter zwischen 40 bis 64 gibt es einen starken Anstieg während der zweiten Welle und einen kontinuierlichen, starken Anstieg ab Frühling 2021. Diese Aussagen stützen sich direkt auf die wöchentlichen Sterbedaten des Bundesamts», schreibt Beck auf Anfrage.

Wissenschaftliche Basis braucht es nicht für Hypothesen

Konstantin Beck sagt, es sei in wissenschaftlichen Arbeiten zulässig, Vermutungen anzustellen. Vorausgesetzt, diese seien als Vermutungen – vornehmer, als Hypothesen – deklariert. «Hypothesen sind nie evidenzgestützt, weil Hypothesen immer der wissenschaftlichen Untersuchung vorausgehen. Das Äussern von Vermutungen ist nur dann unwissenschaftlich, wenn sie nicht als solche erkennbar sind, sondern als Tatsachen in den Raum gestellt werden», rechtfertigt sich Beck.

Was Suizide angeht, so liegen bislang nur Zahlen bis September 2020 vor. «Ich sage nirgendwo, dass ich im ersten Dreivierteljahr bis zum Ende 2020 – also vor der zweiten Corona-Welle und dem zweiten Lockdown – erhöhte Suizidraten erwarte», meint Beck dazu. Er räumt aber ein: «Es stimmt, dass die Vermutung erhöhter Suizidraten nicht mit Zahlen belegt werden kann.» Die Suizid-Hypothese müsse zumindest bei Minderjährigen wohl verworfen werden.

Häusliche Gewalt gegen Minderjährige steigt

Auch was die häusliche Gewalt angeht, so widerspricht Konstantin Beck dem Bundesamt für Statistik: «Ich sehe auch keine Ausschläge im Jahr 2021, aber im Jahr 2020.» Auch dort müsse man die Minderjährigen getrennt anschauen. «Es gab zehn Todesfälle, während der Fünfjahresdurchschnitt bei 4,75 Opfern liegt», schreibt Beck.

Tatsächlich hat der Bundesrat letzte Woche bekannt gegeben, dass die Gewalt gegen junge Mädchen seit 2012 angestiegen sei (zentralplus berichtete). Aber: Gemäss Beck starben von Mitte 2020 bis Ende 2021 generell 99 Kinder mehr als im langjährigen Durchschnitt. Eine schweizweite Übersterblichkeit bei Minderjährigen mit tiefen – und somit schwankungsanfälligen – absoluten Zahlen von knapp fünf Fällen zu begründen, ist zumindest fragwürdig.

Um die Impf-Hypothese zu belegen, fehlen die Zahlen

Interessanterweise ist es gerade die mangelhafte Datenlage, die Beck ins Feld führt, um seine These zu verteidigen, die Übersterblichkeit von unter 65-Jährigen könnte sich mit Impfkomplikationen begründen lassen. «Um diese messen zu können, bräuchte Swissmedic ganz einfach mehr Daten», kritisiert Konstantin Beck. «Sie hatten im Dezember 2021 3’000 Meldungen schwerwiegender Fälle, während das vergleichbare Holland 91’000 Meldungen hatte.»

Schliesslich räumt Beck ein, dass die Übersterblichkeit zumindest bei den Kindern doch «keine Impfkomplikationen sein können, weil in dieser Altersgruppe im Jahr 2021 kaum geimpft worden ist».

Was die These angeht, die Verschiebung von Operationen habe zu einer Übersterblichkeit geführt, so stimmt Beck zu, dass es bislang keine Zahlen dazu gibt. «Einverstanden», schreibt er. «Aber das ist immer so bei einer Vermutung.»

Schädlichkeit der Impfung ist nicht bewiesen

Womit wir wieder beim Punkt wären: Ist es verantwortungslos, wenn Wissenschaftler Thesen in den Medien verbreiten, für die es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt?

Beck findet das nicht. «Vermutungen müssen gar keine wissenschaftliche Basis haben, solange es sich um klar deklarierte Vermutungen handelt», wiederholt er. Verantwortungslos wäre es aus seiner Sicht, die Auswertung zum Anlass zu nehmen, um zum Beispiel einen «Beweis der Schädlichkeit der Impfung» zu stützen.

«Das geben die Zahlen nicht her. Aber der Hinweis, dass während der Pandemie nicht nur sehr viele ältere Personen, sondern auch jüngere in signifikant höherem Ausmass als sonst gestorben sind, und dass deren Todesursache nicht Corona war, finde ich ein verantwortbares Statement», meint Konstantin Beck.

Vermutungen von Wissenschaftlern haben eine hohe Glaubwürdigkeit

Das mag sein. Unabhängig überprüfen lässt sich das – wie gesagt – gemäss dem Bundesamt für Statistik nicht.

Das Problem ist ein anderes: Der «Nebelspalter» ist kein Wissenschaftsmagazin, sondern eine Zeitschrift mit klarer politischer Ausrichtung. Dass das Publikum die Äusserungen eines Forschers als ungeprüfte Hypothesen versteht, darf bezweifelt werden. Der Laie geht davon aus, dass ein Wissenschaftler gute Gründe für seine Annahmen hat.

Vorliegend gibt es aber wenig bis nichts, das in diese Richtung deutet. Genauso gut könnte man die Hypothese aufstellen, die Übersterblichkeit könnte durch den Klimawandel und die damit gestiegene Zahl der Hitzetage zu erklären sein. Oder durch einen Bewegungsmangel während der Pandemie. Erklärungen könnte es viele geben, Fakten liegen bisher nur wenige vor.

Verwendete Quellen

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