Beruf & Bildung
Rückzugsort im Höllwald

Baarer Waldschule: Warum Unterricht in der Natur wichtig ist

Peter Waser ist einer der Mitbegründer der geplanten Baarer Waldschule, die bald realisiert werden soll. (Bild: wia)

Wenn alles nach Plan läuft, entsteht am Anfang des kommenden Schuljahres eine Waldschule in Baar. Es ist ein Projekt, mit dem die Verantwortlichen einen Kontrast zum sehr digitalisierten Lernen bieten wollen. Was das bringen soll?

Ohne Zweifel: Bildschirme haben in unserem Leben einen ziemlich hohen Stellenwert eingenommen. Kinder und Jugendliche sind von diesem Phänomen nicht ausgenommen. Im Gegenteil: Das Handy ist heute ihr treuer Gefährte.

Mit einer geplanten Waldschule im Höllwald an der Lorze soll bald ein Gegenpol zum digitalen Alltag entstehen. In einem ehemaligen Munitionslager wird ein Ausgangs- und Rückzugsort für Unterrichtseinheiten in der Natur entstehen.

Gemeinde Baar unterstützt das Projekt mit 330'000 Franken

Derzeit liegen die Pläne für den Innenausbau des Gebäudes auf, welches sich im Besitz der Korporation Baar-Dorf befindet. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf 553'000 Franken, davon tragen die Schulen Eigenleistungen in der Höhe von 73'000 Franken.

Weitere 150'000 Franken steuern die Schulen von jenem Geld bei, das die Schülerinnen im Laufe der Jahre mit dem Sammeln von Altpapier verdient haben. 330'000 Franken hat die Gemeinde in das Projekt investiert. Die Baarer Gemeindeversammlung stimmte dem Kredit vergangenen September zu.

«Wir befanden, dass es Sinn machen würde, den Schülern einen Kontrast zu bieten zum Schulunterricht, der immer digitalisierter wird.»

Peter Waser, ehemaliger Oberstufen-Schulleiter

Mitbegründer der Waldschule ist der langjährige Baarer Lehrer und ehemalige Oberstufen-Schulleiter Peter Waser. Er sagt auf Anfrage: «Seit 43 Jahren bin ich im Lehrbereich tätig und habe die Entwicklungen der Schule direkt miterlebt. Vor einigen Jahren beschlossen der damalige Rektor Urban Bossard und ich, dass es Sinn machen würde, den Schülern einen Kontrast zu bieten zum Schulunterricht, der immer digitalisierter wird.»

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort stiessen die beiden auf das Munitionsdepot. «Alle fanden die Idee einer Waldschule super, auch die Behörden liessen sich für das Projekt begeistern.»

Es entsteht kein Luxusbau – aber ein mit Holz beheizbarer

Wie der Unterricht im Höllwald aussehen werde, könne jede Lehrperson selber entscheiden. «Es geht jedoch mitnichten darum, das Schulzimmer an einen anderen Ort zu verlagern. Wir stellen mit dem Gebäude einen rudimentär eingerichteten Ort zur Verfügung, der je nach Bedürfnis der Lehrperson genutzt werden kann.» Bildschirme werden im 120 Quadratmeter grossen Raum bewusst keine zu finden sein. Auch gibt es keinen Internetzugang. «In diesem Gebiet ist der Handyempfang nicht besonders gut. So ist man einigermassen von der Umwelt abgeschieden, was taktisch ganz gut ist für eine Waldschule.»

Gemäss den Plänen soll mitten im Raum ein Holzofen zu stehen kommen, auch wird es eine Küche geben, in der am Mittag gekocht werden kann. Weiter entstehen sanitäre Anlagen im Gebäude.

Die heutigen Lagerräume im unteren Bereich des Gebäudes sollen künftig etwa als Werkstätten genutzt werden. «Die Baarer Schulen werden dafür eine Werkbank zur Verfügung stellen», sagt Waser. Das ehemalige Depot dient zwar als Unterrichts- und Rückzugsort, das eigentliche Lernen soll jedoch draussen stattfinden, betont er.

Die Lehrpersonen sollen selber über die Nutzung entscheiden

Nutzen dürfen die Waldschule alle Klassen, vom Kindergarten bis zur Oberstufe. «Schon jetzt gehen die Schulklassen der Oberstufe für den Naturunterricht nach draussen. Etwa, um dort Untersuchungen an der Lorze und an den Bäumen zu machen. Doch auch Projektwochen könnten mit der Waldschule kombiniert werden.»

Peter Waser sagt weiter: «Wir möchten jedoch bewusst nicht zu viel vorgeben. Wir stellen einzig diesen Ort zur Verfügung, mit dem primäre Bedürfnisse abgedeckt werden können. Den Rest können die Gruppen respektive die Lehrpersonen selber entscheiden.»

Grösster finanzieller Brocken: Strom und Wasser

Heute kommt das Munitionsdepot noch etwas trist daher. Nicht zuletzt, weil das Gebäude derzeit noch mit Stacheldraht umzäunt ist. Das wird sich jedoch bald ändern. Der Umbau und die Sanierungen sollen im kommenden Frühling beginnen und nach den Sommerferien abgeschlossen sein.

«Der grösste und kostspieligste Brocken dabei bildet die Erschliessung des Hauses mit Strom und Wasser.» Von aussen wird das heute militärgrüne Gebäude auch künftig nicht auffallen. Gemäss den Plänen sind einzig Malerarbeiten angedacht, «das Farbkonzept wird später bestimmt und wird sich der Umgebung anpassen», heisst es im Baugesuch.

Braucht es überhaupt eine Waldschule?

Und nun doch noch zur ketzerischen Frage: Ist das überhaupt nötig, dass man Kinder und mässig motivierte Jugendliche in den Wald verpflanzt, um dort mit ihnen zu lernen? «Und ob!», ist Rolf Jucker überzeugt. Er ist der Geschäftsleiter der Schweizerischen Stiftung Silviva, einer Organisation, bei der sich alles um das Lernen mit und in der Natur dreht. Auf Anfrage erklärt er: «Die Natur ist ein sensationeller und ergiebiger Lernraum. Das zeigt auch die Forschung.»

«Beim Lernen in der Natur handelt es sich um einen weiteren Pfeil im Köcher der Lehrpersonen, um sinnvolles und erfolgreiches Lernen zu ermöglichen.»

Rolf Jucker, Experte für Waldpädagogik

Dennoch sei es wichtig, zu differenzieren. So sei das Lernen in der Natur nicht die «Magic Bullet», also die wundersame Lösung für alle Probleme. «Vielmehr handelt es sich um einen weiteren Pfeil im Köcher der Lehrpersonen, um sinnvolles und erfolgreiches Lernen zu ermöglichen.»

Mit spürbarer Begeisterung zählt er auf, welche positiven Effekte durch das Lernen draussen entstehen können. «Evolutionär bedingt ist das Gehirn so konzipiert, dass es in Bewegung Informationen besser und nachhaltiger aufnimmt als sitzend. Auch, weil es das Wissen in Relation bringen kann mit Dingen.» Weiter erübrige sich mit dem Lernen in der Natur die Frage nach der Bewegung. «Draussen sind Schülerinnen automatisch viel mehr in Bewegung. Ein Tag draussen entspricht bewegungstechnisch einer intensiven Turnstunde. Und das, während sich die Lehrperson auf den eigentlichen Unterricht konzentrieren kann.»

Rolf Jucker ist Experte in Sachen Waldpädagogik und Geschäftsleiter von Silviva. (Bild: zvg)

Mehr Tageslicht, mehr Feinmotorik, bessere mentale Gesundheit

Weitere Benefits seien die Förderung von Grob- und Feinmotorik, die Aufnahme von genügend Tageslicht und das Wegfallen des CO2-Problems, das im Schulzimmer existiert. «Es sind ganz viele Gesundheitsaspekte, welche gefördert und unterstützt werden. So auch die mentale Gesundheit. Dies übrigens auch bei Lehrpersonen. Es ist schliesslich bekannt, dass es sich dabei um die am meisten von Burnout betroffene Berufsgruppe handelt.»

«Es braucht eine Regelmässigkeit, damit das Lernen in der Natur zur Selbstverständlichkeit wird.»

Rolf Jucker, Geschäftsleiter Silviva

Jucker sagt weiter: «Ein Aspekt, der für uns überraschend war und mit Studien belegt werden konnte: Der Naturunterricht unterstützt die Sprachförderung. Die Kinder reden zum einen mehr miteinander, aber auch mit Erwachsenen, etwa mit Lehrpersonen oder Fachpersonen wie Förstern.»

Die Schüler müssen demnach mit dieser professionellen Sprache umzugehen lernen. «Eine klassische Aussage von Lehrpersonen ist zudem: Im Klassenzimmer stelle ich die Fragen, draussen sind es die Kinder. Sie erfahren und erleben mehr, sehen Dinge, die sie benennen lernen müssen.»

Tage im Regen haben auch ihr Positives

Auch die Sozialkompetenz werde durch den Unterricht im Freien gefördert, ebenso das Vertrauen in die Lehrperson. «In Sachen Motivation ist es so: Die Motivation in der Schule sinkt gemäss Studien ab dem Schuleintritt mit jedem Jahr. Regelmässige Unterrichtszeiten im Freien können diesen Trend zwar nicht umkehren, aber die Motivation der Schüler zumindest stabil halten», sagt Jucker.

Er betont: «Mit Besuch auf Unterricht draussen ist genau dies ein wichtiger Punkt. Es braucht eine Regelmässigkeit, damit das Lernen in der Natur zur Selbstverständlichkeit wird.»

Ein Tag pro Woche, der in der Natur verbracht werde, werde – das zeigen Erfahrungen in verschiedenen Ländern, etwa in Dänemark – als guter Wert angesehen. «Das halten wir für realistisch. Doch natürlich sind wir diesbezüglich nicht dogmatisch. Der Naturunterricht muss an die Realität der jeweiligen Schule angepasst werden.»

Verwendete Quellen
  • Augenschein vor Ort
  • Telefonat mit Peter Waser
  • Einblick in die Baupläne
  • Telefonat mit Rolf Jucker von Silviva
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