Benzin im Blut, Freude an der Technik und «einen Flick ab»
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Der Töffliclub «Kolbenhobler Innerschwiiz»: Vom Handwerker bis zum Jurist ist alles vertreten.   (Bild: zvg)

Was Erwachsene bis heute am Töffli fasziniert Benzin im Blut, Freude an der Technik und «einen Flick ab»

5 min Lesezeit 21.07.2017, 13:27 Uhr

«Die mit den grossen Maschinen tragen Goretex und Leder, wir Kleinen tragen Jeans»: Die Kleinen, das sind Töffli-Fans. 1’000 von ihnen starten am Samstag zu einer 110 km langen Tour durch die Zentralschweiz. Drei Teilnehmer aus Luzern erzählen, was den kultigen Zweitakter auch bei gestandenen Familienvätern so beliebt macht.

Für die einen ist es das Mofa oder Moped, für die anderen der Zweitakter, das Rauchervelo oder das «Sackgeldverdunsterli». Lange vor den Elektrovelos stellte das Töffli für viele Jugendliche ab 14 Jahren das erste eigene Motorfahrzeug dar. Mit einem lässigen Gefühl neu gewonnener Unabhängigkeit tuckerte man mit 30 km/h durch die Strassen seines Wohnortes und fühlte sich frei.

Wie gross der Töffli-Kult noch heute ist, sieht man Jahr für Jahr beim Alpenbrevet, einem der grössten Töffli-Events Europas. 1000 Töfflifahrer haben sich dieses Jahr die heissbegehrten Startplätze ergattert und werden am 22. Juli die 110 Kilometer lange Strecke in Angriff nehmen: von Sarnen über den Glaubenberg – ins Entlebuch – über die Panoramastrasse von Sörenberg nach Giswil – und von dort Richtung Flüeli-Ranft zurück nach Sarnen.

Die Strecke im Schnelldurchlauf:

 

Benzin im Blut, Freude an der Technik und «einen Flick abhaben», das sind drei Eigenschaften, welche die Töffli-Enthusiasten im In- und Ausland miteinander verbinden, erzählt uns der 42-jährige Kurt Studer aus Wolhusen. Das Alpenbrevet gehört für ihn zu den Highlights des Jahres.

2015 entschied sich der gelernte Schreiner zusammen mit seinen beiden Freunden Marcel Wangeler und Heinz Schweizer, den Töfflitreff Wolhusen ins Leben zu rufen. Kurz davor hatte der angefressene «Schrübeler» das erste Mal selbst am Anlass teilgenommen. «Das war ein wahnsinniges Erlebnis. Zusammen mit einem solchen Haufen Töffli-Fans durch Gstaad zu fahren. Da wird’s Dir fast ein wenig schwindlig», schwärmt der Vater von drei Kindern.

Rumschrauben im «Budeli»

Wie die meisten begann Studers Töffli-Karriere mit 14 Jahren. Mit Kumpels unternahm er damals eine Tour nach Österreich. «Für uns war das damals ein Riesen-Erlebnis», erzählt er. «Anders als heute haben uns unsere Eltern damals nicht überall hingefahren. Deswegen war das Töffli für uns nicht einfach nur ein Freizeitspass, sondern ein wichtiges Transportmittel.»

«Es gibt nichts Schöneres, als bei 30 Grad und Sonnenschein Töffli zu fahren und in die Landschaft hinaus zu gähnen.»

Kurt Studer, Töffli-Fahrer

Zuhause hat Kurt Studer eine eigene Werkstatt – sein «Budeli», wo er samstags an seinen Maschinen rumschraubt. Sein ältestes Töffli stammt aus dem Jahr 1965. Die Einfachheit und Langlebigkeit der Technik fasziniert Studer besonders: «Einmal habe ich eine Maschine erworben, die 25 Jahre lang nur rumgestanden ist. Zuerst dachte ich, die wird doch nie wieder funktionieren. Letztlich brauchte es aber nur ganz wenig, um sie wieder zum Laufen zu bringen. Diese Technik tut’s einfach.»

«Diese Technik tut's einfach»: ein Töffli der Kolbenhobler.

«Diese Technik tut’s einfach»: ein Töffli der Kolbenhobler.

(Bild: zvg)

Kurt Studers Traum-Tour ist der Klassiker unter den Töffli-Touren, wie er sagt: über den Gotthard ins Tessin hinunter. «Es gibt nichts Schöneres, als bei 30 Grad und Sonnenschein Töffli zu fahren und in die Landschaft hinaus zu gähnen.» Für Studer bedeutet Töfflifahren nicht zuletzt Entschleunigung.

Wie eine richtige «Gäng»

Der im August 1980 geborene Luzerner Patrick Bucher ist bereits vier Mal mit dem Töffli von Luzern ins Tessin gefahren. «Das war jedes Mal ein unvergessliches Erlebnis», sagt er. Bucher verbindet einiges mit Kurt Studer. Auch er ist Vater von drei Kindern und seit seinem 14. Lebensjahr leidenschaftlicher Töffli-Fahrer.

«Und während der Touren schieben wir uns gegenseitig die Berge hoch.»

Patrick Bucher, Töffli-Fan

Im Zuge der Vorbereitungen gründete er mit Freunden vor zwei Jahren die «LUTown2strokemountaingoats», bestehend aus sieben Fahrern und drei Fahrerinnen. Zusammen «schrübelen» sie an ihren Mopeds herum und gehen auf Ausfahrten. «Es wird natürlich auch ordentlich Bier und Wein vernichtet, gut gegessen und vor allem viel gelacht. Wir wollen gemeinsame Abenteuer erleben, wie eine richtige ‹Gäng› eben», erzählt Bucher. «Und während der Touren schieben wir uns gegenseitig die Berge hoch.»

Patrick Bucher, der heute als Anlagenplaner (Verfahrenstechnik und Konstruktion) im Bereich der Gesteinsaufbereitung tätig ist, träumt von einer gemeinsamen Töffli-Tour mit seiner Frau: mit Anhänger und Zelt in Richtung Norden und mit dem Schiff über den Ärmelkanal.

Sieben Fahrer und zwei Fahrerinnen bilden die «LUTown2strokemountaingoats» – von links: Lukas Chapchal, Sandra Jovanovic, Albert Bucher (stehend), Mirjana Bucher und Patrick Bucher.

Sieben Fahrer und zwei Fahrerinnen bilden die «LUTown2strokemountaingoats» – von links: Lukas Chapchal, Sandra Jovanovic, Albert Bucher (stehend), Mirjana Bucher und Patrick Bucher.

(Bild: zvg)

Vom Sturm überrascht

23 Mitglieder stark ist der 2010 gegründete Töffliclub Kolbenhobler. «Vom Handwerker, Jurist oder Dampfschiffführer bis zum CEO ist alles vertreten. Das älteste Mitglied ist 74 und der Jüngste 15 Jahre alt», erzählt Gründungsmitglied Roland Stalder. Sechs Mal hat der 1958 geborene Töffli-Fan schon am Alpenbrevet teilgenommen. Auch seine Fahrerkarriere begann mit 14 Jahren.

«Völlig durchnässt mussten wir im Wald unsere Töfflis über umgefallene Bäume tragen.»

Roland Stalder, Töffli-Fan

Die bisher schönste Tour führte ihn von Luzern nach Pruntrut im Jura und wieder zurück. Einen langgehegten Traum erfüllte er sich im vergangenen Juni mit der Teilnahme am Ötztaler Mopedmarathon, an dem Patrick Bucher im nächsten Jahr auch an den Start gehen möchte. «Dieser Marathon ist eine echte Bewährungsprobe für jeden Fahrer», so Stalder: 239 Kilometer, vier Alpenpässe, 5500 Höhenmeter, Start um 6 Uhr mit etwa 1400 Fahrern aus aller Welt. «Am Abend fand ich, dass es für mich zu weit ist», erzählt er.

Selbst mit einem Töffli sind Kunststücke möglich, wie ein Mitglied des Töfflitreff Wolhusen demonstriert.

Selbst mit einem Töffli sind Kunststücke möglich, wie ein Mitglied des Töfflitreff Wolhusen demonstriert.

(Bild: zvg)

Stalder hat mit seinem Töffli schon so manches Abenteuer erlebt. Zuletzt am achten Juli, als er am GP Mittelland teilnahm. «Wir sind von einem heftigen Sturm überrascht worden und mussten im Wald völlig durchnässt unsere Töfflis über umgefallene Bäume tragen», erinnert er sich.

Neben dem Rumschrauben an den Maschinen und der Freude an gemeinsamen Ausfahrten gehört das Schwelgen in vergangenen Jugendzeiten zur Töffli-Faszination. «Auf dem Töffli fühlst du dich 20 Jahre jünger und die vergangenen Lausbubenzeiten werden wieder präsent», erzählt Patrick Bucher. Das zeigt sich auch in der Töffli-Bekleidung. Während für Patrick Bucher die Trompetenhosen aus seiner Kindheit nicht fehlen dürfen, kommt für Kurt Studer aus Wolhusen nur Jeanshose und Jeansjacke in Frage. «Wie damals halt», sagt er, «die mit den grossen Maschinen tragen Goretex und Leder, wir Kleinen tragen Jeans.»

Das Red Bull Alpenbrevet findet am Samstag, 22. Juli, zum achten Mal statt.

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