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Beim Sorgentelefon steigt die Zahl der Anrufe massiv
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Klaus Rütschi, der Leiter der Dargebotenen Hand Zentralschweiz, spürt die Auswirkungen der Coronakrise auf die Volksseele. (Bild: zvg)

Coronavirus macht Zuger und Luzerner einsamer Beim Sorgentelefon steigt die Zahl der Anrufe massiv

6 min Lesezeit 29.03.2020, 11:45 Uhr

Viele Menschen leiden unter der aktuellen Ausnahmesituation und der damit verbundenen Isolation. Das widerspiegelt sich in den Zahlen der Anrufe, die in diesen Tagen an die Zentralschweizer Regionalstelle des Sorgentelefons 143 gelangen.

Die Welt steht Kopf. Der Alltag wurde durch das drohende Coronavirus «zunderobsi» gebracht. Läden, die nicht lebenswichtig sind, haben dicht gemacht, Jobs können nicht gemacht werden, Unternehmen bangen um ihre Zukunft, die Schweizer, ja fast die ganze Weltbevölkerung, sitzt wie in Melasse gegossen da und harrt der Dinge, die da passieren.

Während das Leben vieler nun heruntergefahren ist, haben andere Hochbetrieb. So auch die Zentralschweizer Regionalstelle des Sorgentelefons 143.

Wie uns der Geschäftsleiter Klaus Rütschi im Interview bestätigt, hat die Zahl der Anrufe in den letzten Wochen deutlich zugenommen.

zentralplus: Herr Rütschi, wenn es der Gesellschaft schlecht geht, merken Sie das vermutlich sehr schnell.

Klaus Rütschi: Tatsächlich. Anfang März waren es bei uns noch 27 Anrufe, die sich auf das Coronavirus bezogen. Eine Woche später schon 56, die Woche darauf 136 und letzte Woche waren es um die 200 Anrufer, deren Sorgen im Zusammenhang mit der Coronakrise standen.

«Ich will nicht, dass Mitarbeiter schlechte Vibes zuhause haben.»

Klaus Rütschi, Leiter Zentralschweizer Regionalstelle 143

zentralplus: Wenn möglich haben nun Unternehmen Homeoffice angeordnet. Ist das beim 143 möglich?

Rütschi: Nein. Wir kennen die Situation bei unseren Beratern zuhause nicht. Die Gefahr, dass sie durch Kinder, Partner oder Haustiere abgelenkt werden und die Anonymität nicht gewährleistet ist, ist gross. Ausserdem haben unsere freiwilligen Mitarbeiter häufig mit sehr belastenden Themen zu tun. Ich finde es nicht gut, wenn sie solche Telefonate beispielsweise im Schlafzimmer machen müssen, da das der einzige Rückzugsort ist. Ich will nicht, dass Mitarbeiter schlechte Vibes zuhause haben. Darum arbeiten wir nach wie vor im Büro. Mit ein paar Anpassungen.

zentralplus: Die da wären?

Rütschi: Mit allen Beratern, die über 65 Jahre alt sind, haben wir die Sache besprochen. Alle, die derzeit das Haus nicht mehr verlassen wollen, wurden natürlich beurlaubt. Ausserdem haben wir angeboten, dass unsere Mitarbeiter die Parkplätze im Bürogebäude nutzen können, damit sie nicht mehr mit dem öffentlichen Verkehr anreisen müssen. Weiter haben wir dafür gesorgt, dass genügend Desinfektionsmittel da ist und dass die Putzequipe explizit dafür sorgt, dass die Telefone, Türklinken, Lichtschalter und ähnliches regelmässig desinfiziert werden. Und für die Mitarbeiter stehen Lebensmittel zur Verfügung, damit sie nicht nach draussen müssen.

zentralplus: Was ist es denn, was die Leute bezüglich Corona beschäftigt?

Rütschi: In vielen Fällen geht es um Einsamkeit. Das ist ein Thema, das grundsätzlich viele Menschen beschäftigt und sich nun natürlich verstärkt. Gerade wenn man Single ist, in einer kleinen Wohnung lebt, gerade nicht arbeiten kann und viel Zeit zum Nachdenken hat. Da fällt vielen die Decke auf den Kopf. Umso schlimmer, wenn man nicht weiss, wie es finanziell weitergehen soll.

«Ich glaube, viele Jüngere trifft es härter als ältere Generationen, da sie sich in ihrer Reisefreiheit viel stärker eingeschränkt fühlen.»

zentralplus: Häufig sind es nicht die Jüngeren, die sich bei der Dargebotenen Hand melden (zentralplus berichtete). Hat sich das in der letzten Zeit geändert?

Rütschi: Ja, absolut. Ich glaube, viele Jüngere trifft es härter als ältere Generationen, da sie sich in ihrer Reisefreiheit viel stärker eingeschränkt fühlen als die Älteren. Alle Pläne für Ostern, kommende Wochenenden, Yogastunden und Ferien sind nun gestrichen. Wenn man zuhause im Homeoffice arbeitet und eben beispielsweise Single ist, kann das tatsächlich zur Belastung werden.

zentralplus: Was kann man einer Person raten, die deshalb unglücklich ist und sich isoliert fühlt?

Rütschi: Das ist tatsächlich herausfordernd. Man kann jemandem, der als Hobby Shopping und Partys angibt, nicht sagen: Dann geh doch in den Wald spazieren und lies ein gutes Buch. Was man in einem solchen Fall jedoch raten kann: Dass man die Zeit nutzt, um mit Freunden, Verwandten und Bekannten den Kontakt telefonisch aufleben zu lassen.

zentralplus: Sie haben es vorhin erwähnt: Die Anrufe haben massiv zugenommen in der letzten Zeit. Gleichzeitig hat 143 schon vor einem halben Jahr erklärt, zu wenig Personal zu haben. Wie können Sie die aktuelle Situation bewältigen?

Rütschi: Das ist eine Herausforderung. Gerade weil wir weniger Leute sind, weil einige ausfallen, die über 65 Jahre alt sind. Doch ist die Solidarität bei den bestehenden Mitarbeitern riesig. Viele leisten mehr Schichten als sonst. Auch melden sich ehemalige, die einspringen während dieser Zeit und über die nötige Ausbildung und technischen Ressourcen verfügen. Auf diese können wir zurückgreifen, falls es nun personell eng werden würde.

zentralplus: Ich gehe davon aus, dass nicht jeder einfach so einspringen kann.

Rütschi: Nein. Tatsächlich ist die Verantwortung relativ gross. Die Freiwilligen kümmern sich ja nicht nur um Menschen, die sich wegen Corona sorgen. Stellen Sie sich vor, wir würden irgendwen einstellen auf die Schnelle, und dann ruft in der Nacht jemand an, der gerade positiv auf HIV getestet wurde oder an einem Brückengeländer steht und zu springen gedenkt. Da ist man völlig überfordert, wenn man nicht ausgebildet ist für so eine Situation.

zentralplus: Gelangen auch Menschen mit medizinischen Fragen an Sie?

Rütschi: Primär wenden sie sich damit schon an die Hotline des Bundesamts für Gesundheit (BAG), doch klar, das kommt vor. Dann fragen wir nach. Unser Ziel ist es, ihnen die Panik zu nehmen. Wenn sich jemand krank fühlt, fragen wir etwa, ob er oder sie bereits Fieber gemessen hat. Wir machen eine Triage, versuchen herauszufinden, ob eine Person mit Erkältungssymptomen nun den Hausarzt anrufen muss oder ob es reicht, wenn sie zuhause Tee trinkt und abwartet. Damit versuchen wir, unsere Partnerorganisationen, also etwa das BAG oder die Notaufnahmen, zu entlasten.

«In den letzten Wochen hatten wir häufig mit Konflikten innerhalb der Familie zu tun.»

zentralplus: Weswegen rufen Leute sonst noch an?

Rütschi: In den letzten Wochen hatten wir häufig mit Konflikten innerhalb der Familie zu tun. Wenn plötzlich ein Elternteil Homeoffice macht, der andere gleichzeitig versucht den Haushalt zu machen und sogar noch Kinder in der Wohnung sind, führt das schnell zu Unstimmigkeiten. Denn die Kinder sind ja nicht einfach still, sondern fordern Aufmerksamkeit.

zentralplus: Was sind da mögliche Lösungsansätze?

Rütschi: Hier macht es etwa Sinn, als Familie mit den Kindern hinzusitzen und das zu bereden. Wo ist mein Bereich, wo kann man gemeinsame Zeit einplanen? Dass die Person, die im Homeoffice ist, sich beispielsweise zwischen 9 und 9.30 Zeit nimmt für die Kinder. Wichtig ist auch, dass die Kinder wissen, dass sie in gewissen Bereichen der Wohnung ruhig sein müssen, bis der Vater oder die Mutter die Regel wieder aufhebt. Solche Strukturen sind sehr wichtig, sonst wird’s schwierig.

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