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Beim «Hatschi» schon mal ganz genau hingeschaut?
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Skizzen zur Mimik des Niesens von Paula Weibel. (Bild: zvg)

Luzernerin studierte «Mimik des Niesens» Beim «Hatschi» schon mal ganz genau hingeschaut?

4 min Lesezeit 27.03.2017, 14:54 Uhr

Die Luzernerin Paula Weibel hat sich intensivst mit dem Niesen beschäftigt. Neben Fotos und Gemälden ist dabei auch ein Video entstanden. Bei der Ausstellung ihrer Maturaarbeit erlebte sie amüsierte, aber auch entsetzte Reaktionen. Verständlich, schaut man sich diese an.

«Gesundheit», sagt man in der Schweiz, in Österreich scherzhaft «Zerreissen soll es dich (und deine Brieftasche soll mich treffen)». Auf Chinesisch reagiert man mit «yǒu rén xiǎng nǐ» beziehungsweise «有人想你» – was so viel heisst wie «Jemand denkt an dich» oder «Jemand vermisst dich».

Gemäss Knigge jedoch sollte man ein Niesen stillschweigend übergehen. Eine schwierige Vorgabe, denn oft ist nicht nur das Geräusch auffällig. Auch die Mimik des Niesenden entgleist in komödiantischer Manier.

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Mit dem Niesen kann man sich auch länger beschäftigen

Genau diesen Moment, diese seltsamen Muskelzuckungen und verzogenen Gesichter wollte sich die Luzerner Schülerin Paula Weibel genauer anschauen. «Was passiert mit unserer Mimik, wenn wir niesen? Wie verziehen wir unser Gesicht? Wie kann man das Gefühl, welches man während des Niesens verspürt, darstellen?» So weit die Fragen, die sich Weibel für ihre Maturaarbeit stellte. «Das Niesen ist etwas Banales und Alltägliches, dem deshalb höchstens mit einem ‹Gesundheit› Beachtung geschenkt wird. Diese Arbeit sollte dies ändern», so Weibel.

«Ich will den Leuten mitgeben, dass in einem kleinen alltäglichen Moment Faszinierendes liegen kann.»
Paula Weibel

Doch wie kommt man darauf, sich monatelang in dieses Thema zu vertiefen? Die Idee sei ihr durch einen Fotobeitrag in einer Zeitschrift gekommen, erzählt Weibel. «Der Beitrag eines Fotografen, welcher verschiedene Testpersonen vor die Kamera setzte und ihnen ein extrem saures Bonbon gab, hat mich sehr beeindruckt. Dabei ist eine spannende Fotoserie mit krassen Gesichtsausdrücken entstanden.»

Danach habe sie sich gefragt, wie wir Menschen denn unsere Gesichter verziehen, während wir niesen. «Als Ziel für meine Maturaarbeit legte ich schliesslich fest, wirkungsvolle Gesichtsausdrücke beim Niesen festzuhalten.» Das Ziel war, sich in diesen kleinen Teilbereich der Mimik zu vertiefen und unterschiedliche Werke zum Thema zu gestalten. Im Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung sollten die Bewegung, der Ablauf und die Wucht des Ausbruches stehen.

 

Ausgelöste Fotografie im Moment explosiven Ausbruche.

Ausgelöste Fotografie im Moment des explosiven Ausbruchs.

(Bild: zvg/ Paula Weibel)

Künstlerischer Ansatz

Weibel ging das Thema aus einer künstlerischen Perspektive an. Mit selber angefertigten Zeichnungen, Malereien, Fotografien, Filmaufnahmen und Plastiken aus Ton erarbeitete sie die Mimik beim Niesen in gestalterischer Form.

Das Niesen

Niesen wird durch einen Reiz an der Nasenschleimhaut oder einen Reflex ausgelöst. Dabei kommt es zu einem explosionsartigen Ausstossen von Luft durch die Nase und oft gleichzeitig auch durch den Mund.

Das Niesen läuft in drei Phasen ab. In der ersten wird tief eingeatmet. Nachdem in der zweiten Phase der Atem kurz angehalten wird, ziehen sich in der dritten Phase die Muskeln des Bauches und der Brust schlagartig zusammen. Dabei wird die eingeatmete Luft wieder ausgestossen. Die Luft kann dabei beim Menschen Geschwindigkeiten von über 160 km/h erreichen.

Die grosse Vielfalt der Arbeiten fängt verschiedene Aspekte des Moments ein. «Zugleich sind sie Ausdruck davon, wie wir uns heute die Welt aneignen: mehrperspektivisch und multimedial», heisst es in der Würdigung ihrer Arbeit.

Die erste Arbeit bestand darin, sich in bereits existierende Arbeiten und Literatur zu vertiefen. «Ich habe recherchiert, welche Künstler oder Naturwissenschaftler sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt haben.» Die Ergebnisse der Recherche dienten ihr anschliessend für erste Entwürfe zur Mimik.

Ausgehend von diesem Bildmaterial habe sie versucht, auf unterschiedliche und spielerische Weise das Niesen darzustellen, zum Beispiel durch Skizzieren von Abläufen oder Zusammenstellen von mehreren Gesichtern. «Nach dem Herantasten ans Thema nahm ich Fotos und Filme von Personen beim Niesen auf.» Diese Aufnahmen bildeten anschliessend die Grundlage für das Darstellen des Niesens auf Leinwänden und in Plastiken aus Ton.

Gewaltiger Ausbruch, Gouache auf Leinwand, 70×50 cm von Paula Weibel

Gewaltiger Ausbruch, Gouache auf Leinwand, 70 × 50 cm von Paula Weibel.

(Bild: zvg)

Doppelt ausgestellt

Im vergangenen Herbst realisierte Paula Weibel eine Ausstellung, um die Sammlung einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen und darauf aufmerksam zu machen, dass auch im Alltag viel Spannendes liegen kann, wenn man genauer hinsieht. Nochmals ausgestellt wurde die Arbeit von Paula Weibel beim Projekt «Fokus Maturaarbeit» – und war damit unter den 36 ausgewählten Arbeiten, welche an der Universität Luzern noch bis zum 31. März ausgestellt sind.

«Je nach Werk schwankte die Reaktion von Lachen bis Entsetzen.»

Die Reaktionen der Besucher seien extrem unterschiedlich ausgefallen, erzählt Weibel. «Je nach Werk schwankte die Reaktion von Lachen bis Entsetzen.» Beim Video mit den niesenden Personen hätten viele zu lächeln begonnen, das Gemälde «Gewaltiger Ausbruch» hingegen löste eher Ausdrücke des Ekels aus.

Die Leinwand «Bewegtes Hatschi» sei bei der Ausstellung ein Blickfang und Lieblingsbild vieler Besucher gewesen. «Vielen war nicht bewusst, was für extreme und komische Grimassen im Moment des Niesens gezogen werden», so Weibel.

Um die Nieser auf Video zu bannen, habe sie so einiges ausprobiert, so Weibel. «Pfeffer, Schnupftabak, Grashalme und Wattestäbchen. Das effektivste und angenehmste war schliesslich das Kitzeln in der Nase mit einem Wattestäbchen oder Grashalm. Davon mussten die meisten niesen. Der Pfeffer hat hingegen mehr gebrannt als gereizt.»

Bewegtes «Hatschi», Gouache auf Ton und Leinwand, 70×50 cm von Paula Weibel

Bewegtes «Hatschi», Gouache auf Ton und Leinwand, 70 × 50 cm von Paula Weibel.

(Bild: zvg)

Wie beim Gähnen?

Mehrere Personen hätten ihr während der Ausstellung gesagt, dass sie selber das Bedürfnis hätten, beim Betrachten der Arbeiten zu niesen. «Es wirke vor allem in den Filmaufnahmen von niesenden Personen erleichternd», sagt Weibel.

Sie habe die Reaktionen der Besucher sehr genossen, sagt Weibel: «Besonders, weil diese etwas mitnahmen, in Form von Beachtung und Erinnerung an einen alltäglichen Moment.» Und das habe sie den Leuten vor allem mitgeben wollen: «Dass in einem kleinen alltäglichen Moment Faszinierendes liegen kann.»

Paula Weibel bei der Präsentation ihrer Skulpturen.

Paula Weibel bei der Präsentation ihrer Skulpturen.

(Bild: zvg)

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