«Beim FCL war auf dem Platz die totale Stille»
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FCL-Goalie Marius Müller feiert auf dem Rücken von Pascal Schuerpf und mit den Teamkollegen Stefan Knezevic (links) und Francesco Margiotta den Sieg zum Rückrunden-Auftakt in Zürich. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Warum Marius Müller in der Schweiz angekommen ist «Beim FCL war auf dem Platz die totale Stille»

7 min Lesezeit 09.03.2020, 10:40 Uhr

Marius Müller hat den FC Luzern seit seiner Ankunft im letzten Sommer geprägt wie kein zweiter Einzelspieler. Der 26-jährige Deutsche redet über seinen Führungsanspruch und warum er um die Zusammenarbeit mit dem neu verpflichteten FCL-Trainer Fabio Celestini froh ist. Der zweite Teil unseres grossen Interviews.

Mit seinen Paraden und seiner Persönlichkeit hat Marius Müller grossen Anteil am sportlichen Aufschwung der Luzerner in der Rückrunde. Im 2020 ist der FCL noch ungeschlagen. Innerhalb von wenigen Monaten hat sich der Deutsche zum Publikumsliebling aufgeschwungen (zentralplus berichtete).

Hinweis: Das ist der zweite Teil unseres grossen Interviews mit Marius Müller. Den ersten Teil findest du hier.

zentralplus: Wie spürten Sie als Torhüter Nummer 3, dass der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel gekommen war, um aus der Versenkung zu kommen? Und dass der FC Luzern die richtige Adresse für den nächsten Karriereschritt ist?

Müller: Der Begriff Versenkung trifft meine Situation in der letzten Saison ziemlich gut. Ich war in Deutschland nirgendwo mehr auf dem Schirm und im Regelfall ist man als dritter Torhüter zwischen 18 und 20 Jahre alt. In Leipzig war ich es mit 25. Wir alle hätten uns auf der Basis der täglichen Arbeit, die wir geleistet haben, den Nummer-1-Status verdient. Für mich standen die Zeichen in Leipzig aber auf Abschied, weil ich keine Chance sah, zu Spielpraxis zu kommen. Darum wollte ich raus und setzte mich mit meinem Berater und meiner Frau zusammen, um die Angebote durchzugehen.

«Du musst liefern, um diesem Anspruch zu genügen.»

FCL-Goalie Marius Müller

zentralplus: Und was sprach letztlich für den FCL?

Müller: Meine Frau und ich sagten uns, warum sollten wir nicht mal ins Ausland gehen, auch wenn es das angrenzende ist. Aber es ist eine andere Erfahrung. Und ich hatte auch keine Lust mehr auf zweite Liga. Da komme ich nicht mehr weiter und aus der 1. Bundesliga hat sich nichts ergeben. Für die Schweiz sprach die Torhüter-Schule, die sich in der Bundesliga zeigt. Und darum bin ich mit meinem Transfer nach Luzern richtig glücklich.

zentralplus: Aber Sie sind ja nicht nur aus der Versenkung des Fussballs getreten, Sie haben ja bei Ihrem Jobantritt in Luzern auch gleich einen Führungsanspruch im Team angemeldet. Woher kommt das? Ist das angeboren?

Müller: Du musst liefern, um diesem Anspruch zu genügen. Aber ich bin von einem Verein mit grossen Spielern gekommen. Da haben die Spieler der anderen Mannschaften ein riesiges Interesse daran, dich auszufragen, wie ein Timo Werner und all die andern im Training sind. Das hat mir geholfen, mich zu etablieren im Team und viel Erfahrung weiterzugeben. Zudem habe ich auch das eine oder andere Spiel in Deutschland gemacht und wusste, was meine Stärken sind.

zentralplus: Trotzdem waren Sie im fussballerischen Bewusstsein der Luzerner keine feste Grösse.

Müller: Ja, und ich muss zugeben, dass es nicht einfach war für mich, weil es zwei Wochen nach meiner Ankunft in Luzern ja schon losging und ich die ganze Saison davor nicht gespielt hatte. Darum konzentrierte ich mich erst mal auf die Grundlagen des Spiels, keine unnötigen Fehler zu machen und das eine oder andere Mal defensiver im Tor zu bleiben bei hohen Bällen. So gewöhnte ich mich daran, wieder regelmässig und gut zu spielen.

zentralplus: Das haute ganz gut hin.

Müller: Ja, das haben wir peu à peu gesteigert, um noch mehr Verantwortung auf dem Platz zu übernehmen.

«Ehrlichkeit ist eine elementare Grundvoraussetzung in einem Team. Nur so kannst du Erfolg haben.»

zentralplus: Aber ohne Persönlichkeit geht der Plan nicht auf.

Müller: Das ist schon so. Ich glaube, dass ich eine Vorstellung von Profi-Fussball und vom Zusammenleben habe. Und dass ich ein grundehrlicher Mensch bin. Ich sage offen und direkt meine Meinung, egal, wen es trifft. Ob jetzt ein Ralf Rangnick oder ein Mitspieler mir gegenüberstand, so habe ich es knallhart gesagt, wenn ich in irgendeinem Punkt nicht überzeugt war. Das ist mir bestimmt schon zum Verhängnis geworden, aber auf lange Sicht bringt mich diese Haltung weiter. Ehrlichkeit ist eine elementare Grundvoraussetzung in einem Team. Nur so kannst du Erfolg haben.

zentralplus: Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie zu einer Mannschaft wie dem FC Luzern stiessen, der es an Leaderfiguren mangelt?

Müller: Es war keine Umstellung, aber ich war noch mehr gefordert – obwohl es natürlich mit Dave Zibung, Pascal Schürpf oder Christian Schwegler schon Leader im Team hatte. Wenn du in Leipzig auf dem Trainingsplatz stehst, dann ist Palaver, jeder gibt Kommandos, da ist richtig Leben drin. Dann habe ich hier die ersten paar Trainings gemacht und die Vorbereitungsspiele gegen Crystal Palace und Frankfurt – und da war komplette Stille auf dem Platz. Das war schon wichtig, dass ich da das Wort ergriffen habe.

zentralplus: Ein regelrechter Kulturschock für Sie?

Müller: Nein, in den ersten Gesprächen mit Sportchef Remo Meyer wurde ich darauf vorbereitet. Er sagte mir klipp und klar, dass er von mir erwartet, dass ich Verantwortung übernehme. Darum war mir von allem Anfang an klar, dass ich intensiver rein muss. Aber mit dem neuen Trainer Fabio Celestini, der auf Kommunikation auf dem Platz grossen Wert legt, sind wir schon weiter, als wir es in der Vorrunde waren. Mittlerweile haben die Jungs gelernt, sich gegenseitig Kommandos zu geben, um sich das eigene Spiel zu erleichtern.

zentralplus: Sie sind einer der lautesten Verfechter des auf die Rückrunde hin neuverpflichteten FCL-Trainers Fabio Celestini. Ist die Interpretation falsch, dass Sie nach einem halben Jahr der Zusammenarbeit mit Vorgänger Thomas Häberli erlöst wurden?

Müller: «Erlöst» ist sicher die falsche Bezeichnung. Meine bisherigen Trainer kann man nicht miteinander vergleichen. Thomas Häberli hat seinen Spiel- und Coaching-Stil und Fabio Celestini einen anderen. Jeder Trainer und Spieler hat seinen eigenen Stil und unterschiedliche Qualitäten. Aber ich glaube, dass Celestinis Stil mit mehr Verantwortung, Mut zum Risiko und einem klaren Plan besser zu uns passt.

zentralplus: Was war konkret der Unterschied zu Häberli?

Müller: Er gab uns Spielern viel mehr Freiheiten und überliess allen mehr Gestaltungsspielraum, gerade unseren Mittelfeldspielern. Aber ich glaube, uns ist mit einem klaren Plan mehr gedient. Wenn die Sechser genau wissen, was die zwei Aufgaben und Optionen je nach Spielsituation sind und sie sich dementsprechend auf die Lösung des Problems konzentrieren können.

«Das ist die moderne Vorstellung von Fussball und bringt mich enorm weiter.»

zentralplus: Aber auch Ihre Aufgabe als Torhüter hat sich mit den Vorstellungen von Celestinis Fussball verändert.

Müller: Das kann ich schlecht verneinen, weil ich zum ersten Mal einen Trainer habe, der den Torwart von hinten heraus in sein Spiel einbezieht und du als Torwart mehr Risiko eingehen musst. Manchester City, Neapel oder Real Madrid machen es in der Champions League vor: Der moderne Torhüter ist das, was vor Jahrzehnten der Libero war. Aber das ist die moderne Vorstellung von Fussball und die bringt mich enorm weiter.

zentralplus: Inwiefern?

Müller: Das Spiel mit dem Fuss ist die grösste Baustelle, die ich noch hatte, um ein solider und kompletter Torhüter zu werden. Da bin ich gut und gerne drei Schritte weiter, als ich es noch vor zwei Monaten war. Und wenn wir den Weg zusammen weitergehen bis im Sommer, bin ich überzeugt, dass ich in dieser Disziplin richtig gut werde. Dann kann es mir egal sein, ob ich irgendwann auf einen Cheftrainer treffe, der lange Bälle von mir verlangen wird. Dann kann ich sagen: «Alles klar, das spiele ich.» Und wenn ein Chef Fussball will, kann ich sagen: «Kein Problem, das mache ich.» Darum bin ich froh um die Zusammenarbeit mit Fabio Celestini.

zentralplus: Sie sind jetzt schon der wohl beste Torhüter der Super League. Wann wird Ihnen die Liga zu klein?

Müller: Das habe ich mir in diesem Kontext noch nie überlegt: Ein gutes Jahr reicht, damit dir in diesem Business viele Türen aufgehen – einem Feldspieler noch mehr als einem Torhüter. Natürlich wurde ich auch schon gefragt von Journalisten, wie es für nächste Saison mit einem Transfer aussieht. Darüber wird viel spekuliert. Zurzeit bin ich glücklich, dass ich in Luzern bin. Aber getreu meinem Anspruch, ehrlich zu sein, muss ich auch sagen: Wenn irgendwann ein Verein kommen sollte, der für mich den nächsten Karriereschritt bedeuten sollte und bei dem ich auch zum Spielen komme, wäre ich blöd, wenn ich nicht wechseln würde.

zentralplus: Zunächst auch als Nummer 2?

Müller: Ich werde nirgendwohin gehen, um als Nummer 2 auf die Bank zu sitzen. Als Deutscher träumt man natürlich davon, in der 1. Bundesliga zu spielen. Auf der Bank war ich schon, das ist zwar schön, aber auch nicht weltbewegend. Dann lieber die Nummer 1 in der Schweizer Super League, die nun wirklich keine schlechte Meisterschaft ist.

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