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Bei lauten Elektroautos bleibt Luzerner Ständerat nicht leise
  • Politik
Ständerat Konrad Graber hadert mit der neuen Gesetzgebung. (Bild: zvg)

Konrad Graber reibt sich an neuem Autogesetz Bei lauten Elektroautos bleibt Luzerner Ständerat nicht leise

4 min Lesezeit 3 Kommentare 22.07.2019, 05:00 Uhr

Neu zugelassene Elektroautos dürfen nicht mehr nur leise fahren: Bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern müssen sie zum Schutz der Fussgänger Lärm erzeugen. «Das ist doch schizophren», sagt der Luzerner Ständerat Konrad Graber.

Sanft und fast geräuschlos gleitet der Wagen dahin. Kein Auspuff, der röhrt, und kein Motor, der brummt. Das Elektromobil von Konrad Graber, mit dem der Christdemokrat rund 5’000 Kilometer im Jahr zurücklegt, ist ein Leisetreter.

Ganz anders der Chauffeur: Der 61-jährige Luzerner Ständerat gerät in Wallung und kocht, wenn er an eine neue europäische Verordnung denkt, die diesen Monat in Kraft trat: Die Schweiz muss aufgrund der bilateralen Verträge eine europäische Fahrzeugvorschrift übernehmen. Diese besagt, dass ab Juli 2019 in neuen Typen von Hybrid- und reinen Elektrofahrzeugen ein akustisches Warnsignal eingebaut werden muss, das sogenannte Acoustic Vehicle Alerting System (Avas).

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Wie zwitschernde Vögel

Klingen sollen die neuen E-Autos ähnlich wie benzin- oder dieselbetriebene Fahrzeuge. Das dürfte sich weltweit durchsetzen, auch wenn japanische Autobauer bereits dabei waren, ihre Elektrofahrzeuge wie Vögel zwitschern zu lassen. Dieser künstlich erzeugte Fahrlärm ist allerdings nur bei geringer Geschwindigkeit zu hören: Vorgesehen ist, dass die moderaten Geräusche oberhalb einer Geschwindigkeit von etwa 20 Stundenkilometern automatisch abgeschaltet werden, da dann die Reifengeräusche dominieren.

«Da wollen die Menschen endlich Ruhe in der Stadt – und dann das.»

Konrad Graber, Luzerner Ständerat

«Es grenzt an Schizophrenie, künstlich Lärm zu erzeugen, wenn doch bereits der bestehende Verkehrslärm gesundheitsschädigend und stressfördernd wirkt», sagt Konrad Graber. Gemäss dem Bundesamt für Statistik ­leidet tagsüber jede siebte Person und in der Nacht jede achte Person unter Strassenverkehrslärm. Von wegen: Strom – die leise Energie. Graber: «Da wollen die Menschen endlich Ruhe in der Stadt – und dann das.» Er fragt sich, wo da der Fortschritt bleibe.

Fährt mit Strom und leise: Elektromobil i3 von BMW, wie Graber eines hat.
(Bild: zvg/BMW)

Der Luzerner Ständerat Graber fragte deshalb beim Bundesrat nach: «Gibt es wissenschaftliche Nachweise, wonach ein höheres Unfallrisiko zwischen Elektrofahrzeugen und Fussgängerinnen und Fussgängern besteht?» Der Bundesrat musste zugeben: «Es liegen noch keine aussagekräftigen Statistiken zum spezifischen Unfallrisiko von Elektrofahrzeugen vor.»

Studien hätten jedoch gezeigt, dass leise Fahrzeuge von Fussgängerinnen und Fussgängern tendenziell später wahrgenommen werden. «Dadurch verkürzt sich die Reaktionszeit, was wiederum die Unfallgefahr erhöht. Dies ist auch der Grund, weshalb sich speziell Blindenverbände entschieden für die Einführung von Geräuschgeneratoren in leisen Strassenfahrzeugen ausgesprochen haben.»

«Das versteht kein Mensch.»

Konrad Graber schüttelt den Kopf. «Das versteht kein Mensch.» Und er erst recht nicht, hat er doch seit Verfügbarkeit von elektrogetriebenen Fahrzeugen umgesattelt: vorerst auf einen Opel E-Ampera mit Benzin-Zusatzmotor und seit drei Jahren auf sein E-Mobil, einen BMW i3, den er mit Strom aus seiner eigenen Solaranlage tankt.

«Ich hoffe nicht, dass dies die Ausbreitung der Elektromobilität behindert.»

Simonetta Sommaruga, Verkehrsministerin

Und Graber hat ausserdem Bedenken, ob das die Welle der Verkäufe von Elektromobilen nicht ausbremse. Das befürchten auch andere, gewichtige Stimmen im Lande: «Ich hoffe nicht, dass dies die Ausbreitung der Elektromobilität behindert», liess Simonetta Sommaruga, Verkehrsministerin, verlauten.

Doch der Bundesrat bleibt hartnäckig: «Mit dem Ziel des Abbaus technischer Handelshemmnisse hat sich die Schweiz im Rahmen der bilateralen Verträge mit der EU verpflichtet, europäische Fahrzeugvorschriften anzuerkennen.» Ausnahmen seien zwar möglich, wenn ein Produkt ein erhebliches Risiko für die Sicherheit im Strassenverkehr darstelle oder die Umwelt oder die öffentliche Gesundheit ernsthaft gefährde. Dennoch: «Geräuschgeneratoren sollen zur Verkehrssicherheit beitragen und gleichzeitig nicht zu einem höheren Geräuschpegel als herkömmliche Fahrzeuge führen.»

Einsatz von Geräuschgeneratoren

Der Bundesrat begründet: «Der Schutz der Bevölkerung vor Strassenlärm ist dem Bundesrat ein ebenso grosses Anliegen wie die Verkehrssicherheit.» Deshalb sei es wichtig, dass der Einsatz von Geräuschgeneratoren in Elektroautos verhältnismässig erfolgt. «Im Geschwindigkeitsbereich zwischen 0 und 20 Stundenkilometern ist ein Elektroauto mit Geräuschgenerator zwar etwas lauter als ein Elektroauto ohne Geräuschgenerator.» Es gelte, die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten und die Lärmbelastung möglichst zu minimieren. 

Ständerat Graber wundert sich: «Täglich leiden wir unter dem Verkehrslärm, und nun sollen leise Elektroautos mit geräuschmachenden Lautsprechern ausgerüstet werden, um Fussgänger zu schützen. Dabei sind die meisten dieser Autos inzwischen doch schon so intelligent, dass sie ohne Zutun des Fahrers auf Fussgänger, Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer achten.»

Moderne Elektromobile passen die Geschwindigkeit automatisch an, wenn ein Fussgänger, ein Kind oder ein Fahrradfahrer in Sicht kommt, und reagieren im Notfall wesentlich schneller, als der Fahrer selber dies könnte. Allerdings sind nicht alle im Verkehr befindlichen Elektromobile so modern ausgerüstet.

Wer aber wie Konrad Graber ein Elektroauto mit Autopilot fährt, wird eine solche Vorschrift deshalb als absolut unnötig erachten. Fahrräder, insbesondere Elektrofahrräder, die mit bis zu 40 Stundenkilometern unterwegs sind, sind mitunter weitaus gefährlicher für Fussgänger.

Fussgänger müssen vermehrt schauen

Wie wäre es, fragt sich Graber da berechtigt, wenn Fussgänger wieder vermehrt schauen würden – weil hören tun je länger je weniger: Viele, vor allem Junge, haben beim Laufen eh Sound im Ohr oder bearbeiten selbst beim Queren der Fussgängerstreifen ihr Handy. Dann nämlich könnte es doch noch heissen: Strom – die leise Energie.

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3 Kommentare
  1. Martin Abele, 28.07.2019, 22:36 Uhr

    Ich habe grosse Achtung vor Ständerat Graber. Dass er aber die Sorgen und Bedürfnisse der blinden und sehbehinderten Menscheb derart ignoriert, befremdet mich sehr. Ziemlich zynisch ist in diesem Zusammenhang seine Aufforderung, die Fussgänger sollten wieder vermehrt „schauen“.

  2. Armin Steeler, 23.07.2019, 19:19 Uhr

    Ich wohne in der Luzerner Innenstadt. Die Lebensqualität sinkt seit Jahren, da wir immer mehr Autoposer haben. Nun kommen endlich die Elektroautos und die Menschheit versieht sie mit Lautsprechern. Niemand hört die Autos weil alle Fussgänger Stöpsel im Ohr haben und die Fahrräder sind genau so gefährlich, kriegen die jetzt dann auch noch Lautsprecher? Die Menscheit beweist einmal mehr die totale Verblödung der Gesellschaft.

  3. e-driver, 22.07.2019, 13:16 Uhr

    Die Lärm Verordnung wurde aufgrund theoretischer Kollisionsgefahren erlassen. Klingt nach einem schnellen Hüftschuss als nach wohlüberlegtem Gesetzeserlass. Alle Verkehrsteilnehmer bedanken sich schon vorab für die künstliche und übertriebene Lärmkulisse. Moderne E-Autos sind ja schon mit Kollisionsassitenten ausgestattet, was die Lärmemission völlig überflüssig macht und E-Auto Fahrer sind sich bewusst, dass sie leise fahren und sind entsprechend umsichtig. Ein flotte Fahrradfahrer oder neuerdings Scooterfahrer sind eher die Gefahr, weil die Gehsteige befahren. Bleibt die Hoffnung, dass diese Verordnung in einiger Zeit wieder fallen gelassen wird.

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