Behörden nehmen Leben einer Luzerner Künstlerin unter die Lupe
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Weisswein zu trinken gehört an gesellschaftlichen Anlässen oft einfach dazu. (Bild: Pixabay)

Nach Blaufahrt Behörden nehmen Leben einer Luzerner Künstlerin unter die Lupe

4 min Lesezeit 8 Kommentare 09.11.2020, 05:01 Uhr

Wer Alkohol getrunken hat, darf sich nicht ans Steuer setzen. Eine Luzerner Künstlerin kann ein Lied davon singen, was passiert, wenn man diese Regel nicht ernst nimmt. Ein Gutachter rechnete Glas für Glas vor, wie viel sie in den Monaten vor einer Blaufahrt getrunken hatte.

An einer Vernissage oder einer Premiere gehört er einfach dazu: der Weisswein beim Apéro. An gesellschaftlichen Anlässen ist das Trinken von Alkohol eine Selbstverständlichkeit – und so mancher setzt sich danach trotzdem ans Steuer.

Die Auswirkungen können verheerend sein. Doch selbst wenn es nicht zu einem Unfall kommt, sind die Folgen einer Trunkenfahrt sehr unangenehm.

Eine Künstlerin aus Luzern erlebte das am eigenen Leib. Im Sommer 2019 fiel sie einer Patrouille der Luzerner Polizei durch eine unsichere Fahrweise auf. Als sie angehalten wurde, fiel den Polizisten ein leichtes Lallen auf. Umgehend wurde die Frau zum Alkoholtest auf den Polizeiposten gebracht.

Das Ergebnis zeigte 0,8 Milligramm Alkohol im Blut – was 1,6 Promille entspricht. Bei einem so hohen Wert muss das Strassenverkehrsamt zwingend abklären, ob die Person überhaupt noch geeignet ist, Auto zu fahren.

Nach Hause musste die Frau danach zu Fuss gehen, der Fahrausweis wurde ihr umgehend abgenommen. In den nächsten Wochen und Monaten wurde das Leben der Künstlerin penibel unter die Lupe genommen.

Peinlich genaue Fragen, nüchterne Fakten

Zunächst wurde sie von einem Gutachter befragt. Dieser wollte unter anderem genau wissen, wie viel Alkohol sie üblicherweise trinkt, wann sie das tut, ob sie noch andere Drogen usw. Danach untersuchte er ihre Haare nach Spuren von Alkoholmissbrauch.

Die Frau räumte ein, dass sie üblicherweise an zwei bis drei Tagen in der Woche etwa zwei bis drei Gläser Wein getrunken habe. Manchmal sei es ein bisschen mehr, manchmal etwas weniger – meistens im gesellschaftlichen Rahmen.

Der Gutachter aber rechnete genau nach. Er stellte in den Haaren Überreste eines Stoffes fest, der beim Alkoholabbau entsteht. Und zwar in einer Menge, die auf einen starken und chronischen Konsum hinweist. Konkret: auf fast eine Flasche Wein pro Tag.

Ein «unverzeihlicher Blödsinn»

Wenn andere im eigenen Leben rumschnüffeln, ist das mehr als unangenehm. Und so unternahm die Frau denn auch alles, um das zu ändern. Noch bevor das Gespräch mit dem Gutachter stattfand, hatte sie beschlossen, auf Alkohol zu verzichten. Ein «Blödsinn» und «unverzeihlich» sei es gewesen, an jenem Abend noch ins Auto zu steigen, sagte sie über ihre Blaufahrt.

Nach einem halben Jahr zeigte eine erneute Haaranalyse, dass die Frau Wort gehalten hatte. Keinen Tropfen Alkohol hatte sie mehr angerührt. Schwer war ihr das nicht gefallen – und auch der Gutachter attestierte, dass keine Sucht vorliegen würde.

Die Frau bekam den Fahrausweis zurück. Das Strassenverkehrsamt allerdings traute der Sache nicht ganz. Es machte ein weiteres halbes Jahr Abstinenz zur Bedingung.

Wie weit darf die Kontrolle gehen?

Das jedoch ging der Künstlerin zu weit. Sie beschwerte sich am Kantonsgericht und verlangte den Fahrausweis zurück – ohne Wenn und Aber. Das Gutachten habe ihre Fahrfähigkeit bestätigt und ihr attestiert, nicht alkoholsüchtig zu sein. Eine weitere Abstinenzkontrolle sei daher unverhältnismässig.

Das Strassenverkehrsamt machte geltend, dass zur Überwindung einer Sucht gemäss Bundesgericht eine langjährige Behandlung und in solchen Fällen eine bis zu dreijährige Totalabstinenz angemessen sei.

Das Kantonsgericht jedoch sieht das anders. Das Gutachten habe eben gerade keine Gefahr einer Suchtentwicklung festgestellt. Dass die Frau bei der Blaufahrt gelallt habe, sei ein Indiz dafür, dass sie nicht besonders trinkfest sei.

Massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte

Die Künstlerin habe sich von Anfang an einsichtig gezeigt und ihr Verhalten geändert. Das müsse man ihr zugutehalten. Bei der Blaufahrt handle es sich um einen «einmaligen, wenn auch groben Ausrutscher», heisst es im Urteil.

Weitere Kontrollen seien in diesem spezifischen Fall nicht mehr verhältnismässig. Die Frau hat ihren Fahrausweis also wieder zurück. Die ganze Geschichte zog sich letztlich über ein Jahr hin und war – wie das Kantonsgericht einräumt – mit massiven Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte verbunden. Dies ist jedoch aus Sicht der Richter gerechtfertigt, um zu verhindern, dass die Frau so weitermacht – und damit sich und andere gefährdet.

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8 Kommentare
  1. Luc Bamert, 09.11.2020, 16:34 Uhr

    Das Urteil des Kantonsgerichts erstaunt ebenso wie die Begründung dafür. Bei 1,6 Promille lallen doch nicht nur „nicht besonders Trinkfeste“. Da hat die Dame viel Glück gehabt, die Praxis des Bundesgerichts ist viel strenger, wie es auch im Artikel steht. Eingriffe in die Privatsphäre sind in solchen Fällen völlig normal, da soll niemand jammern.
    Bei Kokainverdacht – es muss nicht einmal unsichere Fahrweise vorliegen – reichen bei einer Routineverkehrskontrolle leicht flackernde Augen oder Gesichtsröte, um das nächste Spital aufzusuchen. Erhärtet sich der Verdacht, ist der Schein weg, die Busse fällt happig aus, und es geht monatlich zum Arzt zur teuren Haarprobe. Die Spuren sind monatelang nachzuweisen, auch bei einmaligem Konsum. Ein Jahr Ausweisentzug ist das absolute Minimum.

    1. Paul Bründler, 09.11.2020, 20:59 Uhr

      @Bamert: Und das freut Sie so richtig?

    2. Luc Bamert, 10.11.2020, 18:41 Uhr

      @Herr Bründler: Nein. Aber ich halte strenge Massnahmen für angebracht, da es im Strassenverkehr um Menschenleben, Schwer- und Schwerstverletzte geht. Ich fahre Auto und Velo, und sollten Sie annehmen, ich sei ein Linker, so liegen Sie falsch.

  2. Sandra, 09.11.2020, 12:13 Uhr

    …… wenn sie sich an die Regeln hält, hat sie ja nichts zu befürchten.
    Und NEIN, Frau Berger, an Aperos gehört Alkohol NICHT automatisch dazu – es wir auch Orangensaft und Wasser angeboten!
    Ich bin nun ü70, an unzähligen Aperos dabei gewesen und nie Alk gehabt. Den kann ich mir daheim zum Essen gönnen, oder mit dem Taxi heimfahren.

    1. Redaktion Lena Berger, 09.11.2020, 12:57 Uhr

      Merci für den Kommentar. Ich persönlich war noch nie zu einem Apero geladen, an dem kein Weisswein angeboten worden wäre. Deshalb habe ich geschrieben, dass er „dazu gehört“. Dass es daneben auch Orangensaft und Mineral im Angebot hat, habe ich nicht bestritten. Das hört ja mittlerweile – zum Glück – ebenfalls dazu.

  3. Paul Bründler, 09.11.2020, 09:35 Uhr

    Ich finde das ziemlich übertrieben, mit welchen Stasi Methoden die Behörden hier vorgehen.
    Wein gehört seit jahrtausenden zu unserer Kultur.
    Was soll dieses Wühlen im Leben der Person?
    Klar, Ausweisentzug ist hier sicher angebracht, v.A. wenn die Fahrweise negativ auffällt.
    Aber alles andere ist mMn „Stasi-Stil“.

  4. Max Barmettler, 09.11.2020, 08:17 Uhr

    Diese Massnahmen des Strassenverkehrsamts gelten für alle. Nicht nur für die Künstlerin, sondern auch für den Büezer, der aufs Auto angewiesen ist. Sollte im Artikel Diskriminierung insinuiert werden, so ist das falsch.

    1. Redaktion Lena Berger, 09.11.2020, 08:49 Uhr

      Vielen Dank für den Kommentar. Ob Künstlerin, Arzt, Feuerwehrfrau, Sanitär oder Zügelunternehmerin – selbstverständlich gelten die Regeln für alle. Der Beruf der Frau wurde nur erwähnt, weil ich nicht immer «Luzernerin» oder «die Beschuldigte» schreiben wollte. Ausserdem wollte ich auch nicht die «xy-Jährige» schreiben, weil ich nicht will, dass die Leser erkennen können, um wen es sich handelt.

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