Beat Züsli: «Wenn wir unterliegen, wäre ein grosser Teil der Arbeiten vergebens gewesen»
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Stadtpräsident Beat Züsli (SP) vor dem Luzerner Theater. (Bild: Archivbild: pze)

Luzerner Theater soll abgerissen werden Beat Züsli: «Wenn wir unterliegen, wäre ein grosser Teil der Arbeiten vergebens gewesen»

6 min Lesezeit 3 Kommentare 23.10.2020, 14:43 Uhr

Die Verantwortlichen für das neue Luzerner Theater übergehen die Einwände hinsichtlich Ortsbildschutz und lancieren einen Architekturwettbewerb für einen Neubau. Stadtpräsident Beat Züsli spricht im Interview über die Beweggründe und das «Worst-Case-Szenario».

zentralplus: Die Projektierungsgesellschaft hält an einem Neubau fest – trotz gewichtigen Einwänden. Durchaus ein mutiger Schritt.

Beat Züsli: Ja, das trifft sicher zu. Es ist ein wichtiger Schritt, denn wir wollen vorwärtsmachen und der Bevölkerung bald ein konkretes Projekt zeigen. Bislang waren ja alle Pläne noch recht abstrakt. Es freut mich, dass alle Beteiligten von Stadt und Kanton, der Stiftung Luzerner Theater und auch die privaten Unterstützer diesen Entscheid mittragen.

zentralplus: Die eidgenössischen Kommissionen haben sich allerdings gegen einen Abriss des Stadttheaters ausgesprochen. Wieso setzen Sie sich darüber hinweg?

Züsli: Wir sind überzeugt: Der Wettbewerb wird zeigen, dass ein Neubauprojekt den Ortsbildschutz berücksichtigen kann, ohne dass man dafür die Nordfassade erhalten muss. Darüber hinaus kann man so den Ansprüchen an ein modernes Theater genügen. Denn ohne ein funktionell gutes Haus ist die Zukunft des professionellen Theaters in Luzern gefährdet und eine Weiterentwicklung des Musiktheaters wird verunmöglicht.

zentralplus: Sie hoffen, die Skeptiker mit einem tollen Neubauprojekt überzeugen zu können?

Züsli: Ja, wobei es weniger um die eidgenössischen Kommissionen geht, die kaum von ihrer Fachmeinung abweichen werden. Vielmehr wollen wir potenzielle Einsprecher und allenfalls das Gericht überzeugen, dass mit einem Neubauprojekt das Ortsbild geschützt und aufgewertet werden kann.

zentralplus: Experten sprachen davon, dass das Gutachten quasi einem Abbruchverbot gleichkommt (zentralplus berichtete). Sie sehen das offenbar anders.

Züsli: Im Moment entfaltet das Gutachten der beiden eidgenössischen Kommissionen keine direkte rechtliche Wirkung. Insofern besteht kein Abbruchverbot. Es ist so, dass das bestehende Gebäude in der Schutzzone A steht und eine Zonenänderung nötig ist, damit es überhaupt abgerissen werden kann. Dies wird im üblichen demokratischen Verfahren über die Bühne gehen. Ich gehe davon aus, dass die Bevölkerung am Ende darüber abstimmen wird.

zentralplus: Mit dem Festhalten an einem Neubau gehen Sie ein rechtliches Risiko ein. Können Sie das konkretisieren?

Züsli: Es kann im Verlaufe des Verfahrens Einsprachen geben, einerseits bei der geplanten Umzonung, andererseits später beim Baugesuch. Es liegt dann im Ermessen des Gerichts, die Stellungnahme der eidgenössischen Kommissionen gegenüber anderen Argumenten abzuwägen.

«Im schlimmsten Fall – wenn wir unterliegen sollten – wäre ein grosser Teil der Arbeiten vergebens gewesen.»

zentralplus: Welche Argumente sind Ihrer Meinung nach wichtiger?

Züsli: Das sind zum einen betriebliche, zum anderen kulturpolitische Argumente. Wir sind der Meinung, dass das Theater eine überregionale und eine gewisse nationale Bedeutung im Zusammenhang mit der Positionierung der Stadt Luzern als Musikstadt und Kulturstandort hat.

Was wünscht sich die Bevölkerung?

Welche Erwartungen haben Luzernerinnen und Luzerner an das künftige Theater? Dazu findet am nächsten Dienstagabend im Südpol ein öffentlicher Workshop statt. Die Teilnahme ist kostenlos, es gilt Maskenpflicht. Hier kann man sich anmelden.

zentralplus: Trotzdem: Ein Gerichtsverfahren kann man auch verlieren. Wie sieht das «Worst-Case-Szenario» aus?

Züsli: Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung nicht weiss, wie der Entscheid ausfällt. Im schlimmsten Fall, wenn wir unterliegen sollten, wäre ein grosser Teil der Arbeiten vergebens gewesen. Namentlich der Architekturwettbewerb, den wir 2021 starten wollen, sowie die Arbeiten für die Umzonung.

zentralplus: Dann droht man auf Feld 1 zurückzufallen.

Züsli: Das Hauptrisiko, das mit dem möglichen Gerichtsverfahren verbunden ist, besteht tatsächlich in der Zeitverzögerung. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir in unserer Haltung eine breite Unterstützung erfahren: Im Stadtrat und im Regierungsrat, aber auch von Seiten des Luzerner Theaters und den privaten Gönnern. Namentlich der Arthur-Waser-Stiftung, die eine Million Franken für den Wettbewerb zur Verfügung stellt – auch für den Weg, den wir nun beschreiten wollen.

zentralplus: Wie sehr würde Sie eine gerichtliche Niederlage, falls es tatsächlich so weit kommen sollte, persönlich schmerzen?

Züsli: Wir würden die Chance verpassen, eine Entwicklung in der Innenstadt mit einer wichtigen, kulturellen Infrastruktur anzugehen. Insofern würde ich es sehr bedauern, wenn das nicht mehr möglich ist. Aber ich bin zuversichtlich, dass es nicht dazu kommt und ich schaue optimistisch auf die nächsten Planungsschritte.

«Wir wollen explizit keine Auflage machen, dass ein Teil der bestehenden Infrastruktur erhalten bleiben muss.»

zentralplus: Wenn es zu zeitlichen Verzögerungen kommt, droht der Theaterbetrieb in einigen Jahren ohne Haus dazustehen. Das erinnert entfernt an den Fall Bodum – soll der zunehmend schlechtere Zustand irgendwann einen Abriss erzwingen?

Züsli: Das jetzige Gebäude braucht spätestens 2025 Sanierungsmassnahmen, damit es weiter betrieben werden kann. Das müssen wir auf dem weiteren Weg stets im Hinterkopf behalten und zu gegebenem Zeitpunkt mit den Plänen abstimmen. Wenn wir einen Neubau realisieren, brauchen wir ohnehin eine Übergangslösung für das Theater. Es wird sich die Frage stellen, ob man diese Übergangslösung vorziehen könnte, um zu verhindern, dass wir Geld in ein für den Abbruch vorgesehenes Gebäude investieren.

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zentralplus: Wird es im Architekturwettbewerb spezielle Auflagen geben, etwa dass ein Neubauprojekt die Nordfassade in irgendeiner Art imitieren oder gar erhalten muss?

Züsli: Nein, wir wollen explizit keine Auflage machen, dass ein Teil der bestehenden Infrastruktur erhalten bleiben muss. Wie gesagt: Wir sind überzeugt, dass ein Neubauprojekt die Kriterien eines guten Ortsbildes erfüllen und der Geschichte sowie der städtebaulichen Situation Rechnung tragen kann.

zentralplus: Eine Erweiterung des bestehenden Gebäudes ist für Sie definitiv vom Tisch?

Züsli: In der Machbarkeitsstudie wurde eine Variante entwickelt, die für die Bedürfnisse des Theaters annehmbar gewesen wäre. Doch selbst in diesem Fall hätte man sehr viel von der bestehenden Bausubstanz abbrechen müssen, was faktisch einem Neubau gleichgekommen wäre. Dieser Weg wurde jedoch von den eidgenössischen Kommissionen abgelehnt, worauf wir uns nun entschieden haben, den Neubauweg zu beschreiten.

SP unterstützt Neubau-Pläne – und wünscht sich öffentliche Dachterrasse

Unterstützung erhält Beat Züsli aus den eigenen Reihen. Die Fraktionen der SP aus Stadt und Kanton begrüssen den Entscheid der Projektierungsgesellschaft, am bestehenden Standort festzuhalten, ausdrücklich. «Ein Theater gehört mitten in die Stadt, an einen zentralen und repräsentativen Ort», schreibt die Partei am Freitag in einer Mitteilung. Die SP ist ebenfalls der Meinung, dass am bestehenden Standort ein städtebaulich überzeugendes Projekt möglich ist.

Zwingend sei, dass ein Neubau effizientes und modernes Theaterschaffen ermögliche. Dabei soll auch die freie Szene einbezogen werden. Die Partei weist zudem darauf hin, dass das Gebäude zu einem Treffpunkt für die breite Bevölkerung werden und für alle zugänglich sein soll. Denkbar sei etwa eine grosse öffentliche Dachterrasse oder ein Café im Haus. An die Adresse des Luzerner Theaters gerichtet verlangt die SP darüber hinaus eine Preispolitik, die den Theaterbesuch für alle erschwinglich macht.

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3 Kommentare
  1. Lucommenter, 23.10.2020, 16:39 Uhr

    Herr Züsli spielt auf Risiko – aber nicht er, sondern die Steuerzahler, dürfen am Ende die Konsequenzen seiner Spielchen tragen und für die Kosten geradestehen.

    1. Hans Rohrer, 23.10.2020, 18:18 Uhr

      Der Architekturwettbewerb kann dank einer Million der Arthur Wasser Stiftung ohne Steuergelder durchgeführt werden. Ich gratuliere den Verantwortlichen zu ihrem Mut. Etwas spät zwar, aber endlich zeigen sie Hörner. Die „Empfehlung“ der eidgenössischen Kommissionen sind nichts anderes als Empfehlung mit Scheuklappen und haben keine Konsequenzen. Die Stadt Luzern braucht mutige Projekte und Entscheide, um zukünftigen Ansprüchen und dem Anspruch Kulturstadt gerecht zu werden. Bravo!

  2. lfm, 23.10.2020, 15:06 Uhr

    Mit dem heute kommunizierten Festhalten am alten Standort geht der Stadtrat beträchtliche Risiken ein: Es sprechen keine ideologischen Gründe gegen einen Neubau am heutigen Standort; die Frage ist vielmehr, ob den technischen Herausforderungen (sumpfiger Baugrund, Baustatik) und denkmalpflegerischen Vorgaben (Lichteinfall Jesuitenkirche) architektonisch entsprochen werden kann:

    https://www.zentralplus.ch/blog/architektur-blog/vom-kreuz-mit-dem-theater-oder-vom-theater-um-das-kreuz/

    Der Stadtrat hätte den Vorschlag der Grünen nach einem alternativen Stadtort in die weitere Planung aufnehmen müssen. Die Architekten hätten dann freie Hand gehabt – und die Kosten wären auf der grünen Wiese um Dutzende Millionen tiefer ausgefallen, was die Chancen für ein Ja an der Urne massgeblich erhöht hätte. Für ein allfälliges Scheitern des jetzt aufgegleisten Projekts, sei es aus technischen, rechtlichen oder politischen Gründen, wird der Stadtrat die Verantwortung zu übernehmen haben. Und wenn dadurch ein neues Musiktheater schliesslich um weitere Jahre verzögert wird, läge ein (weiterer) kulturpolitischer Scherbenhaufen vor.

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