Barockmusik als schwer zugängliches soziales Experiment
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(Bild: Luzerner Theater)

Premiere der Marienvesper in der Jesuitenkirche Barockmusik als schwer zugängliches soziales Experiment

3 min Lesezeit 04.04.2017, 15:26 Uhr

Monteverdis barockes Meisterwerk von 1610 feierte am Montagabend seine Premiere in der Jesuitenkirche in Luzern. Von Profizuschauern angeleitet, durften sich die Besucher während des Stücks frei im Raum bewegen.

Die Marienvesper beinhaltet wie jede Vesper ein Invitatorium, fünf Psalmen, einen Hymnus und ein Magnificat. Monteverdis Werk vereint dabei traditionelle Kompositionstechniken mit hochmodernen Elementen der damaligen Zeit. Gesungen wird in Latein. Der Text setzt sich grob zusammengefasst aus den Psalmen Davids, dem Hohelied Salomos, dem Magnificat und freier Dichtung zusammen.

Keine Stühle, dafür Profizuschauer

Die insgesamt 13 Sätze wurden während der 75-minütigen Darbietung dynamisch und auf verschiedenen künstlerischen Ebenen inszeniert. So durfte man gestern Abend nicht nur ein dynamisches Zusammenspiel von Musik, Tanz und Raum erleben, sondern der Zuschauer wurde durch die fehlende Bestuhlung auf eine kleine Zeitreise in vorreformatorische Zeiten mitgenommen. So gab es zwar Sitzgelegenheiten, aber keine Stühle.

Dem Publikum wurde die Möglichkeit gegeben, sich im Raum mehr oder weniger frei zu bewegen und zwischen den Akteuren herumzugehen. Dabei wurde es von den 20 «Profizuschauern» angeleitet, die bereits in die Entwicklungsphase der Produktion eingebunden waren. Diese 20 «Profizuschauer» waren allerdings nicht so leicht zu identifizieren. Äusserlich waren da keine Unterschiede festzustellen.

Ein interaktives Kunsterlebnis

Gespielt wurde vor ausverkauftem Haus und einem vorwiegend älteren Publikum. Dabei gab man sich sichtlich Mühe, dass sich das Publikum wohlfühlte. So gab es für diejenigen, die nicht längere Zeit stehen konnten oder wollten, die Möglichkeit sich im Voraus eine Sitzgelegenheit reservieren zu lassen. Auch wurden Decken zur Verfügung gestellt für diejenigen, die im Kircheninneren leicht frieren.

Ansonsten bewegte man sich relativ frei zwischen den sich ebenfalls im Raum frei bewegenden Künstlern hindurch und kam dadurch tatsächlich zu einem besonderen Kunsterlebnis auf den Ebenen von Klang, Bild und gar Berührung. Das führte manchmal auch zu etwas seltsamen Momenten, die man in einer eher konservativeren Veranstaltung wohl nicht hätte. So hatte wohl nicht jeder immer Lust, beim Tanzen oder gar Singen mitzumachen, und der eine oder andere war sicherlich auch ganz zufrieden mit der jeweiligen Sitzecke, die er sich ergattert hatte.

Durch die Bewegung im Saal, war es nicht ganz einfach, sich auf die Musik zu konzentrieren und in sie einzutauchen. Das wäre etwas, was die Marienvesper durchaus verdient hätte.

Stattdessen wurde man durch den einen oder anderen Tänzer, Sänger oder Musiker, der gerade vorüberzog, immer wieder abgelenkt und verlor dadurch etwas den Kontakt mit der Musik. So gab es trotz des differenzierten Klangerlebnisses, welches man durch die stets wechselnde Position von den meisten Anwesenden erleben konnte, Momente, in denen man sich möglicherweise doch eine ganz traditionelle Aufführung herbeigewünscht hätte.

Kunst als soziales Experiment

Selbstverständlich kann man diese moderne Inszenierung auch als eine Art soziales Experiment ansehen, da die sonst oft übliche gesellschaftliche Klassifizierung durch die fehlenden, preislich gegliederten Sitzplatzreihen weniger sichtbar oder gar aufgehoben wird. Ein Ziel der Veranstalter scheint es ja auch gewesen zu sein, den Gemeinschaftssinn zu fördern, indem übliche Barrieren wie Sitzplätze oder Bühnen aufgehoben werden und Publikum und Künstler innerhalb gewisser Grenzen miteinander interagieren.

Die Frage, ob das auch tatsächlich gelungen ist, muss jeder der Anwesenden für sich selbst beantworten. Auf jeden Fall ist diese Marienvesper durch die besondere Gestaltung ein Erlebnis der besonderen Sorte, was vom Publikum auch mit ausdauerndem Applaus belohnt wurde. Im April gibt es noch acht weitere Vorstellungen, die man besuchen kann, und auch hier gilt wieder, dass wer gerne einmal etwas Spezielles und anderes sehen und erleben möchte, hiermit die Gelegenheit hat, dies auch zu tun.

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