Baby Jail im Sedel – die witzigste Ü40-Party der Welt!
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Können noch richtig wild: Baby Jail im Sedel.

Zürcher Kult-Band zu Gast in Luzern Baby Jail im Sedel – die witzigste Ü40-Party der Welt!

6 min Lesezeit 1 Kommentar 10.04.2016, 14:41 Uhr

Auch nach 30 Jahren machen die Lieder von Baby Jail noch immer Spass. Und zwar sowohl der Band selbst als auch den Fans, wie sich diesen Samstagabend im Sedel gezeigt hat. Im Interview mit zentralplus spricht Sänger Boni Koller (54) zudem über schöne Erinnerungen an den Luzerner Wärchhof, das Leben als in die Jahre gekommener Musiker und Albträume.

Zuerst eine Warnung: Diese Konzertkritik, liebe Leserinnen und Leser, ist eigentlich gar keine Konzertkritik. Denn diese müsste kritisch sein, wie der Ausdruck andeutet. Doch bei der grossartigen, sensationellen, sackstarken Zürcher Rockpunkchansonband Baby Jail kann ich weder kritisch noch objektiv sein. Denn ich habe die Band als Teenager Ende der 80er-Jahre entdeckt und bin seither ein grosser Fan. Deshalb ist dieser Konzertbericht ausnahmsweise von A bis Z subjektiv und parteiisch. Ich kann nicht anders, tut mir leid.

Baby Jail im alten Luzerner Gefängnis, dem Sedel − nur schon diese Konstellation passt hervorragend. Ganz fein auch das von Gössi entworfene Plakat für den Anlass diesen Samstagabend:

Vor Baby Jail war die Luzerner Band FAIR für einen prima Konzertauftakt besorgt. So richtig Stimmung kam aber erst auf, als um 22.15 Uhr der Hauptact die Bühne betrat. Wobei: Es waren bloss etwa 100 bis 150 Fans da. Wenn’s nach meiner Einschätzung ginge, müssten jeweils Tausende Fans an die Konzerte der 1985 gegründeten Band pilgern. Denn ich halte Baby Jail für die kreativste, vielseitigste und witzigste Schweizer Band überhaupt. Musikalisch haben sie von Heavy Metal, Rock, Pop, Punk, Chanson bis zu Kindermusik alles im Repertoire.

Rotzige Züri-Schnurre

Gesanglich sind die Masterminds Boni Koller (Gitarre) und Bice Aeberli (Bass und Handorgel) mit ihrer rotzigen Züri-Schnurre womöglich etwas gewöhnungsbedürftig. Zumal gerade Aeberli sensationell falsch tönen kann. Inhaltlich aber grasen sie das ganze Spektrum von Blödelei bis sozialkritisch ab. An ihren Live-Auftritten passt diese nicht schubladisierbare, oft etwas improvisierte Melange jeweils perfekt zusammen. Man spürt, wie viel Freude die Band noch immer an den Shows und den teilweise 30 Jahre alten Liedern hat. Und diese Freude ist ansteckend. 

Baby Jail 2012.

Baby Jail 2012.

(Bild: Thomas Haldimann)

Witzig an Baby-Jail-Konzerten ist übrigens auch, wie sich das Publikum zusammensetzt: Die meisten Fans sind Ü40. Es sind solche, die schon vor einem Vierteljahrhundert entzückt zeitlose Bandklassiker wie «Moonshine Baby», «Sad Movies», «der dumme Student» oder «Oma kochte Enkelkind, denn sie wollte Sex» gesungen haben. Sie sind der Band über all die Jahre treu geblieben. Selbst während der 18 Jahre von 1994 bis 2012, als es die Band gar nicht mehr gab. Für viele von ihnen ist ein Baby-Jail-Konzert mit Erinnerungen an die guten alten, wilden Zeiten verbunden. Ein nostalgischer Trip zurück.

Baby Jail 2014: Altersmilde? Sicher nicht! Boni Koller ist der ganz links im Bild.

Baby Jail 2014: Altersmilde? Sicher nicht! Boni Koller ist der ganz links im Bild.

Das Durchschnittsalter der Besucher wirkt sich natürlich auch auf den Bewegungsdrang aus. Waren Konzerte der Band früher eine ausgesprochen schweisstreibende Angelegenheit − die vordersten Ränge tanzten Pogo als ob es kein Morgen gäbe −, wagen sich zumindest an diesen Samstagabend im Sedel nur noch ein paar Unentwegte an den körperbetonten Ausdruckstanz. Aber Spass haben sie alle, und so muss die Band so lange Zugaben spielen, bis sie songtechnisch fast komplett ausgeschossen ist. Nur das herrlich-sarkastische «Polo»-Lied hat noch gefehlt. Aber vielleicht spielen sie das ja beim nächsten Mal, wenn sie wieder in der Gegend sind. Ich freue mich schon jetzt drauf!

Vor dem Konzert konnte zentralplus noch mit Baby-Jail-Sänger Boni Koller sprechen:

zentralplus: Boni Koller, für viele eurer Fans sind Baby Jail die witzigste und kreativste Band der Schweiz. Warum hat es nie für den ganz grossen Durchbruch gereicht?

Boni Koller: Wir waren 1992 mit Single und Album in den Top Ten, die ganze Schweiz kannte uns, das war uns Durchbruch genug. 1994 lösten wir uns auf und machten 18 Jahre lang kein Konzert mehr. Sowas hilft einem natürlich nicht gerade, um gross im Geschäft zu bleiben.

zentralplus: Habt ihr euch damit abgefunden oder hofft ihr noch, als Altrocker durchzustarten?

Koller: Unser Platz in der Schweizer Musiklandschaft ist klar und eigentlich selbst gewählt. Schon als wir jung waren, gab es Rockmusik seit Jahrzehnten, somit würden wir heute bei den «Altrockern» zum Nachwuchs gehören.

zentralplus: Träumen Sie manchmal vom grossen Erfolg?

Koller: Mein einziger Traum im Zusammenhang mit Musik ist der, dass ich Radio mache und verzweifelt die nächste Platte suche, weil diejenige, die läuft, fast zu Ende ist. Ich wache aber jedes Mal auf, bevor ich ich sie gefunden habe.

zentralplus: Wer Lieder von euch wie «Oma kochte Enkelkind, denn sie wollte Sex», «Sad Movies», «Zum Glück» oder «der dumme Student» mal im Ohr hat, bringt sie kaum wieder raus. Das ist wie bei Elton John. Wie habt ihr das geschafft?

Koller: Was Elton John recht ist, soll uns billig sein … Wie man sowas schafft, ist fast unmöglich zu eruieren. Leider ist es aber nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, wenn einen eine Melodie nicht mehr loslässt. Das kann auch mit einem Lied von Helene Fischer oder Peter Maffay passieren.

zentralplus: Wie oft habt ihr diese alten Songs schon gespielt, und macht euch das überhaupt noch Spass? Zumal sie ja teilweise weder inhaltlich noch musikalisch wahnsinnig anspruchsvoll sind?

Koller: Die ganz alten Songs sehr oft, zum Teil haben wir die 500 Mal gespielt. Auf die vergangenen vier Jahre entfallen davon aber nur 50 Mal, das hält die Eintönigkeit dann wieder in Grenzen. Und äxgüsi, inhaltlich sind die teilweise durchaus anspruchsvoll.

zentralplus: Wovon lebt ihr aktuell eigentlich – Baby Jail dürfte kaum zum Leben genügen, oder?

Koller: Vier Personen, vier Berufe. Ich selber lebe von der Musik und nah verwandten Spielarten des Showbusiness.

zentralplus: Ihr habt unzählige Konzerte gespielt. Welche werden Sie nie vergessen?

Koller: Die schönsten und die schlimmsten Konzerte bleiben am deutlichsten in Erinnerung. Vor 25 Jahren spielten wir zum Beispiel auf der Reeperbahn und merkten erst am zweiten Abend, dass über die Hälfte des Publikums immer dort ist. Nicht wegen der Musik, sondern wegen der kundenfreundlichen Schnapspreise.

zentralplus: Gibt’s – könnt ja sein – spezielle Erinnerungen an Konzerte in der Zentralschweiz?

Koller: Gerne erinnere ich mich an ein ausverkauftes Konzert im Wärchhof. Die Teenies versuchten auf allen möglichen Wegen noch irgendwie reinzukommen, es war wie bei den Rolling Stones in klein.  

zentralplus: Wie verkaufte sich eigentlich das Album «Grüsse aus dem Grab» aus dem Jahr 2014?

Koller: Das verkaufte sich bei Erscheinen gut. Nun ist es wie bei allen vergleichbaren Tonträgern, im Laden läuft gar nichts mehr, aber an den Konzerten gehen immer ein paar.

zentralplus: Ich hab 2013 den Film über euch «Rückkehr des lautesten Cabarets» gesehen. Mit im Kino waren noch fünf andere Leute. Wie zufrieden seid ihr mit dem Werk?

Koller: Ich finde den Film von Roman Wasik gelungen, es ist halt eine Momentaufnahme von 2012. Er hat uns viele Stunden gefilmt und hätte mit dem Material verschiedene Geschichten erzählen können. Was er schliesslich zusammengeschnitten hat, gefällt mir gut.

zentralplus: Kann Sie nach so vielen Jahren ein Live-Konzert noch aus der Ruhe bringen?

Koller: Jedes Konzert verlangt mir ein hohes Mass an Konzentration und Energie ab. Es kann vorkommen, dass man ein bisschen angeschlagen ist, dann sorgt man sich schon, ob die Puste bis zum Ende reicht.

zentralplus: Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Koller: Live long, die fast.

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Mehr Bilder vom Konzert, allerdings alle von bescheidener Qualität, finden Sie hier in unserer Slideshow:

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1 Kommentare
  1. Manuel Studer, 11.04.2016, 12:43 Uhr

    Die Geschichte des Autors ist auch die meine. So in etwa. Habe immer noch alle CDs. Und finde die Truppe gnadenlos gut. Schade, da wäre ich gerne dabei gewesen!

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