Baarer Scheibenhaus-Bewohner: «Hier wird Leben ausgelöscht!»
  • Gesellschaft
  • Wohnen
Willkommen zuhause. Die Einwohner der Inwiler Scheibenhäuser wollen ihr Daheim nur ungern hergeben. (Bild: wia)

Zu Besuch in den markanten Häusern Baarer Scheibenhaus-Bewohner: «Hier wird Leben ausgelöscht!»

8 min Lesezeit 2 Kommentare 23.12.2020, 05:00 Uhr

Die vier wohl bekanntesten Häuser in Inwil sollen Neubauten weichen. Die heutigen Bewohner sind betrübt. Denn obwohl es in der Siedlung einige Tücken gibt, lieben sie diese innig. Zu Besuch in den Blöcken, die den Übernamen «Hasenställe» so gar nicht verdienen.

Subtil sind sie nicht, die vier Scheibenhäuser im Baarer Ortsteil Inwil. Verglichen mit den umliegenden Mehrfamilienhäuschen wirken sie geradezu gigantisch. Seit ihrem Bau in den 1960ern haben sie viele Namen erhalten. «Hasenställe» ist noch einer der netteren. Einer, der so gar nicht zutrifft, wie wir bald erfahren.

Es ist wahrscheinlich, dass die Inwiler Wohnblöcke in mittlerer Zukunft Neubauten weichen (zentralplus berichtete). Die Einwohner wurden vor Kurzem an einer Veranstaltung der Besitzer – die Pensionskassen der V-Zug sowie die BVK – über die noch vagen Pläne informiert.

Der drohende Abriss der Häuser sorgt bei vielen für ungute Gefühle, denn: Derart günstigen Wohnraum wie hier findet man im Kanton Zug sonst kaum. Doch wer wohnt hier in den Blöcken. Und wie lebt es sich hier? Handelt es sich bei den Wohnungen um enge «Hasenställe»? Hat das Gebiet tatsächlich «Ghettocharakter»?

Unzählige Menschen haben in diesen Blöcken ihre Jugend verbracht und schwärmen heute davon.

Ein Aufruf auf der Facebook-Seite «Du bisch vo Baar wenn…» mündet in 71 Kommentaren von ehemaligen und aktuellen Einwohnern sowie von Leuten, die Freunde oder Familienmitglieder haben, die in den markanten Häusern an der Rigistrasse leben. Ausnahmslos alle sprechen sich positiv über das Quartier aus. Die Nutzer geben Anekdoten zum Besten, sprechen von emotionalem Wert und legendären Jugenderinnerungen.

So kommt es, dass wir dank Facebook an einem garstig-nebligen Freitagmorgen bei Hansruedi und Lydia Scherrer zum Kaffee eingeladen sind. Einem Ehepaar, das bereits seit 50 Jahren in einem der Blöcke wohnt.

Hansruedi Scherrer wohnt mit seiner Frau bereits 50 Jahre in den Blöcken.

Unser Ziel, den achten Stock, erreichen wir mit einem kleinen Umweg über die Zwischenetage, wo der Lift hält. Zu Fuss geht’s eine halbe Etage runter. Nichts für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und betagte Menschen. Das Treppenhaus ist gepflegt. Es ist auffallend still, dafür, dass rund 27 Parteien diesen Hauseingang nutzen.

Herr Scherrer öffnet die Tür, lotst uns durch einen zwölf Meter langen Gang, von dem mehrere Zimmer links in Richtung Innenhof abzweigen. Dann geht’s rechts um die Ecke, mitten ins helle Wohnzimmer. Frau Scherrer grüsst freundlich, während ihre Hände automatisch an einer rosa Kinderwagendecke weiterstricken. Lydia Scherrer strickt so leidenschaftlich, dass sie sogar über eine eigene Facebookseite mit dem Namen «Grosis Strickecke» verfügt. Im Hintergrund läuft Radio Eviva.

Das Haus, in dem die Scherrers leben, ist das einzige, welches der BVK gehört – der grössten Schweizer Pensionskasse. Die drei anderen gehören der «Verzinkerei», wie Scherrer die heutige V-Zug immer noch nennt. Der Baarer selbst arbeitete bei der Landis & Gyr, der das Haus damals gehörte.

Es ist hier «mucksmäuschenstill»

Ein halbes Jahrhundert lebt das Ehepaar nun in diesem Haus, zog hier fünf Kinder gross und wohnt mittlerweile alleine in der 5,5-Zimmer-Wohnung. «Die Wohnungen sind sehr gut isoliert. Nachts, nachdem die Turner vom Schulhaus nebenan nach Hause gefahren sind, wird es mucksmäuschenstill», sagt der ehemalige Hauswart. Seine Frau ergänzt: «Meine Schwester, die auf dem Land lebt und hier schon übernachtet hat, ist sich eine solche Stille nicht gewohnt.»

«Die Italiener brachten immer sehr viel Essen zu den Festen.»

Hansruedi Scherrer, Bewohner der Scheibenhaus-Siedlung

Auch der Kontakt mit den Nachbarn sei gut, betonen die beiden. «Es leben viele Nationen hier. Doch hatten wir noch nie Krach.» Trotzdem habe sich das Qartier verändert. Früher, da sei der Zusammenhalt besser gewesen. Mehrere Feste habe man organisiert, schön sei das gewesen. «Die Italiener brachten immer sehr viel Essen», sagt Hansruedi Scherrer. «Doch diese Zeiten sind vorbei.» Während er spricht, kommt eine Schar Spatzen zu Besuch, setzt sich auf das massive Betongeländer des Balkons, schnappt sich etwas Vogelfutter und macht einen Abflug.

Früher war viel Wiese rundherum

Scherrers sind 1969 eingezogen, wenige Jahre nachdem dieses Haus als Prototyp der nachfolgenden drei Blöcke realisiert wurde. Damals standen in der Umgebung erst wenige Häuser. Auch auf der gegenüberliegenden Seite der Rigistrasse – heute ist dort alles verbaut – lag eine Wiese, als das Ehepaar einzog.

Zeigen kann uns Hansruedi Scherrer das heutige Quartier nicht, zu dick ist die Nebelsuppe. «Schade. Die Aussicht von hier ist nämlich gewaltig, mit Blick über die Berner Alpen, den See und den Pilatus», versichert Herr Scherrer und zückt ein Foto, das sich auch als Postkarte gut machen würde.

So sah es aus, bevor auf der anderen Seite der Rigistrasse gebaut wurde. (Bild: zvg)

Die Wohnung im achten Stock hat dennoch ihre Schattenseiten. «Seit einigen Wochen spinnt der Lift immer wieder, da er offenbar falsch eingestellt ist», sagt Lydia Scherrer. «Letztens stieg er drei Tage lang aus.» Die Seniorin ergänzt: «Wenn der Lift nicht funktioniert, kann ich nicht runter.» Letztes Jahr wurden die Fahrstühle beider Hauseingänge gleichzeitig revidiert. «Somit konnte man nicht einmal übers Dach ins andere Treppenhaus und den anderen Lift nutzen.»

Jahrzehnte schon ist der Mietzins unverändert

Trotzdem sind Scherrers zufrieden. Der Mietzins ist seit Jahrzehnten gleich. Immer mal wieder wurden Renovationen vorgenommen. «Anfangs, bevor wir an die Kanalisation angeschlossen wurden, hatten wir noch unsere eigene Kläranlage neben dem Haus.» Geheizt wird seit einigen Jahren mit einer naheliegenden Holzschnitzel-Fernheizung.

Wir müssen weiter, acht Etagen runter, sieben hoch. Denn wir wurden auch von Fabricio Martins eingeladen, um uns ein Bild der Wohnsituation zu machen. Er wohnt im diagonal gegenüberliegenden Block von Scherrers. Dazwischen: Viel Wiese, Parkplätze und ein Sportplatz, dessen Markierungen beinah verschwunden sind.

Der heute 33-Jährige lebt im Inwiler Quartier, seit er fünf Jahre alt ist. Derzeit ist er der einzige Bewohner seiner 4,5-Zimmer-Wohnung. Zu Besuch bei ihm sind auch das Ehepaar Laura und Antonio Procopio, Nachbarn eines weiteren Hauses. Seit 28 Jahren wohnen sie in den Scheibenhäusern.

«Es war eine gute Zeit. Wir Kinder hatten so viel Spass.»

Fabricio Martins, Einwohner der Siedlung

Von früheren Zeiten erzählen sie gerne. «Wir kennen Fabricio, seit er ganz klein ist», erzählt die Bewohnerin. Die Kinder des italienischstämmigen Ehepaars sind im etwa gleichen Alter wie Fabricio. «Er klingelte immer um punkt 13 Uhr bei uns an der Türe. Dies, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass zwischen 12 und 13 Uhr Mittagsruhe herrscht», sagt Laura Procopio lachend. Martins schmunzelt.

«Es war eine gute Zeit. Wir Kinder hatten so viel Spass. Der Basketballplatz ist gleich in der Nähe bei der Schule, wir spielten unter dem Haus Fussball, der Rasen wurde zum Baseballplatz umfunktioniert», sagt Martins.

Rechts hinter dem Fussballplatz sieht man noch Überreste eines Spielplatzes.

Seit «Lothar» sind die Grillstellen weg

«Wir waren Leute aus vielen verschiedenen Nationen, der Zusammenhalt war gut, man hat zueinander geschaut und wusste genau, wem welche Kinder gehören», ergänzt Antonio Procopio. Das sei heute anders. Er führt aus: «Oft traf man sich damals in der Nachbarschaft zum Grillieren. Hinter jedem Haus stand eine Grillstelle mit Unterstand. Jedenfalls bis zum Sturm Lothar im Jahr 1999, der alles kaputt machte. Aufgebaut wurden die Stellen nicht mehr», erklärt Antonio Procopio.

Überhaupt habe man in den letzten Jahrzehnten gar wenig in die Umgebungsgestaltung investiert, findet auch Laura Procopio. «Die Sandkästen etwa sind mittlerweile unbrauchbar. Auch wurden Elemente des ehemaligen Spielplatzes entfernt und nicht mehr aufgestellt.»

Der Augenschein zeigt: Die Sandkästen verdienen ihren Namen tatsächlich nicht. Stattliche Pflanzen wuchern darin, Sand ist kaum mehr da. Daneben zeugen nur noch Betonplatten von ehemaligen Schaukeln und Rutschbahnen.

Sandkästen? Eher Pflanzentöpfe.

«Treppen, die ersetzt werden mussten, verfügen über kein Geländer. Im Winter kann es da ziemlich eisig werden. Es ist fast, als wollten die Hauseigentümer keine grossen Kosten mehr auf sich nehmen für dieses Quartier.»

Die drei Mieter bedauern diesen Umstand, denn sie lieben ihr Quartier. «Es gibt viele, die sind hier aufgewachsen, dann weggezogen und später wieder hergekommen», sagt Martins.

Der Komfort ist beschränkt

Dass der Komfort in den rund 50-jährigen Häusern begrenzt ist, nehmen sie sportlich. «Früher durfte jede Partei die Waschküche nur alle 14 Tage nutzen. Ich hatte drei Kinder und einen Mann, der Fussball gespielt hat. Sie können sich vorstellen, wie mühsam das war.»

Da der Lift nur auf jeder halben Etage halte, sei es zudem nicht möglich gewesen, die Kinderwagen in die Wohnung mitzunehmen. «Wir liessen unseren daher zwangsweise im Eingang stehen. Mehrmals wurde er mutwillig weggebracht und in den Regen gestellt. Einmal fanden wir den Wagen gar im Bachbett wieder», sagt Laura Procopio.

Antonio und Laura Procopio leben seit 28 Jahren in den Blöcken. Ihr Hund erst seit diesem Jahr.

Statt mit teuren Renovationen, um das Quartier wieder auf Vordermann zu bringen, scheinen die Hauseigentümer mit dem Abriss und der Erstellung einer neuen Überbauung zu liebäugeln. Antonio Procopio sagt dazu: «Wenn die Bausubstanz marode geworden ist, ist es klar, dass neu gebaut werden muss. Doch bin ich mir nicht sicher, ob das tatsächlich so ist.»

Alle drei Nachbarn fürchten, dass die bisher sehr tiefen Mietpreise durch die Neubauten markant steigen könnten. «Obwohl man uns an der Informationsveranstaltung gesagt hat, dass kostengünstiger Wohnraum geplant sei», so Procopio.

Gerade die ältere Bevölkerung hat Angst

Gerade die älteren Einwohner des Quartiers machen sich Sorgen über die Zukunft. «Viele sprechen momentan nur über dieses eine Thema.» Was Procopio an der Sache besonders ärgert: «Viele von uns sind hier aufgewachsen und wohnen schon Jahrzehnte hier. Es ist unser Zuhause, der Ort, an dem wir uns wohlfühlen. Nun kommen Leute, die das Quartier hier quasi nicht kennen, und wollen uns das wegnehmen, um Profit zu machen.» Er hält inne und sagt dann: «Hier wird Leben ausgelöscht.»

Nur wenige Menschen sind in der Siedlung zu sehen. Dafür einige Velos.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 800 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

2 Kommentare
  1. Ernesto, 24.12.2020, 11:55 Uhr

    In diesen Häusern sind bis zu 3 Generationen aufgewachsen. Alles war immer schön und gepflegt,jetzt lässt es zu wünschen übrig, man sieht genau, das sehr wenig gemacht wird um Kosten zu sparen. Schrecklich, die Personen, welche in den Häusern wohnen haben mitgeholfen Baar und auch Zug mitaufzubauen, mit Ihrer Arbeit in den wichtigsten Industriebetriebe wie Rittmeyer, Peikert, V-Zug und Landis & Gyr. Ist das jetzt der Dank?Die Verwaltung macht auch schon längst was Sie will, zum Teil sind Sie nicht mal nett am Telefon.Ich hoffe es werden sich viele Leute den Neubauten entgegensetzen und das man eher renoviert bezw. Etappenweise baut und zu guten Konditionen, die gleichen Familien wieder reinbringt. Das ist eine Verantwortung von allen. Bis anhin wurde die Mieten ob günstig oder nicht als Grossquartier bezahlt, ergo sind viele Einnahmen, bei heutigen Hypokonditionen eine sehr sehr guter Verdienst, auch weil nichts an Verbesserungen investiert wurde. Ich hoffe die Pensionskasse denkt an die Leute und nicht nur immer an den grossen Verdienst. Aber Kanton und Gemeinde müssen sich auch was einfallen lassen.

  2. Rentner, 23.12.2020, 12:38 Uhr

    hier in der Gerliswilerstr 68 auch nur Verdienen machen nix,, billige 2 Glas Fenster es zieht Dure Miefe Kühen kein Komfort es Hellhörig, da Lohnt sich eine Sanierung nicht neue Leitungen dieses und jenes und was viele vergessen der Brandschutz das Frisst enorm viel Geld, Abreissen das Gelotterte ist günstiger., es wurde gar in den Büroräumen Asbest Gefunden aber wir Mieter wurden nicht Informiert, warum den der Mietzins ist günstig , also was solls Ruhig sein ,,es gibt ja andere Wohnungen.

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.