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Autsch! Warum quietschen diese Züge nur immer so?
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Bahnhof Zug: Warten auf den Zug nach Luzern. (Bild: mam )

Wie laut die SBB am Bahnhof Zug wirklich sind Autsch! Warum quietschen diese Züge nur immer so?

4 Min 1 Kommentar 18.02.2019, 04:32 Uhr

Das Quietschen der einfahrenden Züge erzeugt am Bahnhof Zug seit Jahr und Tag ein äusserst unangenehmes Geräusch. Massnahmen brachten nicht die erhoffte Wirkung. Nur: Wie laut sind die SBB in Zug wirklich und wie gefährlich ist das Problem für das Gehör? Wir haben gemessen.

Bei arktischen Temperaturen und frühmorgendlicher Müdigkeit am Bahnhof Zug auf den Interregio zu warten, ist nicht lustig. Noch viel weniger, sobald die Züge einfahren.

Denn häufig geht die Zugseinfahrt mit ohrenbetäubendem Lärm einher. Die Zugräder kreischen beim Bremsen, als wenn es kein Morgen gäbe, die Passagiere halten sich die Ohren zu und fluchen, der Hundeblick der wartenden Vierbeiner wird noch eine Spur bemitleidenswerter.

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Wir wollen genauer wissen, welchen Dezibelwerten die Passagiere am Bahnhof Zug ausgesetzt sind, und stellen uns aufs Perron. Die Bilanz: sehr unterschiedlich. Während eine der langsamen S-Bahnen mit 90 Dezibel anzufahren kommt, steigt die Lautstärke bei einer anderen auf über 104 Dezibel. Und dabei hat man noch das Gefühl, schon viel lautere und schmerzhaftere Zugeinfahrten erlebt zu haben.

Zum Vergleich: 100 Dezibel sind es bei einem Ghettoblaster, 110 Dezibel laut ist die Musik in einem Club, oder aber eine Motorsäge. Der Bund gibt vor, dass Veranstaltungen einen Schallpegel von 100 Dezibel nicht überschreiten dürfen.

Doch woher rührt diese Lärmbelästigung? Es handelt sich um eine Eigenart des Bahnhofs Zug. Dieser liegt so nahe am See, dass die 90-Grad-Kurve, welche die Züge in Richtung Luzern und ins Säuliamt nehmen müssen, schon beim Bahnhof ansetzt. Und in der Kurve bremst sichs lauter.

«Auch bei der besten Technik können wir das Kurvenkreischen nie vollständig eliminieren.»

Reto Schärli, Sprecher SBB

SBB-Mediensprecher Reto Schärli erklärt: «Kurvenkreischen ist ein physikalisches Problem.» Und nimmt uns gleich die Hoffnung auf Besserung vorweg. «Auch bei der besten Technik können wir dieses nie vollständig eliminieren.»

Das Problem entstehe, wenn parallele Räder auf starren Achsen durch enge Kurven fahren. Das äussere Rad werde durch den anlaufenden Spurkranz zu einer kontinuierlichen Querbewegung gezwungen. Will heissen: Nicht der Zug selber lenkt, sondern das gebogene Gleis sorgt dafür, dass der Zug die Kurve kriegt. Und weil dabei Metall auf Metall trifft, quietschts.

Dies führe laut Schärli zu Reibungskräften zwischen den Laufflächen von Rad und Schiene. «Besonders bei kalten und trockenen Bedingungen führt dies zum bekannten Kurvenkreischen», so der SBB-Sprecher.

Die App zeigt Maximalwerte von über 104 Dezibel an.

Die App zeigt Maximalwerte von über 104 Dezibel an.

(Bild: Screenshot Decibel X)

Das Problem in Zug ist kein neues, so erklärt dieser weiter. Und es habe bereits Versuche gegeben, dem «Kreischen» entgegenzuwirken. Im Juni 2015 haben die SBB eine Schmieranlage montiert, welche eine dünne Flüssigkeit auf die Schienen sprüht. Diese wird von den Rädern über die Schienen verteilt. Ausserdem verfüge laut Schärli jeder Zug heute über eine Spurkranzschmierung, welche ebenfalls Lärm verhindere.

Das Resultat nach Einsatz der Schmieranlage: durchzogen. Wie der SBB-Lärmbericht von 2016 zeigt, habe sich zwar der Bremslärm der Doppelpendelzüge (also etwa der S5-Züge) durch die Anpassungen deutlich verringert, bei den Flirt-Zügen (etwa S1) stellten die SBB jedoch kaum positive Veränderungen fest.

Der Experte gibt Entwarnung

Nach wie vor müssen sich also Pendler in Zug die Ohren zuhalten. Die Furcht, dass das Zugskreischen zu Hörschäden führen könnte, ist jedoch laut einem Experten unbegründet. Dirk Jansen, Verkaufsleiter der Amplifon AG für Hörberatung, erklärt: «Die Belastung des Ohres ist abhängig von der Zeitdauer eines Schallereignisses, der Frequenz und der Lautstärke.»

«Hohe Frequenzen werden deutlich eher subjektiv als unangenehm empfunden als tiefere Frequenzbereiche.»

Dirk Jansen, Verkaufsleiter der Amplifon AG

Zwar könne ein kurzer, sehr lauter Schallpegel wie etwa ein Schuss das Gehör ebenso schädigen wie ein geringerer Schallpegel über einen längeren Zeitraum. «Hohe Frequenzen wie hier zum Beispiel das Quietschen bei einem einfahrenden Zug werden vor allem subjektiv als unangenehm empfunden als tiefere Frequenzbereiche.»

Und da es sich bei der Zugeinfahrt ja nur um eine kurze Zeit handle, in welcher der Lärmpegel bei etwa 100 Dezibel liege, «ist das nicht wirklich schädlich, wenn es ab und zu vorkommt als wartender Passagier», so Jansen.

Ohren zu und durch

Zuger Pendlern bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich diesen Unannehmlichkeiten zu stellen oder sich die Ohren zuzuhalten. «Manchmal ist es auch von Vorteil, wenn man Kopfhörer im Ohr hat und leise Musik hört, weil die Kopfhörer den Lärm von aussen etwas abschotten. – Laute Musik hingegen ist dann wieder kontraproduktiv», so der Hörexperte abschliessend.

Immerhin auf den Frühling dürfen sich Lärmgeplagte freuen. Bei steigenden Temperaturen nämlich nimmt das Quietschen der Züge deutlich ab.

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1 Kommentare
  1. Franz Peter Dinter, 18.02.2019, 20:35 Uhr

    „Das Quietschen der einfahrenden Züge erzeugt am Bahnhof Zug seit Jahr und Tag ein äusserst unangenehmes Quietschen“ Wer hätte das gedacht! Quietschen vielleicht die Wartenden, um das Quietschen der Züge zu übertönen??