Autos oder Menschen: Wem gehören die Kantonsstrassen in Luzern?
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Auf den Kantonsstrassen wackelt das Tempo-50-Regime (Bild: Adobe Stock)

Reizthemen 2021: Tempo 30 und Flüsterbeläge Autos oder Menschen: Wem gehören die Kantonsstrassen in Luzern?

7 min Lesezeit 5 Kommentare 03.01.2021, 05:00 Uhr

Die Verkehrspolitik in Luzern wird vom Bypass und dem Durchgangsbahnhof dominiert. Im Schatten dieser Leuchtturmprojekte flackert die Frage nach der Gestaltung von Kantonsstrassen in Stadtzentren und Dorfkernen auf. Sieben Gründe, weshalb dies zum heissesten verkehrspolitischen Thema 2021 werden könnte.

Fragen der Verkehrspolitik fallen zumeist in zwei Kategorien: langfristige «Generationenprojekte» und Themen, die der Bevölkerung aktuell unter den Nägeln brennen. Luzern kennt beides.

Da sind die national beachteten Leuchtturmprojekte Luzerns: der geplante Durchgangsbahnhof und der Autobahn-Bypass. Beide waren im letzten Jahr regelmässig Teil der medialen Berichterstattung. Und beide Projekte haben einen Zeithorizont von über 15 Jahren, bis sie fertiggestellt wären.

Ein Thema, das hingegen ganz im Hier und Jetzt stattfindet, betrifft die Kantonsstrassen in Dorfkernen und Stadtzentren. Lange die unantastbare heilige Kuh der kantonalen Verkehrspolitik, ist «Tempo 50 auf Kantonsstrassen» nicht mehr in Stein gemeisselt. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten zur Gestaltung solcher Strassen – macht aber auch neue Konflikte zwischen dem motorisierten Individualverkehr und den Anwohnern sowie dem Fuss- und Langsamverkehr unvermeidbar.

Aus diesem und weiteren Gründen werden Luzerns Kantonsstrassen zu einem der heissesten Politeisen 2021.

1. Wir verbringen mehr Zeit draussen – und hören die Strasse

Auch die Shine-Bar an der Sempacherstrasse durfte im Sommer Stühle und Tische auf die Parkplätze stellen. (Bild: ida)

Die Coronapandemie akzentuierte diesen Sommer einen Trend, der sich schon lange vorher zu entwickeln begonnen hatte: In Zusammenhang mit dem Klimawandel wird seit einigen Jahren von einer «Mediterranisierung» unseres Klimas gesprochen. Insbesondere die Städte – darunter auch Luzern – reagieren darauf und versuchen der zunehmenden Zahl an Hitzetagen entgegenzuwirken (zentralplus berichtete).

Diese Mediterranisierung bedeutet, dass die Menschen tendenziell mehr Zeit draussen verbringen. Nur, wo sollen sie sich alle aufhalten? In der Stadt waren es in diesem Sommer etwa die diversen Pop-Up-Parks, die kurzfristig erstellt wurden und sich grosser Beliebtheit erfreuten (zentralplus berichtete). Die Tatsache, dass Restaurants im Sommer zwischenzeitlich Parkplätze in Beschlag nehmen durften, kam grösstenteils ebenfalls gut an (zentralplus berichtete).

Aber auch in kleineren Gemeinden des Kantons wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Dorfkerne erneuert und «aufgewertet». Letzteres immer mit dem Ziel, die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern.

Wer sich entlang von Strassen oder auf Dorfplätzen aufhält, bekommt konsequenterweise den Strassenlärm verstärkt mit. Und dieser Strassenlärm – insbesondere entlang der Hauptstrassen – drückt auf die neu gewonnene Lebensqualität. Vor dem Hintergrund dieses Konflikts werden unser Lebensraum sowie dessen Funktionen und Aufgaben nun neu verhandelt.

2. Tempo 50 ist nicht mehr unantastbar

Die Dorfstrasse in Adligenswil gehört zu den Kantonsstrassen, auf denen das Tempo reduziert wird.

Auf den Luzerner Kantonsstrassen galt «Tempo 50» über Jahrzehnte hinweg als in Stein gemeisselt. Das änderte sich im Dezember 2018, als der Regierungsrat entschied, Tempo 30 auf Kantonsstrassen zumindest im Grundsatz zu ermöglichen (zentralplus berichtete).

In der Folge gaben mehrere Gemeinden bekannt, an einer solchen Temporeduktion interessiert zu sein (zentralplus berichtete). Dabei muss man zwischen Tempo-30-Zonen (verengte Fahrspuren, grundsätzlich ohne Fussgängerstreifen) und Tempo-30-Strecken (lediglich Signalisationsänderung) unterscheiden.

In beiden Fällen wird die Temporeduktion in erster Linie als Lärmschutzmassnahme verstanden. In diesem Zusammenhang wird zumeist auch der Wunsch nach lärmarmen Strassenbelägen geäussert.

3. Die Politik hat das Thema für sich entdeckt

Im Luzerner Kantonsrat ist das Thema «Tempo 30» bereits angekommen. (Archivbild: Twitter/Guido Graf)

Seit diesem Grundsatzentscheid der Regierung wurden sowohl im kantonalen als auch im Luzerner Stadtparlament diverse Vorstösse zum Thema Kantonsstrassen eingereicht. Zuletzt etwa von Kantonsrätin Korintha Bärtsch (Grüne), die in ihrem Postulat drei Kantonsstrassen als Teststrecken für lärmarme Beläge fordert (zentralplus berichtete). Eine noch hängige Anfrage von Kantonsrätin Rosy Schmid-Ambauen (FDP) wirft unter anderem die Frage auf, ob Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Kantonsstrassen allenfalls auch «zeitlich differenziert» umgesetzt werden könnten, zum Beispiel nur während der Hauptverkehrszeiten.

Eine weitere Idee trugen die städtische SP, Grüne und GLP in den Grossen Stadtrat: Nach dem Vorbild von Lausanne forderten sie auf dem ganzen Stadtgebiet ein nächtliches Tempo 30 (zentralplus berichtete). Das Postulat wurde nur teilweise überwiesen, der Luzerner Stadtrat bezeichnet Tempo 30 aber «grundsätzlich als geeignete, kostengünstige sowie effiziente und effektive Massnahme, die rasch zu einer spürbaren Verbesserung der Lärmsituation und zu einer Verbesserung der Verkehrssicherheit in den betroffenen Gebieten führt.»

Kürzlich lancierten die Grünen zudem eine kantonale Initiative mit dem Namen «Attraktive Zentren – für mehr Lebensqualität und Sicherheit in unseren Luzerner Gemeinden». Ziel der Initiative ist es, das kantonale Strassengesetz dahingehend zu ergänzen, dass Ortsdurchfahrten «siedlungsverträglich zu gestalten» sind. «Die Zentren sind wieder wichtige Treffpunkte im Dorf und in der Stadt. Die historischen Ortskerne gewinnen wieder ihre hervorragende Qualität zurück», heisst es im Argumentarium der Initiative. In der Umsetzung könne die Initiative unter anderem auch bedeuten, dass die Zentren lärmberuhigt werden, wie weiter zu lesen ist.

4. Am Beispiel Horws zeigen sich Chancen und Herausforderungen

Im Zentrum Horws gilt Tempo 30.

Vorbilder für solche verkehrsberuhigten Zentren gibt es in unserer Region noch nicht allzu viele. Gegenüber der «Luzerner Zeitung» nennt Raoul Niederberger, Co-Präsident der Grünen des Kantons Luzern, das Zentrum von Horw als Praxisbeispiel.

Tatsächlich ist Horw ein interessantes Exempel, um eine verkehrsberuhigte Strasse zu illustrieren. Bereits seit 2006 ist das Dorfzentrum eine Tempo-30-Zone. Als Praxisbeispiel kann Horw allerdings nur bedingt dienen: Zunächst muss festgehalten werden, dass es sich hier nicht mehr um eine Kantonsstrasse, sondern um eine Gemeindestrasse handelt.

Zudem wurde die Gemeinde Horw in der Vergangenheit bereits mehrfach und aufwendig verkehrsberuhigt. Da ist etwa die Tatsache, dass Horw Nutzniesser der «Ausfallstrasse Luzern-Süd» war, die, 1955 eröffnet, als erste Autobahn der Schweiz gilt. Sie diente in erster Linie der Umfahrung von Horw.

An einer Verkehrskonferenz des TCS im Jahr 2009 hielt Horws Gemeindepräsident Ruedi Burkard ausserdem fest, dass für die Einführung von Tempo 30 im Zentrum weitere Massnahmen nötig waren: «Für 519 Meter verkehrsberuhigte Strasse brauchte es drei Zubringer zum Kreisel Schlund und die Ringstrasse.» Der TCS hat wiederholt den Standpunkt vertreten, dass er Tempo-30-Zonen auf Quartierstrassen befürwortet, auf Hauptverkehrsachsen jedoch ablehnt.

5. In der Baselstrasse muss eine Entscheidung getroffen werden

Die Zukunft der Baselstrasse könnte enorme Signalwirkung haben.

Zumindest bei der Gestaltung einer verkehrsberuhigten Strasse bleibt Horws Zentrum aber ein Vorbild für andere Gemeinden. So auch für die Stadt Luzern. Vergangenen März veröffentlichte diese ein Entwicklungskonzept für die Basel- und die Bernstrasse. Dieses zeigt auf, wie sich das Quartier Basel- und Bernstrasse in den nächsten 15 Jahren baulich und räumlich entwickeln soll. Eine Temporeduktion spielt in praktisch allen im Konzept enthaltenen Szenarien eine zentrale Rolle – als Referenz wird auch dort Horw explizit aufgeführt.

Auch sonst sind die Basel- und die Bernstrasse ein grosses Ventil für die Kantonsstrassen-Diskussion. Die Anwohner sind seit Jahrzehnten Lärmbelastungen über dem kritischen Grenzwert ausgesetzt. Obwohl sie schon lange Tempo 30 und Flüsterbeläge fordern, gingen die bisherigen Sanierungsmassnahmen nicht weiter als dem Einbau von Schallschutzfenstern (zentralplus berichtete).

Nun aber steht der Kanton bei der Baselstrasse vor einer wichtigen Entscheidung. Ein Rohrbruch hat im Spätsommer aufgezeigt, dass die Werkleitungen entlang der gesamten Strasse dringend saniert und erneuert werden müssen. Die Gelegenheit ist also gegeben, die Gestaltung der Strasse grundsätzlich zu prüfen.

Im Gegensatz zu manch anderen Kantonsstrassenabschnitten ist die Baselstrasse ohne Wenn und Aber eine Hauptverkehrsachse. Eine Temporeduktion hier hätte gewaltige Signalwirkung – ein Festhalten an der Ist-Situation ebenso.

6. Wegweisendes Bundesgerichtsurteil wird erwartet

Die Anwohner der Luzernerstrasse fühlen sich in Sachen Lärmschutz benachteiligt.

Gut möglich, dass letztlich ein noch ausstehender Entscheid des Bundesgerichts die Weichen für die Zukunft der Kantonsstrassen stellen wird. Konkret jenes zu den sogenannten Papiersanierungen, wie sie auch in der Baselstrasse ausgeführt wurden.

In Zusammenhang mit der lärmbelasteten Luzernerstrasse in Kriens kämpft Dominik Hertach, Geschäftsführer des VCS Luzern, derzeit vor Bundesgericht, um solche Papiersanierungen rückwirkend für nichtig erklären zu lassen (zentralplus berichtete). Auch in Kriens ist das Ziel eine Temporeduktion auf der Kantonsstrasse. Das Urteil wird im kommenden Jahr erwartet und könnte die Diskussion rund um die Gestaltung von Kantonsstrassen gänzlich verändern.

7. Die Signale gehen – nicht nur in Luzern – in eine Richtung

Blick vom Zuger Postplatz in Richtung Neugasse: Auch hier soll künftig Tempo 30 gelten.

Wie sich unser Mobilitätsverhalten genau entwickeln wird, ist – mit Blick auf dieses chaotische Jahr – wie Kaffeesatzlesen. Die Zeichen gehen indes ziemlich klar in eine Richtung. Für Luzern lohnt sich diesbezüglich etwa ein Blick nach Zug. Dort hat das Verwaltungsgericht kürzlich einer Einsprache, welche die Einführung von Tempo 30 in Teilen der Zuger Innenstadt verhindern wollte, eine Abfuhr erteilt. «Es erscheint offensichtlich, dass Temporeduktionen – insbesondere in urbanen Gebieten – in Zukunft zunehmen werden», sagte Zugs Sicherheitsdirektor Beat Villiger zum Gerichtsentscheid (zentralplus berichtete).

Tatsache ist aber auch, dass die Wirkung solcher Temporeduktionen auf Hauptstrassen heute zwingend durch Analysen und externe Gutachten belegt werden muss. Genau diese Bestimmungen zur Einführung von Tempo-30-Anordnungen sollen vereinfacht werden, fordert die nationale Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Diese soll im Rahmen der laufenden Revision des Strassenverkehrsrechts möglich gemacht werden (zentralplus berichtete). Die BFU hatte zuvor stets das 50/30-Modell (50 auf Hauptstrassen, 30 auf Quartierstrassen) vertreten – nun fordert sie einen «Paradigmenwechsel». Ob dieser zustande kommt, könnte sich tatsächlich schon im nächsten Jahr zeigen.

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5 Kommentare
  1. Andreas Peter, 03.01.2021, 11:43 Uhr

    Es ist wie immer mit linken Themen: Den Menschen werden Probleme eingeredet, welche sie ohne die linke Propaganda gar nicht hätten.
    Ziel ist wohl eine Spaltung der Gesellschaft, damit die Linke sich den einen anbiedern und die anderen stigmatisieren kann.
    „Divide et impera“ ist nun wirklich ein uralter Trick.
    Das klappt von Genderpolitik bis BLM. Ein Teil der Menschen macht willfährig mit und hält das noch für „moralisch wertvoll“.
    Ziel ist es nicht, allfällige Missstände zu beseitigen, sondern zu befeuern, da die Spaltung der Gesellschaft in „Minderheiten“ den Linken zur Macht verhilft.

    Übrigens: Ich mag es, in einem Strassencafé den Autos beim Vorbeifahren zuzuschauen.
    Ich fände es langweilig, wenn es das nicht gäbe.

    1. Remo Genzoli, 03.01.2021, 14:24 Uhr

      sie sind ja ein richtiger motorisierter individualverkehrsspotter! mein tipp: von autobahnbrücken aus lässt sich noch genussvoller spotten, inklusive schwerverkehr. für das strassencaféfeeling muss dann halt eine thermosflasche mit heissem kaffee reichen.

  2. Tb78, 03.01.2021, 09:07 Uhr

    523’000 km Kantonsstrasse… das ist dann dich etwas zu viel..

    1. Redaktion Ismail Osman, 03.01.2021, 17:02 Uhr

      Wenn man bedenkt, dass die Distanz bis zum Mond «lediglich» rund 384’000 Kilometern beträgt, dann ist das tatsächlich doch etwas zu viel. Es sind rund 523 Kilometer. Herzlichen Dank für den Hinweis!

  3. Rudolf, 03.01.2021, 07:49 Uhr

    „Wem gehören die Kantonsstrassen in Luzern?“ – Dem Kanton eben.

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Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.