Autokino auf dem Sedel: Der Wille ist da
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In Eigenregie aufgebaut: Das erste Autokino auf dem Sedelparkplatz. (Bild: cbu)

Mit David Lynch in den Feierabend Autokino auf dem Sedel: Der Wille ist da

3 min Lesezeit 1 Kommentar 08.08.2020, 20:30 Uhr

Was gibt es Entspannenderes, als einen anstrengenden Arbeitstag mit einem David-Lynch-Film abzuschliessen? Eigentlich eine ganze Menge. zentralplus hat sich trotzdem im ersten Autokino auf dem Sedel Lynchs «Lost Highway» angesehen.

Die Corona-Pandemie hat das in der Schweiz kaum bekannte Autokino salonfähig gemacht. Nirgends kann man die Abstands- und Schutzbestimmungen besser und unkomplizierter umsetzen als im eigenen Auto. Während reguläre Kinos aufgrund von ausfallenden Filmen den Betrieb herunterfahren (zentralplus berichtete) erfreuen sich Autokinos immer grösserer Beliebtheit. Sowohl in Zug (zentralplus berichtete) als auch in Luzern (zentralplus berichtete).

Nun also auch auf dem Sedel. Das Musikzentrum mit Blick auf den Rotsee ging einen anderen Weg als die anderen Anbieter. Während das Cinema Drive-In in Root beispielsweise versucht, den amerikanischen Spirit mit Roller-Girls einzufangen, hat sich das Sedel-Team für ein handgemachtes und unkompliziertes Konzept entschieden.

Mit sieben «Likes» zum Gewinner gekürt

Das begann schon bei der Filmauswahl. Statt einem klassischen Programm zu folgen, durfte das Publikum im Vorfeld via Facebook-Voting abstimmen. Drei Streifen standen zur Auswahl. Der Film, der die meisten Likes bekam, wurde gespielt. Das Rennen machte David Lynchs «Lost Highway». Damit liess er Tarantino mit seinen Nazi-mordenden «Inglorious Basterds» und David Wnendt’s Buchverfilmung «Er ist wieder da» über einen in der Neuzeit erwachenden Adolf Hitler hinter sich. Keine Chance für Nazis – auch nicht auf der Leinwand.

Bill Pullman als Fred Madison erwartet noch eine 135 minütige Tour de Force.

Mehr Grindhouse als Glamour

Der Event fand auf dem Parkplatz des Konzertlokals statt. Eingeklemmt zwischen der mit Graffiti dekorierten Fassade des ehemaligen Gefängnisses und einer mit gelben Lichterketten behängten Bar. Die Atmosphäre passte zum Film. Mehr Hinterhof als Hochglanzkino. Grindhouse statt Glamour.

Der Ton kam nicht wie üblich aus dem Radio (aktuelle Autokinos speisen den Ton über UKW direkt ins Wageninnere), sondern von Boxen in Leinwandnähe. Der Film selbst wurde via Laptop und Beamer ab Disc gespielt. Entspannter Filmgenuss kam leider trotzdem nicht auf: der Ton war eine Spur zu leise eingestellt (hintere Reihen hätten es schwer gehabt, dem Dialog zu folgen) und die eher kleine Leinwand versprühte mehr Heimkino-Stimmung. Und weil der Ton nicht über das Radio eingespielt wurde, mussten die Autofenster offen stehen – das Buffet für die zahlreichen Mücken war damit eröffnet.

Der Sedel rief – und kaum jemand kam

Im Gegensatz zu der Konkurrenz wollte der Sedel seinen Film nicht nur Autofahrern zeigen. Am Nachmittag, als der Filmsieger bekannt gegeben wurde, schrieben die Betreiber noch, dass natürlich auch Leute mit Scootern, Skateboards, E-Bikes oder fliegenden Besen erwünscht seien. Geholfen hat es leider nicht. Bei Filmstart waren vier Autos da. Zwei in der Poleposition vor der Leinwand und zwei etwas abseits auf der Seite. Ein fünftes fuhr kurz vor Start noch auf das Areal – um zu wenden. Schade für den Aufwand, den das Team um Barchef Boris Rossi betrieben hat.

Auf der Website priesen die Betreiber den Event als «erstes Sedel-Autokino» an. Es ist zu hoffen, dass ihre Mühen bei der allfälligen zweiten Ausgabe auf mehr Resonanz stossen.

Über «Lost Highway»

David Lynchs 1997 erschienener Film vermischt die Grenzen zwischen Film noire, Psychothriller und Horrorfilm. Seine episodische Struktur lässt mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu. Die Hauptrollen spielen Bill Pullman und Patricia Arquette. In Nebenrollen treten Robert Loggia, Jack Nance und Gary Busey auf. Für die Musik griff Lynch nicht nur auf seinen Stammkomponisten Angelo Badalamenti zurück, der schon Lynch’s Kultserie «Twin Peaks» musikalisch untermalt hatte, sondern verwendete auch Stücke der deutschen Band «Rammstein» und machte sie damit erstmals einem grösseren US-Publikum bekannt.

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1 Kommentare
  1. Stefan Hofmann, 10.08.2020, 08:23 Uhr

    Schwer nachvollziehbar, warum der alternative Sedel auf ein so unökologisches Format wie Autokino setzt…

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.