Autofrei könnte Illusion bleiben
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Dominik Frei (von links), Adrian Borgula und Roland Koch besichtigen die Bahnhofstrasse. (Bild: Luca Wolf)

Luzerner Bahnhofstrasse vor Totalumbau Autofrei könnte Illusion bleiben

5 min Lesezeit 1 Kommentar 22.05.2015, 19:39 Uhr

Keine Autos, dafür eine mit Boulevard-Restaurant besetzte Flaniermeile: So sollte die Bahnhofstrasse gemäss Volksinitiative umgestaltet werden. Doch die Stadt kann diesen Auftrag vorerst nur zur Hälfte erfüllen. Grund: Massive Probleme mit dem Verkehr. Nun stellen die Initianten Forderungen.

Jede Menge Arbeit, viele knifflige Probleme und einige empörte Leute: Das haben die Stimmbürger der Stadt Luzern eingebrockt, als sie im September 2013 Ja gesagt haben zur SP-Initiative «Für eine attraktive Bahnhofstrasse». Denn die Initiative verlangt, falls immer möglich eine Bahnhofstrasse ohne Autos, dafür mit mehr Platz für Fussgänger, Cafés und Velofahrer.

Aber weil die Bahnhofstrasse von vielen Stadtbesuchern und Zulieferern befahren wird, ist speziell der Wunsch nach einer autofreien Strasse extrem komplex. Diesen Freitag hat der Stadtrat informiert, wie es mit dem Projekt weiter geht.

Erste Etappe bis 2020 fertig

Das Wichtigste vorneweg:

  • Die Umgestaltung der Bahnhofstrasse soll in zwei Etappen erfolgen.
  • Knackpunkt ist der Verkehr. Die Bahnhofstrasse wird heute von vielen Stadtbesuchern und Zulieferern befahren. Auch zwei Parkhäuser sind auf die Bahnhofstrasse angewiesen. Diesen Verkehr umzuleiten, ist äusserst schwierig.
  • Im Herbst startet ein Wettbewerb, im Frühling 2016 entscheidet eine Jury über das Gewinnerteam.
  • Das Projekt kostet rund sechs Millionen Franken, Ende 2017 soll das Volk darüber abstimmen. Die erste Etappe soll 2020 abgeschlossen werden. Wann die zweite realisiert werden könnte, ist noch völlig offen.

Autos weg, Velos verschieben, Verkehr umleiten

Die erste Etappe umfasst den oberen Abschnitt von der Jesuitenkirche bis zur Seidenhofstrasse – das ist ziemlich genau die Hälfte der Bahnhofstrasse. Konkret ist in der ersten Etappe geplant:

  • Beim Theaterplatz verschwinden die fünf Taxiparkplätze. Zumindest drei davon, die nur wenige Meter weg am Ende des Hirschengrabens eingerichtet werden.
  • Die Bahnhofstrasse wird von der Jesuitenkirche bis zur Seidenhofstrasse autofrei. Nur noch die Lieferanten des Luzerner Theaters dürfen – vorerst noch – via Bahnhofstrasse runter zur Seebrücke fahren. Dieser ganze Abschnitt wird zur Fussgängerzone.
  • Die Autoparkplätze in diesem Bereich verschwinden. Über die ganze Bahnhofstrasse hinweg müssen 43 Parkplätze dran glauben.
  • Die Aufhebung der Autoparkplätze schafft in diesem Bereich die Voraussetzung für die Verlegung der Velos auf die andere Seite der Strasse. Für Velofahrer muss die Bahnhofstrasse gut befahrbar bleiben. Womöglich wird es eine separate Velospur geben. 
    Initianten üben Kritik

    Mario Stübi ist SP-Grossstadtrat und Mitgliedglied im Initiativkomitee «Für eine attraktive Bahnhofstrasse.» Zu den neusten Plänen der Stadt teilt er mit: «Grundsätzlich überwiegt die Genugtuung, dass es im Herbst vorwärts geht mit dem Wettbewerb zur Umgestaltung. Aber wir fordern vom Stadtrat einen verbindlichen Termin, wann auch die zweite Etappe des Fahrverbots für Autos über die gesamte Länge der Strasse Realität sein wird.»

  • Durch die Verschiebung der Velos – insgesamt finden entlang der Bahnhofstrasse 400 Platz – entsteht entlang der Reuss ein 7,5 Meter breites Promenadentrottoir
  • Das gibt mehr Raum für den Wochenmarkt oder für andere Anlässe.
  • Heute führen zwei Fahrspuren Richtung Bahnhof. In der ersten Etappe soll eine Fahrspur verschwinden.
  • Entlang der Reuss könnten abgestufte Zugänge mit Sitztreppen entstehen, um ans Wasser zu gelangen (siehe Skizze unten). «Diese Option überlassen wir den Wettbewerbsteilnehmern», erklärt Dominik Frei, Leiter Stadtgestaltung.
  • Ein verkehrstechnischer Knackpunkt stellt das Kantonalbank-Parkhaus an der Hirschmattstrasse dar. Wer künftig da raus fährt und auf die andere Seeseite will, darf nicht mehr via Bahnhofstrasse fahren. Laut dem städtischen Verkehrsexperten Roland Koch ist dann die beste Lösung, via Winkelriedstrasse in die Pilatusstrasse einzubiegen. An dieser Kreuzung brauchts dafür neu eine Ampel. «Die Pilatusstrasse kann diesen Mehrverkehr schlucken», ist Koch überzeugt. Laut ihm fahren aus dem Kantonalbank-Parkhaus in Spitzenzeiten bis zu 160 Autos pro Stunde. Allerdings fahren davon heute im Schnitt über 60 Prozent Richtung Hirschengraben zum Hallwilerweg – diese belasten die Pilatusstrasse folglich nicht zusätzlich (siehe Skizze unten).

Diese Massnahmen der ersten Etappe sollten laut Stadtrat Adrian Borgula gut umsetzbar sein. Mit massivem Widerstand sei nicht zu rechnen. «Verzögerungen könnten sich aber ergeben, wenn jemand gegen das neue Verkehrsregime Einsprache macht», so der Vorsteher der Direktion Umwelt, Verkehr und Sicherheit.

«Verzögerungen könnten sich ergeben, wenn jemand gegen das neue Verkehrsregime Einsprache macht.»

Adrian Borgula, Luzerner Stadtrat

Borgula ist überzeugt: «Mit der ersten Etappe erreichen wir schon viele Ziele der Initiative.»

Und so sieht das neue Verkehrsregime für die erste Etappe aus (Quelle: Stadt Luzern):

(Bild: arpagab)

Cafés ansiedeln, Parkhaus-Verkehr umleiten

Weitaus harziger wird die Realisierung der zweiten Etappe. Diese umfasst den unteren Abschnitt ab der Seidenstrasse bis zum Bahnhofplatz.

Konkret ist in der zweiten Etappe geplant:

  • Damit die Fussgängerzone durchgehend ist, sollen alle restlichen Autoparkplätze weichen.
  • Auch alle restlichen Veloparkplätze sollen zu den Häusern hin verschoben werden, damit das Promenadentrottoir durchgehend realisiert werden kann.
  • Die Zu- und Wegfahrt aus dem Flora-Parkhaus an der Seidenhofstrasse erfolgt nur noch via Pilatussstrasse.
  • Anstatt Büros und Gewerbe sollen sich entlang der Bahnhofstrasse mehr Cafés und Boulevard-Restaurants ansiedeln. «Wir gehen davon aus, dass die Grundeigentümer die neuen Möglichkeiten erkennen und entsprechende Angebote realisieren», sagt Dominik Frei von der Stadtentwicklung. Zwingen könne man aber niemanden.

Die zweite Etappe aber kann vorerst nicht realisiert werden. Denn zuerst braucht es eine Lösung für die vielen Velos in diesem Abschnitt. Diese haben auf der anderen Strassenseite gar nicht alle Platz. Abhilfe könnte ein Velo-Parkhaus beim Bahnhof schaffen – aber das ist noch Zukunftsmusik. Auch die Realisierung der Boulevard-Restaurants wird sich hinziehen. Und um die Autos aus dem Flora-Parkhaus in die Pilatusstrasse zu führen, braucht es dort zuerst eine Kapazitätsreduktion. Deshalb getraut sich bei der Stadt auch niemand, einen möglichen Zeitpunkt für die Realisierung der zweiten Etappe zu nennen. Das widerum hat bereits das Initiativkomitee zu einer Stellungnahme genötigt (siehe Box).

Und so sähe das neue Verkehrsregime für die zweite Etappe aus (Quelle: Stadt Luzern):

(Bild: arpagab)

Ein letzter spannender Aspekt betrifft die Salle Modulable. Bis Ende Jahr soll der Standortentscheid gefällt werden. Auch der Theaterplatz an der Bahnhofstrasse ist bekanntlich ein Kandidat. Möglicher Baubeginn wäre 2022. Im Rahmen dieses Mega-Projekts würde auch der ganze Theaterplatz angepasst. An der Planung zur Umgestaltung der Bahnhofstrasse ändert sich deswegen laut Stadtrat Adrian Borgula jedoch nichts.

Sie sind noch nie durch die Luzerner Bahnhofstrasse gefahren oder gelaufen? Schauen Sie sich das Video an und sehen Sie, wie es heute dort aussieht:

 

Skizze der Stadt, wie die Autofahrer künftig aus dem vielbefahrenen Kantonalbank-Parkhaus fahren sollen.

 

Skizze der Stadt, wie sich die Verkehrsströme ab Parkhaus Kantonalbank derzeit verteilen. Jene 23 Prozent, die bislang via Bahnhofstrasse weggefahren sind, müssen künftig einen anderen Weg fahren.

 

So wie hier rechts auf diesem Dokument der Stadt könnten die Sitztreppen zur Reuss gestaltet werden.

 Mehr Bilder von der Bahnhofstrasse sowie den Zufahrten sehen Sie hier in unserer Bildergalerie:

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1 Kommentare
  1. Mario Lütolf, 23.05.2015, 10:55 Uhr

    Komplexe Sache. Im Artikel interessant und umfassend aufbereitet. Man darf gespannt sein auf die Wettbewerbsideen bei all‘ den zu befriedigenden Ansprüchen. Die Sitztreppe-Option zur Reuss scheint mir persönlich ein ganz attraktives Teil..

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