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Aussichtsloser Kampf gegen den Gelben Riesen
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«Reklamationen bitte hier einwerfen.» Vielleicht sollte die Post ein solches Briefkasten-Modell in Erwägung ziehen. (Bild: wia )

Abbau von Poststellen Aussichtsloser Kampf gegen den Gelben Riesen

7 Min 26.03.2015, 12:00 Uhr

Die Post macht sich nicht nur Freunde. In kleineren Gemeinden sind die Poststellenschliessungen besonders stark spürbar. Viele sind wütend und wissen: Wenn die Post eine Entscheidung trifft, lässt sich daran nicht rütteln. Aktuellste Beispiele sind Vitznau und Walchwil.

Es braucht doch einiges an Glück, dass man gerade zuhause ist, wenn der Pöstler an der Tür klingelt, um einen eingeschriebenen Brief oder ein Paket vorbeizubringen. Viel eher ist jedoch der Fall, dass man im Briefkasten am Abend gleichen Tages einen gelben Zettel findet und sich bei der nächster Gelegenheit auf den Weg zur lokalen Poststelle macht. Bloss, wer am Morgen bereits verdutzt vor einer Postfiliale gestanden ist, der weiss: Die Öffnungszeiten haben sich geändert und in Zug gewährt einem der Gelbe Riese erst ab 9 Uhr Zutritt.

Erst Baar und Neuheim, nun Walchwil

Doch nicht nur diese Tatsache stösst viele Menschen vor den Kopf. In Baar wurde vor fast zwei Jahren die Postfiliale Oberdorf geschlossen. Damit bleibt der Stadt, die 23’000 Einwohner zählt, noch eine Filiale. In Neuheim wurde die Postfiliale ebenfalls geschlossen und in eine sogenannte Postagentur verwandelt – eine Poststelle, die in einen bestehenden Laden integriert ist. Der Briefkasten im Zentrum, wo die Post ehemals stand, wurde zum Unmut der Gemeinde ebenfalls aufgehoben.

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Post erhielt zentral+ auch gestern – wenn auch Elektronische: Die Poststelle Walchwil zügelt im Mai ebenfalls in den Spar. «Der Gemeinderat Walchwil sprach sich gegen eine Postagentur aus und machte deutlich, dass die Post die neue Lösung selber verantworten müsse», gibt der Gelbe Riese in seiner Mitteilung unumwunden zu.
Der Gemeindepräsident von Walchwil, Tobias Hürlimann, bestätigt, dass man die Entwicklungen «zähneknirschend zur Kenntnis» genommen habe. Er relativiert jedoch: «Das ist die freie Marktwirtschaft. Die Post ist eine AG auf privatrechtlicher Basis. Wenn sie also denkt, dass die Schliessung der Filiale richtig ist, dann ist das in Ordnung. Doch erfreut sind wir sicher nicht darüber.» In der gestrigen Mitteilung schreibt die Post, sie sei überzeugt, dass eine Postagentur «nach Abwägung aller Gesichtspunkte und positiven Erfahrungen an bereits über 660 Standorten», eine gute Lösung sei.

Künftig mit dem Schiff in die Post?

Dass sich die Post – oft zum Frust der Bevölkerung – wandelt, ist kein neues Thema. Doch bewegt es die Gemeinden mehr denn je. In einer ähnlichen Situation, wie die, in der die Zuger Gemeinden stecken, befindet sich die Luzerner Gemeinde Vitznau. Auch dort steht die Schliessung eine Postfiliale bevor.

Der Bauchef der Gemeinde, Alex Waldis, ist wütend über die angedrohte Veränderung. «Wir haben im Dorf keine Bank und können daher nur in der Post Geld einzahlen. Für die Beizen im Dorf ist es sehr wichtig, dass sie ihr Bargeld umwandeln können.»

«Das ist eine himmeltraurige Situation und wir wehren uns mit Händen und Füssen dagegen.»

Alex Waldis, Bauchef der Gemeinde Vitznau

Der Entscheid der Post ist für Waldis völlig unverständlich. «Die Post kann doch nicht eigenmächtig über die Gemeinde verfügen. Wir haben sehr viele Rentner im Dorf, die ihren Lebensabend hier verbringen. Die besorgen ihre Kommissionen im Dorf, da sie häufig nicht mehr mobil sind. Sie müssen künftig mit dem Bus oder dem Schiff nach Weggis, um ihre Einzahlungen zu tätigen. Das ist eine himmeltraurige Situation und wir wehren uns mit Händen und Füssen dagegen.» Trotz all des Körpereinsatzes: Vielversprechend sind die Aussichten nicht.

«Kein Post-Problem, sondern ein strukturelles»

Der Mediensprecher der Schweizerischen Post AG, Oliver Flüeler, schätzt die Situation alles andere als dramatisch ein. «Die Zahlen sprechen für sich. Was nützt es uns, wenn wir Infrastrukturen haben, die zu wenig genutzt werden? Dann setzen wir viel lieber auf sinnvolle, zeitgemässe Produkte oder beispielsweise auf Agenturen, die durch die Integration in den Dorfläden günstig sind», so Flüeler. Wenn Einkaufsläden schliessen würden, Restaurants und Schulen zu gehen, dann sei das kein Post-Problem, sondern ein strukturelles Problem in den Dörfern.

Auch das Argument, dass Senioren benachteiligt werden, lässt Flüeler nicht gelten: «Die müssen ja auch Kommissionen in anderen Gemeinden machen. Meine Erfahrung ist, dass sich ältere Menschen gut organisieren mit Nachbarn oder ihren Kindern und so Lösungen finden. Ausserdem hat die Post einen Hausservice, der sich genau auf diese Zielgruppe ausrichtet.»

«Die Post argumentiert mit Zahlen und Erhebungen, warum sich eine Filiale nicht mehr lohnt. Wir haben jedoch keine Chance, dies nachzuprüfen, auch wenn unsere Erfahrungen ein anderes Bild zeigen.»

Roger Bosshart, Gemeindepräsident von Neuheim

Der Neuheimer Gemeindepräsident Roger Bosshart beschreibt die Situation als David-gegen-Goliath-Fall. «Wir empfinden das Vorgehen der Post nicht fair und können es nicht nachvollziehen. Sie argumentiert mit Zahlen und Erhebungen, warum sich eine Filiale nicht mehr lohnt. Doch wir haben keine Chance, dies nachzuprüfen, auch wenn unsere Erfahrungen ein anderes Bild zeigen.»

Zankapfel Briefkasten

Nicht nur über die Schliessung der Postfiliale ärgern sich die Neuheimer. Der Briefkasten im Zentrum verschwand zeitgleich mit der Filiale. «Wir haben uns dagegen gewehrt und wollten einen neuen Briefkasten im Zentrum installieren lassen. Nach einigem Hin und Her erklärte sich die Post zwar bereit, einen Briefkasten im Zentrum anzubringen, forderte jedoch im Gegenzug, dass wir einen der zwei bestehenden Briefkästen stattdessen aufgeben würden.»

Die Diskussion fand im Sommer 2013 statt. Im Zentrum gäbe es bis heute keinen Briefkasten. Die beiden bestehenden Standorte seien zu wichtig, als dass sie geschlossen werden könnten, erklärt Bosshardt weiter. «Die kleinen Gemeinden, insbesondere aber die Berggemeinden, sind angewiesen auf einen guten Service Public.»

Leerungszeiten werden eingeschränkt

Die Veränderungen bei der Post äussern sich nicht nur durch drastische Massnahmen wie Filialschliessungen. Auch ganz subtil ändert sich das Postverhalten. So wurden die Leerungszeiten der Briefkästen in den letzten Jahren teils angepasst. Der Briefkasten am Bahnhof in Cham beispielsweise  wurde jahrelang am Sonntag am späteren Nachmittag geleert. Schrittweise wurden die Zeiten im jahrestakt reduziert. Wer also will, dass sein Brief am Montag ankommt, der muss nun am Sonntag schon vor dem Mittag am Bahnhof sein. A-Post zweiter Klasse, sozusagen.

«Es ist eine Unterstellung, wenn uns jemand vorwirft, wir hätten kein Interesse mehr daran, Briefe und Pakete zu transportieren.»

Oliver Flüeler, Mediensprecher der Schweizerischen Post

Darüber, ob sich die Zahl der Reklamationen bei der Post in den letzten Jahren zugenommen hätten, will Flüeler keine Angaben machen. Er ergänzt: «Es ist eine Unterstellung, wenn uns jemand vorwirft, wir hätten kein Interesse mehr daran, Briefe und Pakete zu transportieren. Doch wir müssen uns den heutigen Bedürfnissen anpassen und sind deshalb im Umbruch.» Ein Umbruch, in der sich die Post auch gewisse Schwächen eingestehen muss? «Nein, was wir machen, ist eine Reaktion auf die Veränderung der Gesellschaft.»

Paketautomaten sind im Kommen

So sei es beispielsweise durch die Entwicklung, dass Menschen alleine oder paarweise wohnen, immer häufiger der Fall, dass Postempfänger nicht mehr zuhause seien und Pakete oder eingeschriebene Briefe somit zurück zur Postfiliale gebracht werden müssen. Der Postsprecher sieht zwei Lösungen für das Problem: «Einerseits, dass man der Post einen Nachbarn oder einen Ort angibt, wo sie das Paket hinterlegen darf. Zudem haben wir schweizweit bis jetzt bereits 30 Paketautomaten montiert. Auch wenn wir das nicht flächendeckend machen können, ist geplant, dass wir dieses System kontinuierlich ausbauen.»

Für Waldis hingegen ist klar: «Wir haben das Problem, dass die Post in gewissen Leistungen ein Monopol hat. Dass ein voller Staatsbetrieb beschliesst, dass nur noch ein rentabler Bereich weitergeführt werden darf, finden wir unmöglich.»

«Wir sind in einer hybriden Zeit, in der es sowohl physische als auch digitale Bedürfnisse gibt. Aber auch das gehört zur Post; die Anpassung an den Wandel der Zeit.»

Oliver Flüeler, Mediensprecher der Schweizerischen Post

«Ein absurder Vorwurf», findet Postsprecher Flüeler. «Klar ist es manchmal hart, dass man sich mit dem Wandel auseinandersetzen muss. Da hat die SBB vielleicht ähnliche Probleme wie wir. Wenn es am Bahnhof immer weniger Schalter und fast nur noch Ticketautomaten gibt, trauern viele Leute dem Alten nach. Wir sind halt in einer hybriden Zeit, in der es sowohl physische als auch digitale Bedürfnisse gibt.»

Die Tendenz ist jedoch vielerorts ähnlich: Gegen den Gelben Riesen kommen die kleinen Gemeinden kaum an. Was bleibt, ist Frustration und Enttäuschung.

Die Gemeinde Vitznau kämpft trotzdem weiter. «Wir als Behörde werden nichts unterschreiben. Wenn das in einer einseitigen Verfügung endet, legen wir Rekurs bei der Regulierungsbehörde PostCom ein, die sich das dann anschaut. Wir rechnen damit, dass unsere Chancen klein sind. Wir sind es den Bürgern jedoch schuldig, dass wir uns wehren bis zum letzten Punkt», erklärt Waldis.

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