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Auffangbecken Informatikschule? Kanton wiegelt ab
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Könnten in Rotkreuz mit gesponserten Computern arbeiten: Studenten der Luzerner Hochschule (Bild: Hochschule Luzern)

Neuer Luzerner Lehrgang wird definitiv gestartet Auffangbecken Informatikschule? Kanton wiegelt ab

5 min Lesezeit 10.03.2017, 17:19 Uhr

30 Interessierte wollen die neue Luzerner Informatik-Ausbildung in Angriff nehmen. Damit ist klar: Das Angebot kommt zustande. Das Niveau dürfte aber tiefer sein als erwünscht. Dass die Regierung kurz nach der geplanten, aber gescheiterten Schliessung der Fachklasse Grafik eine neue Schule gründet, verstehen zudem nicht alle.

Nächsten Sommer wird in Luzern die neue Informatikmittelschule (IMS) ihre ersten Schülerinnen und Schüler begrüssen. Nun ist klar: Der Lehrgang kommt definitiv zustande.

Für die Ausbildungsplätze haben sich 30 Interessierte angemeldet. Das liegt leicht über den Erwartungen, sagt Christof Spöring, Leiter der kantonalen Dienststelle Berufs- und Weiterbildung. Einige von ihnen werden direkt zum Lehrgang zugelassen, für den Rest findet dieses Wochenende nun die Aufnahmeprüfung statt. «Ich rechne mit einer Klasse von 12 bis 20 Schülerinnen und Schülern.» Ihnen stehen drei Schuljahre bevor, anschliessend ein einjähriges Praktikum.

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Schule zweiter Klasse?

Die grosse Spannbreite ist damit zu erklären, dass der Kanton nicht auf bisherige Erfahrungen zurückgreifen kann – und daher erst nach der Aufnahmeprüfung weiss, wie viele tatsächlich die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Ein Punkt, der auch Fragen aufwirft. Roger Erni, Geschäftsführer des Branchenverbandes ICT Berufsbildung Zentralschweiz, äusserte kürzlich gegenüber der «Luzerner Zeitung» die Sorge, dass die IMS für gute Schüler zu wenig attraktiv sein könnte. Dies, weil gute Schulabgänger einfacher eine Informatik-Lehrstelle finden und nicht auf die Schule angewiesen sind. «Es darf nicht sein, dass nur jene Schüler an die IMS gehen, die keine Lehrstelle finden, und die IMS quasi zur Notlösung verkommt», warnte Erni.

«Im September ist die Lehrstellenvergabe bei den leistungsstarken Schülern bereits in vollem Gange.»

Christof Spöring, Leiter Dienststelle Berufs- und Weiterbildung

Ganz ausschliessen kann man dies – zumindest für das erste Jahr – nicht. Denn der Kantonsrat hat erst im September 2016 entschieden, die Informatikmittelschule einzuführen. Entsprechend spät erfolgte die Ausschreibung. «Im September ist die Lehrstellenvergabe bei den leistungsstarken Schülern bereits in vollem Gange», räumt Spöring ein. Das bestätigen Zahlen des Bundes: Ende August waren 96 Prozent der IT-Lehrstellen bereits vergeben. Es sei daher möglich, dass im ersten Jahr das Niveau etwas tiefer sei als später, so Spöring.

Dass die IMS nur für mittelmässige Schüler eine Option ist, weist er aber klar zurück. «Die Informatikmittelschule ist sehr anspruchsvoll, weil sie zwei Abschlüsse in einem Lehrgang vereint.» Nebst dem Fähigkeitszeugnis erlangen die Absolventen die Berufsmaturität mit Ausrichtung Wirtschaft. «Dazu braucht es leistungsstarke Schüler mit Kompetenzen in mehreren Bereichen.» Da die IMS nach dem Start im nächsten Herbst an Bekanntheit gewinnen wird, rechnet Spöring für das zweite Jahr mit mehr Bewerbungen – und einem Einpendeln des Levels.

Falsche Prioritäten?

Mit dem neuen Lehrgang will Luzern dem Fachkräftemangel in der IT-Branche entgegenwirken. Der finanziell angeschlagene Kanton kann sich das allerdings nur leisten, weil im Gegenzug eine der vier Klassen an der Wirtschaftsmittelschule (WMS) Luzern gestrichen wird. So gibt es die neue Schule quasi zum Nulltarif – unter dem Strich bleiben laut Regierung Mehrkosten von 16’000 Franken pro Jahr. Noch vor einigen Jahren scheiterte die Einführung einer Informatikmittelschule genau an den Finanzen.

Trotzdem: Ein schulischer Ausbau in Zeiten finanzieller Nöte und zwei Jahre nachdem der Kanton mit der Fachklasse Grafik und der Wirtschaftsmittelschule Willisau zwei Bildungsangebote streichen wollte – das sorgt bei der SVP-Kantonsrätin Barbara Lang für Fragezeichen. In einer Anfrage wollte sie mehr über den bildungspolitischen Kurs der Regierung wissen.

Bequeme Situation für IT-Branche?

Die ersten Luzerner Informatikmittelschüler werden ihre Ausbildung im Sommer 2021 abschliessen. Dann will der Kanton den Erfolg der Schule unter die Lupe nehmen und dem Kantonsrat 2022 einen Bericht dazu vorlegen. Dieser soll auch prüfen, ob die IT-Branche «dank» des neuen Lehrgangs weniger Informatiker ausbildet – weil sie die Arbeitskräfte nun ja quasi von der IMS erhält. Diese Sorge jedenfalls hegt GLP-Kantonsrat Markus Baumann, der mit einem Postulat ebenjenen Bericht verlangt. Der Regierungsrat bestätigt nun, dass er die Entwicklung im Auge behält und der Forderung nachkommen wird.

Diese begründet ihr Vorgehen mit den Bedürfnissen des Marktes. Der künftige Bedarf an Informatikerinnen und Informatikern sei hoch, die Anmeldungen für die Wirtschaftsmittelschule hingegen gehen tendenziell zurück, so der Regierungsrat in seiner Antwort auf die Anfrage. Mit der Informatikmittelschule will der Regierungsrat die schulische Grundbildung «noch besser an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausrichten». Er erachtet dies auch als Beitrag gegen den Fachkräftemangel. Mittelfristig wird ein Ausbau auf eine zweite Klasse angestrebt.

Andere Ausgangslage

Barbara Lang kritisiert indes, dass auch in der Grafikbranche Fachkräfte fehlen. «Dieser sollte ebenfalls dringend gedeckt werden.» Christof Spöring hält fest, dass man die beiden Branchen nicht über einen Kamm scheren könne. «Es sind zwei Dinge, die man nicht vermischen kann, denn die Ausgangslage ist ganz unterschiedlich.» In der Informatik könne der Bedarf an Arbeitskräften trotz aktuell rund 350 Lehrstellen nicht gedeckt werden.

«Es geht nicht darum, die zwei Branchen gegeneinander auszuspielen.»

Barbara Lang, SVP-Kantonsrätin

Deshalb springt der Kanton hier mit der neuen Schule in die Bresche. «Es ist volkswirtschaftlich wichtig, in die Informatik zu investieren», begründet Spöring. In der Grafikbranche hingegen fehle es an Lehrstellen – und da ist die Branche gefordert (zentralplus berichtete). Der Kanton hat den grafischen Nachwuchs bisher mit den schulischen Ausbildungen sichergestellt, was die Regierung aus Spargründen 2014 infrage stellte. Nach grossen Protesten hat der Kantonsrat jedoch von einer Streichung abgesehen.

Trotz der kritischen Fragen: Auch SVP-Kantonsrätin Barbara Lang anerkennt die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und würde die Schwerpunkte nicht anders setzen, wie sie sagt. «Es geht nicht darum, die zwei Branchen gegeneinander auszuspielen.» Letztlich benötige der Arbeitsmarkt aber beide.

Hochschule erwartet mehr Studierende

Klar ist: Für Freude sorgt die Neuausrichtung am Departement Informatik der Hochschule Luzern, das seit September in Rotkreuz Fachkräfte für die IT-Branche ausbildet. «Die Absolventinnen und Absolventen des neuen Lehrgangs bringen die Voraussetzungen mit, um ein Studium am Departement Informatik der Hochschule Luzern zu beginnen», sagt Direktor René Hüsler. Insofern erhofft man sich davon einen positiven Effekt.

Und mehr Studierende wären in Rotkreuz sehr willkommen. Die Anmeldungen für das erste Studienjahr lagen nämlich unter den Erwartungen. Wie sie sich 2017 entwickeln, dazu stehen noch keine verlässlichen Zahlen zur Verfügung, weil die meisten das Studium im Herbst beginnen. Die Hochschule Luzern jedenfalls begrüsst die Initiative des Kantons im Kampf gegen den Fachkräftemangel. René Hüsler: «Die Informatikmittelschule ist aus unserer Sicht ein geeignetes Mittel, da sie die Ausbildung neuer Informatik-Fachkräfte unterstützt.»

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