Auf Tuchfühlung mit dem Wutbürger
  • Gesellschaft
  • Musik
Gölä war in Luzern im Shopping-Center zu Gast – und signierte fleissig CDs. (Bild: aml)

Zu Besuch bei Göläs Autogrammstunde Auf Tuchfühlung mit dem Wutbürger

6 min Lesezeit 1 Kommentar 15.10.2016, 17:21 Uhr

Furore-Mundartrocker Gölä verkauft seine neuste CD «Stärn» in Bäckereien. So auch im Luzerner Shopping-Center Schönbühl. Am Samstagmorgen verteilte er zwei Stunden lang Autogramme. Was sind das für Menschen, die mit Gölä Selfies schiessen? Und wieso schlägt Gölä auf einmal so milde Töne an?

Es ist ruhig – ein Morgen wie jeder andere im Shopping-Center Schönbühl in Luzern. Wie fast jeder andere Morgen. Denn an diesem Samstag verteilt Mundartrocker Gölä hier in der Bäckerei Koch Autogramme. Seit Freitag kann sein neues Album «Stärn» in diversen Bäckereien gekauft werden.

Kurz vor 10 Uhr steht bereits eine kleine Schlange von zehn Fans vor dem noch leeren Autogrammtisch – diese schwillt nach Eintreffen des 48-jährigen Rockers bald fast bis zum Seiteneingang des Centers an.

So nah wie nie

«Schon mega cool, dass er sich für das hier Zeit nimmt – heute Abend tritt er ja noch bei ‹Happy Day› im Fernsehen auf», schwärmt der 39-jährige Rolli Eggerschwiler, der extra aus dem Bernischen hergereist ist, um seinem Idol mal ganz nahe zu sein. «So nah kommt man ihm sonst nie.»

In jedem steckt ein Rocker: Posen mit Gölä.  (Bild: aml)

In jedem steckt ein Rocker: Rolli Eggerschwiler posiert mit Gölä.  (Bild: aml)

Auch dem 22-jährigen Luzerner Silas Mathis zieht sich das Grinsen von einem bis zum anderen Ohr. «Seine Lieder sind mein Lebensinhalt – ich bin nicht sicher, ob ich ohne Gölä noch hier wäre», sagt der «extrem grosse» Fan, wie er sich selber bezeichnet.

Immer wieder «die da oben»

Eins ist schnell klar: Die Fans hier lieben ihren Gölä – ja vergöttern ihn schon fast. Dass der Mundartrocker mit seinem Mundwerk und dem steten Poltern gegen «die da oben» derzeit wieder breite Kritik auslöst, schert erst einmal keinen. «Was Gölä sagt, hat Hand und Fuss. Das sollen die da oben in Bern mal lernen», gibt Mathis zu bedenken, und: «Wenn man so einen wie ihn im Bundesrat hätte, dann bräuchten wir nicht sieben von denen.»

Silas Mathis, 22 aus Luzern, sieht Gölä als seinen Lebensretter.  (Bild: alm)

Silas Mathis, 22, aus Luzern, sieht Gölä als seinen Lebensretter.  (Bild: alm)

Der damalige SVP-Präsident Toni Brunner wollte Gölä 2010 bereits in die Politik hieven, nachdem der Mundartrocker sich für die Todesstrafe, gegen Burkas und für privaten Waffenbesitz ausgesprochen hatte. Aber keine Sorge – das wird so schnell nicht passieren, wie Gölä selber bekundet: «Ich bin nicht da, um allen zu gefallen. Denn sonst wäre ich Politiker geworden.» Er sage einfach seine Meinung, wenn er danach gefragt werde.

Kritik ist ihm sicher ­– Aufmerksamkeit auch

Und gefragt wird er immer dann, wenn eine Albumveröffentlichung bevorsteht. Das kurze Zeitfenster, in dem wieder reges Medieninteresse herrscht, will für gutes Marketing genutzt sein. So wetterte Gölä jüngst in einem «Blick»-Interview gegen Sozialhilfebezüger, Studenten, Lehrer, die «viel zu linke Politik» von denen da oben in Bern und erhob gleichzeitig einmal mehr den Büezer auf den Thron.

«Ich würde ja lieber über Musik reden, aber das interessiert keinen Menschen. Die Medien stellen mir Fragen und ich gebe eine Antwort darauf.»

Gölä

In der «Aargauer Zeitung» doppelte er nach mit Aussagen wie: «Was mich heute stört, ist diese Gleichgültigkeit. Alles ist möglich. Ob schwul, bisexuell, lesbisch oder sonst was. Wie in Sodom und Gomorrha.» Die Kritik war ihm sicher – und auch die Aufmerksamkeit.

«Zu viele Fremdwörter»

Also alles nur Marketing? «Natürlich stimmt das ein bisschen. Ich würde ja lieber über Musik reden, aber das interessiert keinen Menschen. Die Medien stellen mir Fragen und ich gebe eine Antwort darauf.» Es gäbe halt linke Journalisten, die ihn dann «in die Pfanne hauen und als Dorftrottel hinstellen», sagt Gölä. Dabei wolle er einfach nur «wärche ond mache».

Gölä macht – und das steht fest – Musik. Allerdings mehr schlecht als recht, schenkt man den Zeitungen «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» Glauben: Er maule in seinen Songs Sozialneid-Phantasien und klinge dabei wie ein Bauarbeiter auf Speed, meint Journalist Ane Hebeisen in seiner Albumkritik zu «Stärn».

CDs gehen weg wie warme Weggli.  (Bild: alm)

CDs und Autogramme gehen weg wie warme Weggli.  (Bild: alm)

Gölä lacht. «Wenn mich die Medien nicht mehr verreissen, kann ich gleich aufhören, Musik zu machen.» Die Kritik aus demselben Artikel, Göläs neustes Werk sei das erste hierzulande Musik gewordene Kollateralprodukt einer weltweit zu beobachtenden rechtspopulistischen Enthemmung, versteht er nicht auf Anhieb. «Zu viele Fremdwörter.» Er singe einfach über sein Leben, seine Gedanken, «Gfühl woni ha». Er habe vier Kinder und gehe auf die 50 zu. «Ich will, dass meine Kinder in jener Schweiz aufwachsen können, in der auch ich aufgewachsen bin», sagt der Mundartrocker.

«Man muss seine Meinung nicht teilen»

Zwar höre man im links angehauchten Lager eher Patent Ochsner oder Züri West, so Gölä. Er ist aber überzeugt, dass auch unter seinen Fans bestimmt manch einer denke: «Dä verzellt zwöschedöre Seich.»

Marcel Koch, Inhaber und Geschäftsführer der Bäckerei Koch, sagt: «Heute ist er als Musiker hier und nicht wegen seiner politischen Aussagen.» Dieser Meinung ist auch die 39-jährige Karin Morger aus Schachen, die mit ihrem Autogramm in der Hand wie ein Honigkuchenpferd strahlt: «Man muss seine Meinung nicht teilen, um seine Musik geil zu finden.»

Schnell, es warten noch andere: Bäckerei-Inhaber Marcel Koch mit Gölä.  (Bild: aml)

Schnell, es warten noch andere: Bäckerei-Inhaber Marcel Koch mit Gölä.  (Bild: aml)

Wenn die Zeit drängt …

Den meisten Autogrammjägern im Shopping-Center Schönbühl ist die ganze Debatte um die Aussagen des Wutbürgers ohnehin schnuppe. Fleissig stehen sie an, auch als um halb 12, eine halbe Stunde vor dem Ende des Spektakels, die Autogrammkarten ausgehen. Bäcker Koch stellt einfach übriggebliebene Flyer zur Verfügung, mit denen er Werbung für den Gölä-Besuch gemacht hatte.

Im Hintergrund läuft Göläs neue Musik, über den Lautsprecher werden weitere Besucher zur Bäckerei gelockt. Mittlerweile hat Gölä seine Jacke ausgezogen – so eine Autogrammstunde ist halt eine ziemliche Büez.

Er erfüllt im Tank-Top fleissig jeden Autogramm- und Fotowunsch, witzelt charmant mit seinen Fans, während sein Manager ungeduldig auf die Uhr blickt und ihn ermahnt, jedem nur noch ein Autogramm zu gewähren. Die Zeit drängt. Gölä muss zur «Happy Day»-Probe ins SRF-Studio nach Zürich. Doch er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Kaugummi kauend zieht er sein schwarzes Klappmesser aus der Hosentasche, um die noch in Folie gehüllte CD eines Fans zu öffnen und eine Widmung reinzuschreiben. Dann zieht er davon.

Luzerner Hip-Hopper gegen Gölä

Auch andere Luzerner hatten eine Botschaft für Gölä parat: Die Hip-Hopper GeilerAsDu stellten am Freitag einen Song ins Netz. «Nimm der es Bischpel am Gölä», rappt Luzi Rast von der Combo. Er blickt dabei, mit einer Tasse Tee am Fenster sitzend, in den Nachthimmel. «Vo de Bude id Charts, vom Stammtisch in Blick».

 

Bis am Samstagabend wurde das Video schon rege geteilt – und es wurde fast 8000 Mal angeklickt. In ihrem Facebook-Post schreiben GeilerAsDu: «Happy Releaseday Gölä! Bleib tapfer und greif nach den Sternen, du Armleuchter!»

Weiterer Bilder in der Galerie:

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. Kurt Heller, 18.10.2016, 13:53 Uhr

    Peinlich! Einfach nur peinlich!

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.