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Auf der Suche nach der Zeit dazwischen
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(Bild: Ingo Höhn)

Theaterpremiere: «Ouverture dans la nuit» Auf der Suche nach der Zeit dazwischen

4 min Lesezeit 01.09.2019, 12:29 Uhr

Die neue Spielzeit wird am Luzerner Theater ausserhalb des Theaters eröffnet. Mit einer mutigen Versuchsanordnung, die nur soviel ist, wie man selbst daraus machen will.

Ein Lachen, ein klappernder Fahrradständer, ein Husten, ein Motorengeräusch, ein Flugzeug in weiter Ferne, ein schweigendes Publikum. All diese Klänge hört man auf dem Theaterplatz, wenn man genau hinhört. So beginnt «Ouverture dans la nuit», die erste Premiere der neuen Theatersaison. Es ist eine unkonventionelle Eröffnung, da dabei kein Fuss in das Gebäude gesetzt wird. Das Stück schickt das Publikum weg vom Theater, es findet gänzlich draussen statt.

Inszeniert wird die Ouverture vom Zürcher Performancekollektiv «mercimax», respektive von deren Gründerinnen Karin Arnold und Jessica Huber. Das 2006 gegründete Kollektiv widmet sich in seinen Arbeiten vorwiegend verschiedenen Experimenten ausserhalb der bekannten Bühnenräume, mit dem Ziel die Blickwinkel des Publikums kreativ zu verändern.

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Sinnieren über die Wahrnehmung und die Zeit

Nun bringen sie ihre «Ouverture dans la nuit» nach Luzern. Was man im Vorfeld weiss: Es beginnt vor der Box des Theaters und nach einem knapp einstündigen Spaziergang durch den Wald wird das Luzerner Sinfonieorchester irgendwo spielen.

Die beiden Schauspieler André Willmund und Lukas Kubik führen bei diesem neuen Versuch durch den Abend. Mit viel Melancholie sinnieren die beiden zum Einstieg über Wahrnehmung und über die Zeit zwischen den Dingen. Wir verdrängen dieses Dazwischen immer weiter. Man höre der Welt um einen herum nicht mehr richtig zu, Reisezeit werde als verlorene Zeit betrachtet, die man vermehrt mit Musik, Telefongesprächen und anderen Beschäftigungen überbrücke.

Willmund und Kubik
Bild: Ingo Höhn

Der Untertitel «Eine Waldsinfonie» ist bei diesem Stück wörtlich zu verstehen. Denn sobald der Weg in den Wald angetreten wird, geschieht nichts mehr. Und halt eben doch alles. Das ist auch der grosse Haken an dieser Versuchsanordnung. Es ist kein Stück, kein Konzert im eigentlichen Sinne, kein Theater. Die beiden Schauspieler gehen voran, geben keine weiteren Denkanstösse und halten nur hin und wieder kurz an, um sicherzustellen, dass die Gruppe noch einigermassen beieinander ist. Was jedoch implizit erwartet wird, ist, dass jede Person die Sinfonie des Alltäglichen selbst wahrnimmt. Raschelnde Blätter, knackende Äste unter den rhythmisch dumpfen Fusstritten der Mitgelaufenen. Es ist eine Der-Weg-ist-das-Ziel-Situation.

Orchester-Stück eigens für diese Inszenierung geschrieben

Das Problem ist nur, dass das dominanteste Geräusch im Wald der Austausch des neusten Klatsches zu sein scheint. Bei einer so grossen Gruppe ist Smalltalk unausweichlich, es entsteht der Eindruck, dass die kleine Wanderung bis zum vermeintlich eigentlichen Ziel, dem Sinfonieorchester, mit Gesprächen überbrückt werden muss. Die darinliegende Ironie ist kaum auszuhalten, ging es doch genau darum diese Zeit dazwischen, diese vermeintlich leere Zeit, wieder richtig wahrzunehmen.

Luzerner Sinfonieorchester
Bild: Ingo Höhn

Nach einer Stunde erklingen von einer Lichtung her die ersten Noten des Sinfonieorchesters. Das Publikum macht es sich auf Decken und Hockern bequem und hört zu. Der Komponist Christian Garcia-Gaucher hat für diese Inszenierung von «Ouverture dans la nuit» eigens ein Stück für das Orchester geschrieben. Es wirkt wie eine Imitation der Natur, deren Töne sich zuerst scheu zeigen, dann immer mehr an Wucht gewinnen. Die Musizierenden sind dabei auf der ganzen Lichtung verteilt und erzeugen einen unerwartet vollen, grossartigen Klang, von dem man sich unter dem Sternenhimmel einlullen lässt.

Am Ende des Konzerts ist im Publikum ein gewisser Unmut spürbar. Es taucht die Frage auf, ob etwas, das grösstenteils nur im eigenen Kopf geschieht, als Theater bezeichnet werden darf. Man findet, es sei zu viel versprochen worden, ist es doch bloss ein Spaziergang mit dem Sahnehäubchen Sinfonieorchester – für den vollen Preis eines Theatertickets. «Das war zu kurz. Ich will mehr Musik!», ruft irgendjemand laut in die Menge.

Doch die Proteste sind unbegründet. Diejenigen, die wirklich zugehört haben, wissen, dass da schon viel mehr Musik war. Vorher. Irgendwo in einer Zeit dazwischen.

Nikola Gvozdic

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit null41.ch, dem Onlineblog von «041 – Das Kulturmagazin» entstanden und kann auch hier gelesen werden.

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