Auch an der Olma: Lotteriegelder als Wirtschaftsförderung
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Der Festakt soll die Eigenheiten des Kantons Luzern aufzeigen. Dass die Hälfte aller Einwohner fernab von Trachten und Kühen wohnt, spielt aber offenbar keine Rolle. (Bild: Hans Stutz)

Unser Korrespondent als VIP an der Olma Auch an der Olma: Lotteriegelder als Wirtschaftsförderung

4 min Lesezeit 12.10.2014, 18:03 Uhr

Für den Gastkanton-Auftritt an der Olma in St. Gallen entnahm der Regierungsrat 1,4 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds. Dessen Gelder dürften eigentlich ausschliesslich für «gemeinnützige Zwecke» eingesetzt werden. Ein Augenschein.

«Tag des Gastkantons» an der Olma, der «Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung». Samstagmorgen kurz nach zehn. Die Zuschauer stehen dichtgedrängt. Die angereisten «Ehrengäste» (viele Politiker und Beamte, einige Militärs) sitzen nach frühmorgendlichen Apéro regengeschützt auf der Tribüne und lassen den «Festumzug» an sich vorbeiparadieren. Er zeige, verspricht Regierungspräsident Robert Küng (FDP) im Programmheftli, «die Vielfalt, Traditionen und Eigenheiten» des Kantons Luzern.

Zurück zur Geistigen Landesverteidigung

Angekündigt von Moderator Kurt «Hopp de Bäse» Zurfluh ziehen vorbei: Trychler, Geisslechlöpfer, eine Kuhherde, die Zunft zu Safran samt Hellebarden- und Speerträger, auch die «IG Pferdezucht» und drei Werbewagen von «Lozärner Bier», danach noch zwei Fahnenschwinger-Gruppen, mehrere Jodelclübli und eine kroatische Folklore-Gruppe. Und gegen Schluss noch die «Corporis-Christi-Bruderschaft Sempach» mit zwei Kanonen, Kaliber 8,4 cm. Ingesamt knapp vierzig Sujets, viele in Trachten- oder Militäruniformen, rund 1400 Männer und Frauen und Kinder, dazu über zwanzig Pferde und einige Traktoren.

Der Kanton Luzern lässt – wie früher andere Olma-Gastkantone – das Schweiz-Bild der antimodernistisch inspirierten Geistigen Landesverteidigung aufleben; als ob es erstens zwar Städte, aber kaum städtische Kultur gäbe, zweitens die Landwirtschaft noch immer wirtschaftlich bedeutend sei und drittens katholische Kirchen und christlichen Traditionen das Leben der Menschen dominieren würden.

«Nicht dem gängigen Kulturklischee entsprechend»

Für den «Tag des Ehrengastes» sind im Budget 172’000 Franken (zentral+ berichtete) vorgesehen, inklusive dem nachmittäglichen «Festakt» in der «Arena», wo danach Schweinerennen stattfinden. Der kritische Ehrengast stellt fest: Die Lotteriefonds-Gelder werden für kulturelle Zwecke ausgegeben, doch der Umzug entsprach nicht der gesellschaftlichen Realität. Rund 65’000 Ausländer aus über hundert Nationen leben im Kanton und die Hälfte aller Einwohner wohnt in der Agglomeration Luzerns, fern von Hornvieh und grossen Schweinehallen (Jede vierte Schweizer Sau lebt im Kanton Luzern.)

Einen Brosamen aus dem Lotteriefonds gab es: Für «Kulturformen, die nicht dem gängigen Kulturklischee von Luzern» entsprächen, so der Kanton in einer Medienmitteilung, schütteten die Organisatoren des Olma-Gastauftritts 35’000 Franken aus, ausgelagert in einem «Kulturwochenende» vor Olma-Beginn mit einer Filmnacht und einer Spoken Word-Lesebühne. Die Zückerli-Politik hat Tradition: Eine Woche vor dem Moskauer Wirtschaftsförderungs-Reisli vom vergangenen Jahr, liessen die Organisatoren mit Fondsgelder einige eiligst engagierte Luzerner Musiker wie Heidi Happy und GeilerAsDu in Moskau einfliegen (zentral+ berichtete).

Tourismus-Film und Product Placement in der Sonderschau

Der kritische Besucher schlendert weiter, zuerst zur «Tierschau», den Olma-Zwangsferien für Luzerner Gross- und Kleinvieh (135’0000 Franken Fondsgelder), dann zur «Sonderschau». Er sieht einen Stand der Hochschule Luzern, die zeigt ein Solarprojekt. Der Rest der Sonderschau besteht aus Auftritten von Unternehmen wie der Willisauer Schnapsdistillerie Diwisa und «Lozärner Bier» oder dem Interessenverband Entlebucher Biosphäre.

Dazu noch der Auftritt von «Luzern Tourismus», der mehr als die Hälfte der Sonderschau in Beschlag nimmt: Eine Reisecar-Imitation, in der ein Werbefilm gezeigt wird. Gedreht mit einer Drohne und sieben Kameras. Die Zuschauer meinen, über die Landschaft zu fliegen. Technisch beeindruckend, aber mit störendem Product Placement: Um den Namen eines Luzerner Batterie-Produzenten nennen zu können, macht die Drohne einen Kurzausflug ins Weltall.

Die Ständebetreiber der Sonderschau mussten für ihren Auftritt nichts bezahlen. Die Schau ist Wirtschaftsförderung für insgesamt 780’000 Franken, mehr als die Hälfte des gesamten Budgets. Weitere 120’000 Franken gehen an die Projektmanager der Messe Luzern AG. Mit rund einer Million Franken wurde «Promotion des Kantons» betrieben, sie wurden für «nicht rein kommerzielle Auftritte des Kantons oder seiner Regionen» ausgegeben, gestützt auf die wohl verfassungswidrig abgeänderte Lotteriegelderverordnung.

«Luzern und St. Gallen haben Halbkantone im Windschatten, die gerne in ihrem Erfolg mitschwimmen würden»

Robert Küng, Luzerner Regierungspräsident

Der Luzerner Gastkanton-Auftritt ist vorwiegend Promotion für zwei Wirtschaftssektoren mit geringer Wertschöpfung und hohen Subventionen. Die Tourismus-Sicht dominierte auch die Filmbeiträge an der Eröffnungsfeier, ins Bild gerückt die Hätschel-Destinationen des Innerschweizer Massentourismus wie Rigi, Pilatus, Verkehrshaus und Vierwaldstättersee samt Dampfschiffen.

Nur für einen Moment redete der Luzerner Regierungspräsident Robert Küng bei seiner Ansprache Klartext. Als Gemeinsamkeit der Kantons St. Gallen und Luzern erkannte er: Sie beide hätten in ihrem Windschatten Halbkantone, die gerne in ihrem Erfolg mitschwimmen täten. Küng erhielt Szenenapplaus. Kurze Zeit vorher hatte er noch Luzerns tiefe Unternehmenssteuer gelobt. Dafür erntete er keinen Beifall. Häufiges Thema unter den mitgereisten Luzerner Politikern war an jenem Tag das Sparprogramm, über das sie in den nächsten Tagen beraten müssen. Aber noch nicht öffentlich besprechen können, da der Regierungsrat die Unterlagen einer Mediensperrfrist bis Ende Oktober 2014 versehen hat.

Als ob es zwar Städte, aber keine urbane Kultur gäbe: Luzern zeigt sich an der Olma konservativ.

Als ob es zwar Städte, aber keine urbane Kultur gäbe: Luzern zeigt sich an der Olma konservativ.

(Bild: Hans Stutz)

 

Hans Stutz ist freier Mitarbeiter von zentral+. Er ist auch Mitglied der Grünen Fraktion des Kantonsrates.

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