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Arbeitszentrum im ehemaligen «Folterkinderheim»
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Die Visualisierung der geplanten Wohnbauten (rechts) für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. (Bild: «ro.ma. architekten luzern»)

Spatenstich in Rathausen Arbeitszentrum im ehemaligen «Folterkinderheim»

3 min Lesezeit 24.03.2015, 17:07 Uhr

Bis Ende Jahr entstehen in Rathausen drei Wohnbauten mit 90 Plätzen für Schwerstbehinderte. Das Klostergebäude wird zu einem Arbeits- und Beschäftigungszentrum umgebaut. Das alles soll den Bewohnern ein würdiges Leben ermöglichen – und bringt ein Stück Würde an diesen Ort mit belasteter Vergangenheit zurück.

Der Name «Kinderdörfli Rathausen» wirkt niedlich. Doch er täuscht: Das ehemalige Kloster war noch bis in die 1970er-Jahre ein Ort des Grauens und der Qual. Priester und Nonnen «erzogen» – respektive züchtigten – die ihnen anvertrauten Kinder aus armen Verhältnissen mit brutalen Methoden und schädigten sie fürs Leben. Die so genannten Ordensleute schreckten auch nicht vor sexuellem Missbrauch zurück.

Eine neue Gedenkstätte soll bald an diese Kinderheim-Opfer erinnern. Wer konkretere Informationen zur Gedenkstätte erwartete, wurde jedoch am Dienstagnachmittag enttäuscht. «Es wird sicher Ende dieses Jahres, bis wir Neuigkeiten haben», sagt Rolf Maegli, Direktor der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL).

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Bauen momentan wichtiger als Gedenken

Die SSBL als Besitzerin des Areals ist ab heute vollends mit der Realisierung ihres Grossprojekts beschäftigt, das etwa 57 Millionen Franken kosten wird. Am Spatenstich betonte Margrit Fischer-Willimann, Präsidentin des Stiftungsrates, dass der Masterplan Rathausen mehr sei als ein Bauprojekt: «Das herausfordernde Ziel des Projekts ist eine hohe Lebensqualität für die betreuten Menschen. Es geht nicht nur um neue Wohnplätze, sondern um ein würdiges Leben.» Dazu zählte Fischer-Willimann Begegnungen mit anderen Menschen, Aktivitäten, Bewegung in der Natur sowie Ruhe und Spiritualität. «In Rathausen haben wir die einmalige Gelegenheit, diese Elemente gesamtheitlich zu planen und aufeinander abgestimmt umzusetzen», sagte die SSBL-Präsidentin.

Topmoderne Behinderten-Wohnplätze

Stiftung für Schwerbehinderte

Die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL begleitet und betreut Menschen mit einer geistigen und mehrfachen Behinderung. Im Kanton Luzern unterhält sie 41 Wohngruppen und diverse Tagesgruppen für 419 Frauen, Männer und Kinder. Das Angebot der SSBL umfasst die Lebensbereiche Wohnen, Arbeit und Beschäftigung sowie Freizeit. Die SSBL beschäftigt 850 Mitarbeitende (530 Vollzeitstellen).

Bis Ende 2016 entstehen im westlichen Teil des Areals drei neue Wohngebäude mit 90 Plätzen für Menschen mit einer geistigen und mehrfachen Behinderung. Der Leistungsauftrag des Kantons Luzern umfasst 21 neue Plätze. Durch die Neubauten können ausserdem 26 Provisorien und ebenso 43 Wohnplätze im Kanton aufgehoben werden, deren Infrastruktur nicht mehr den Anforderungen genügten.

Gleichzeitig werden das historische Kloster und die Klosterkirche saniert. Die Anlage wird in Zukunft als Zentrum für Arbeit und Beschäftigung genutzt und zudem für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Klosterkirche als Ort der Stille. Zudem sind multifunktionale Räume geplant, die auch grössere Gruppen für Bewegungstherapie, Veranstaltungen und Begegnungen mit Besuchern nutzen können.

Areal als Naherholungsraum aufwerten

Das Areal werde barrierefrei, verkehrsarm, rollstuhlgängig und naturnah gestaltet, hiess es. Dadurch entsteht ein «sicherer und attraktiver» Bewegungsraum für Bewohnerinnen und Bewohner wie auch für die Bevölkerung. Rathausen soll damit als Naherholungsraum aufgewertet werden.

Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf würdigte in seiner Grussbotschaft das Projekt als «fachlich durchdacht und wirtschaftlich». Die SSBL gewährleiste damit die dringend notwendigen Wohnplätze für schwer beeinträchtigte Menschen im Kanton.

Es fehlen noch sieben Millionen Franken

Nach Einsparungsmassnahmen und betriebswirtschaftlichen Optimierungen beliefen sich die Gesamtinvestitionen für den Masterplan Rathausen auf 57,7 Millionen Franken, sagte SSBL-Direktor Rolf Maegli an der Veranstaltung. Rund 50 Millionen Franken seien durch die Unterstützung von Bund, Kanton und durch Spendengelder bereits sichergestellt. Die SSBL werde in den nächsten Monaten einen hohen Effort leisten, um den Restbetrag bei institutionellen und privaten Spenderinnen und Spendern zu generieren.

Die Aufteilung der Kosten sieht folgendermassen aus. Die Neubauten kosten 28 Millionen Franken, die Klostersanierung 17,9 Millionen, Umbauten und Arealgestaltung schlagen mit 5,4 Millionen Franken zu Buche. Für Spendenprojekte sind 6,4 Millionen Franken eingesetzt. Aus diesem Topf werden die behindertengerechte Arealgestaltung bezahlt, die Kirchensanierung, der Ausbau des Dachgeschosses, der neue Sinnesgarten und der Raum der Stille.

In den letzten Jahren gab es zuerst Pläne, im sanierungsbedürftigen Kloster ein Erlebniszentrum, das Behinderungen erfahrbar macht, einzurichten. Diese Idee war aber umstritten und liess sich nicht finanzieren. Das fallen gelassene Projekt sah noch Kosten von 34 Millionen Franken vor.

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